Wasser
Wasser ist ein wunderschönes Element. Es kann verschiedenste Formen annehmen. Von massiven gefrorenen Eisbergen, durchdrungen von ganzen Höhlensystemen, über schillernde Bachläufe, die zu mächtigen Flüssen anschwellen und sich in tosenden Wasserfällen ins Meer ergießen, bis zu mystischen Nebeln und beeindruckenden Wolkenformationen, die die menschliche Hand niemals fassen kann. Wasser findet seinen Weg überallhin und ist in unserer Welt allgegenwärtig. Mit der Zeit kann selbst das kleinste Tappen von Wassertröpfchen ganze Häuserdächer zum Einsturz bringen und trifft ein Rinnsal auf ein Hindernis, so schlängelt es sich einfach daran vorbei. "Sei wie Wasser." Das hat mein Jujutso Do Trainer immer gesagt. Wahrscheinlich sagt er es auch immer noch, doch habe ich mich von dieser wunderbaren Truppe von Kämpfern und Gefährten verabschieden müssen, als ich nach Ruanda gezogen bin. Allerdings erscheinen mir seine Worte immer wieder in meinen Gedanken. "Sei wie Wasser", das heißt sei geschmeidig, wehre dich nicht gegen Dinge, die du nicht kontrollieren kannst, sondern lasse dich mitschwimmen und finde einen Weg an ihnen vorbei. Aber vor allem steht Wasser für Anpassung und die Fähigkeit, sich in seine Umgebung ganz natürlich einzufügen.
Eine ähnliche Lektion habe ich bereits vor fünf Jahren von einem indischen Freund in Neuseeland gelernt: Geh mit dem Wind. Die Botschaft ist eine ähnliche und trotz des Wissens um sie, hatte es nach meiner Rückkehr nach Deutschland doch noch ein paar Monate gedauert, bis sie ganz zu mir durchgesickert war. Es ist eine dieser Lebenslektionen, denen man sich bewusst ist, doch sie wirklich und wahrhaftig auch unbewusst und in seinem gesamten Wesen wahrzunehmen ist eine ganz andere Herausforderung. Zudem kommt, dass selbst, wenn man diese Bewusstseinsstufe bereits erreicht zu haben glaubt, sie doch immer wieder trainiert werden muss, da man das "Fließen" in unserer heutigen dauer-gestressten Gesellschaft, doch leider schneller wieder verlernt, als einem lieb ist.
Dies ist einer der Gründe, weshalb es mich nach meinem 4-jährigen Studium zunächst erstmal wieder in die Ferne gezogen hat. Ich hätte gerne einen Master gewählt und weiterstudiert und habe so viele Ideen, welche interessanten Dinge ich als Nächstes lernen könnte, welche Fertigkeiten ich mir aneignen kann. Doch direkt wieder die Schulbank zu drücken, nachdem ich in meinem letzten Studiensemester um Weihnachten herum beinahe an einem Burn-Out zu Grunde gegangen wäre, erschien mir dann doch als eine Verschwendung meiner Jugend. Wissen und neue Fähigkeiten kann man nicht nur im Studium erlernen. Je länger ich hier bin, desto zufriedener bin ich mit meiner Entscheidung und desto mehr spüre ich, wie ich langsam wieder aus meinem eingefrorenen Zustand auftaue.
In der Wandergruppe Steps to Wellness (STW) habe ich einige sehr gute Freunde in Kigali gefunden. Doch leider sind diese nicht jede Woche Sonntag mit mir am Start, was mich das ein ums andere Mal ein wenig enttäuscht hat. Da ich eine Menge Energie hatte und diese nicht an besagten Freunden auslassen konnte, habe ich also beschlossen sie mit Leuten zu teilen, die damit mehr anfangen konnten. Ich ließ mich zurückfallen und unterstützte, vor allem beim Aufstieg, die Leute, die mehr Schwierigkeiten mit dem steilen Weg hatten. Zugegebenermaßen ist das für meine ungeduldige Persönlichkeit eine eher frustrierende als einfache Aufgabe. Doch gleichzeitig wurde mir dabei wieder bewusst, dass es keinen Sinn hat, etwas mit Gewalt zu erzwingen. Stattdessen versuchte ich die Personen zu unterstützen, wo sie eine helfende Hand benötigten und ihnen gleichzeitig die Zeit und Pausen zu lassen, die sie brauchten, um wieder zu Atem zu kommen. Auch ein Bach wird den verkeilten Ast nicht auf einen Schlag den Berg herunterspülen können, um an der Stelle den Bogen zum Thema Wasser zurückzuspannen. So ergab es sich also, dass ich Ende März bei einer Tour, gemeinsam mit einem anderen Wandergenossen, zum Admin ernannt wurde. Von den eigentlichen Administratoren und Administratorinnen war an diesem Sonntag niemand anwesend. Lediglich unser Tourguide Joshua benötigte Unterstützung dabei, die Gruppe zusammenzuhalten. Folglich arbeiteten wir zu zweit als Schlusslichter und halfen den letzten tapferen Hikerinnen den Mount Kigali hinauf, während Joshua die Truppe anführte. Ich bevorzuge es nach wie vor, in meiner eigenen Geschwindigkeit zu laufen und mich dabei nicht um andere kümmern zu müssen. Dennoch gibt es einem ein gutes Gefühl, wenn man von jemandem das Vertrauen zugesagt bekommt, eine solche Verantwortung zu übernehmen und es von den Menschen auch dankend anerkannt wird.
Derselbe Sonntag war auch der Tag des Eid al-Fitr, der das Ende des Ramadan im muslimischen Kalender markiert. Nach der muslimischen Zeitrechnung schreiben wir das Jahr 1446 AH (Beginn der Rechnung im Jahr 622 n.Chr.) und sie folgt dem Mondkalender. Der Ramadan ist der neunte der zwölf Monate und ist die Zeit des Fastens. Von Gläubigen werden dabei täglich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang weder Speisen, noch irgendwelche Getränke zu sich genommen. Außerdem wird im Monat des Ramadan auch auf andere Genussmittel, wie das Trinken von Alkohol, Rauchen oder Sex, verzichtet. Dieses ist eine spirituelle Praxis, die dazu dient, Allah zu achten, Vergebung zu suchen und ihm näherzukommen. Es lehrt Selbstdisziplin, Mitgefühl für Bedürftige und ermutigt zur Nächstenliebe. Zudem hilft es dabei, die Seele zu reinigen, stärkt die Gemeinschaftsbande und fördert die spirituelle Reflexion. Es geht beim Fasten also nicht nur um den Verzicht auf Essen und Trinken, sondern um Achtsamkeit und Mitgefühl. Wenn am Ende des Ramadan der Neumond gesichtet wird, bedeutet das das Ende der Fastenzeit und es ist Zeit für das Fest des Fastenbrechens (Eid al-Fitr), im Deutschen auch als Zuckerfest bekannt.
An jenem Sonntagnachmittag waren wir (die Freundesgruppe, die ich zuvor erwähnt hatte) bei meiner Freundin Fatma zum Eid al-Fitr eingeladen. Sie ist auch diejenige, die mir mehr über die Tradition und die Hintergründe des Ramadan erklärte. Es war eine angenehme Runde, genau wie ich es gerne habe. Eine kleine Gruppe an Menschen, die sich gut verstehen, ohne hohe Lautstärke, mit gutem Essen und noch besseren Gesprächen. Zumindest ging ich davon aus, die Gespräche waren gut, jedoch musste ich die Lieben immer mal wieder daran erinnern, dass mein Kinyarwanda noch nicht ganz so stabil ist. Doch mit dieser gemütlichen Runde sollte der Tag nicht zu Ende gehen. Mico war an diesem Abend bei einem Freund zum Geburtstag eingeladen und bot mir an, dass ich mitkommen könne. Der am Nachmittag noch sanft dahinplätschernde Bach vergrößerte sich also am Abend zu einem Fluss und mündete Nachts über einen Wasserfall in einem ruhigen von Sternen besetzen See.
Wir erreichten die Party ein wenig durchnässt, da es zu regnen begann, als wir auf den Motos saßen. Zudem kam, dass wir Mico und seinen Fahrer aus den Augen verloren und so zunächst den falschen Weg nahmen. Am Zielort angekommen, war ich ein wenig überwältigt. Ich weiß bis heute nicht, ob die Location eine Bar, ein Outdoor-Club, oder was auch immer ist, aber es wirkte doch sehr exklusiv. Wir mussten Eintritt zahlen, bekamen ein schickes gelbes Bändchen und wurden daraufhin um das Haus zu einem edel gestalteten Pool geführt. Das Becken war organisch abgerundet, wie zwei sich überschneidende Kreise und angenehm beleuchtet. Das Wetter lud jedoch nicht unbedingt zu einer Pool-Party ein. Wir liefen die Senkung hinunter, am Pool vorbei und zu der Bar, wo ein DJ die an den Tischen verteilten Leute mit Musik beglückte. Die Geburtstagsgäste von Micos Freund waren zu dem Zeitpunkt bereits ein wenig angeheitert und es dauerte keine fünf Minuten, da saß ich auch schon auf der Bank und wurde von beiden Seiten freudig in Gespräche verwickelt. Der Fluss wurde zum Wasserfall, als sich die Party dem Ende näherte und ich zu meiner ersten Club-Erfahrung eingeladen wurde (sofern man das Herumgehüpfe in der kleinen Sardinenschachtel, damals nach meinem Abiball, nicht dazuzählt). Es war ganz nett, doch obwohl ich seit ich hier bin erstaunlich viel unternehme und mich auch Abends mal verabrede, bin ich nach wie vor keine Freundin von lauten Orten mit vielen Menschen. Ohne ein paar Schlucke fühle ich mich dann auch beim Tanzen eher fehl am Platz als ausgelassen und amüsiert. Nichtsdestotrotz hatte ich auch dort Spaß und das zeigt mir einmal mehr: Es sind doch hin und wieder weniger die Dinge, die man tut oder die Orte, an denen man ist, als viel mehr die Menschen, mit denen man zusammen ist, die einem das ein oder andere Erlebnis versüßen. Und so machte ich mich nach diesem ersten offiziellen Club-Besuch auf den Weg nach Hause und versank schon bald in einem See der Träume.Am nächsten Tag, dem Montag, musste ich nicht zur Jumelage. Eid al-Fitr ist in Ruanda ein Feiertag. Da er dieses Jahr auf einen Sonntag fiel, wurde uns ein weiterer freier Tag geschenkt, dank der wunderschönen Regel solche Feiertage auf den nächsten Werktag zu legen. Doch auch für diesen freien Tag hatte ich Pläne. Unsere Administratorin von STW, Judith, hat für ihr Tourismus-Unternehmen einen großen Preis gewonnen. Ich bin mir leider des genauen Namens von diesem Award nicht mehr sicher und in der WhatsApp-Gruppe wurden seitdem leider viel zu viele Nachrichten gepostet, als dass ich dort noch etwas finden könnte (wir sind mittlerweile über 500 Mitglieder). Ich meine mich jedoch zu erinnern, dass es um 'Women in Leadership' ging und Judith den Preis in der Kategorie Tourismus gewann. In jedem Fall war die gesamte Familie von STW am Montag zu einem großen Essen und einer kleinen Pool Party eingeladen. Es war ein ausgelassener Nachmittag, ich trug endlich mal das rote Kleid, das ich aus Deutschland mitgebracht hatte und zudem neue Sandalen, die ich in der Woche zuvor mit Claudette gekauft hatte. Im Anschluss an die Feier, plante ein Teil der Gruppe noch eine After-Party. Doch da am nächsten Tag wieder ein Arbeitstag anstand, hielt sich die Partystimmung in der Bar, die ausgewählt wurde, doch eher bedeckt. Es wurden noch ein zwei Getränke geteilt und bald schloss ich mich dann auch der ersten kleinen Kolonne an, die netterweise von DJ nach Hause kutschiert wurde.Nicht nur spaßige Erlebnisse und spontane Aktivitäten stehen unter dem Banner "Go with the Flow". Manche Situationen liegen außerhalb deiner Kontrolle, weswegen du nicht versuchst den Felsen aus dem Weg zu bewegen oder vor ihm stehen zu bleiben. Sei Wasser und fließe um ihn herum, wobei du dir die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten raussuchst.
Wir haben eine Ratte im Haus, jedoch keine süße und putzige Hausratte. Als ich am Dienstagabend nach der Arbeit noch einkaufen war, kam ich nach Hause und die Wohnung sah aus, als hätte jemand einen unerwünschten Gast durch Küche und Wohnzimmer gejagt und dabei alles aus den Regalen im gesamten Zimmer verteilt. So war es letztendlich auch gewesen. Seit einiger Zeit hatte sich anscheinend eine kleine Ratte in unserer Couch heimisch eingerichtet. Jetzt hatte sie endlich ihr Gesicht gezeigt und Luisa war ganz und gar nicht begeistert davon. Gemeinsam mit ihrem Kumpel Crispin hatte sie es an diesem Abend geschafft, das Tier aus der Wohnung zu scheuchen und ihr Nest im Sofa auszuräumen. Sei wie Wasser. Ich hinterfragte das Chaos erst garnicht weiter, sondern begann stattdessen dabei zu helfen, das Haus wieder auf Vordermann zu bringen. Eine Sache erscheint mir jedoch als sonderbarer Zufall: Nach Einkaufsbelegen zu urteilen, die wir im Nest gefunden haben, befindet sich das Tier schon eine ganze Weile dort. Wie kommt es, dass es sich ausgerechnet jetzt bemerkbar machte? Ausgerechnet jetzt, wo ich nur einen Tag vor dem ersten Auftauchen in der Stadt versehentlich eine Ratte über den Bordstein gekickt hatte? Ist das Karma? Die Rache der Ratten? Klingt nach einem furchtbaren Trash-Film. Dabei war das ein absolutes Versehen, das Vieh ist mir vor die Füße gelaufen und ich versuche mich bis heute zu überzeugen, dass das Tier die Tortur ein wenig benommen, aber doch sonst unbeschadet überstanden hat. Was auch immer die Hintergründe für das Rattenproblem sind, wir haben begonnen uns darum zu kümmern.
Ein bereits länger bestehendes Problem, welches wir nach Eskalation ebenfalls endlich behoben haben, ist die Sache mit den Türschlössern. Das Tor zum Hof konnte ich lange Zeit problemlos öffnen, nachdem unser Nachbar Patrick seinen Schlüssel mit meinem getauscht hatte, doch seit einer Weile konnte man wohl auch mit unbefugten Schlüsseln von außen herein. Zur selben Zeit funktionierten die eigenen Türöffner nicht, wenn das Torschloss verdreht war und die Haustüre öffnete ich bereits seit Wochen nur noch von außen (ich benutzte die Hintertür), da ich sie sonst eher eingetreten hätte, bevor ich in der Lage gewesen wäre, sie mit dem Schlüssel zu öffnen. Doch heute brach der Damm endgültig, als Luisas Werkzeug stecken blieb und sich nicht mehr rührte. Die Türe war offen und sie konnte das Haus nicht verlassen. Wir kommunizierten also einige Zeit lang über Textnachrichten und am Nachmittag verließ ich die Arbeit frühzeitig mit zwei Kollegen, um in der Stadt neue Schlösser zu besorgen und die alten am Haus und Tor auszuwechseln. Jetzt haben wir neue Schlösser, neue Schlüssel und die Türe lässt sich nun erstmalig ohne Aggressionszustände meinerseits öffnen (die Türe selber ist leider nach wie vor verzogen, doch ich befürchte eine neue ist preislich nicht drin). Ende gut, alles gut.
Ob es Probleme sind, die einem im Leben begegnen, oder Entscheidungen, die unsere Handlungen bestimmen, eine flüssige Lebenseinstellung ist oft von Vorteil. Es ist weder hilfreich vor Herausforderungen einzufrieren, noch aufgrund von Zweifeln zu zögern. Lass dich treiben und gehe die Wege die dir unterwegs bereitet werden. Auch wenn sie manchmal mäandrieren oder sich verengen, enden letztendlich alle Flüsse im Meer. Vergesse zudem nicht, dir diese Einstellung immer wieder bewusstzumachen. Sollten dann am Schluss doch alle Stricke reißen, fang an zu kochen und schwebe als Wolke über deine Probleme hinweg.
Das ist nun doch vereinzelt ein recht philosophischer Text geworden. Ich bin ein wenig zwiegespalten, ob ich glaube, meine Gedanken so angemessen und verständlich auszudrücken, oder lediglich eine Kollage aus schlechten WhatsApp Status der 2010er Jahre zu kreieren. Doch manche solcher kitschigen Sprüche kommen nicht von irgendwoher und ich emfinde die Analogie des Wassers als eine schöne Beschreibung für eine entspannte und anpassungsfähige Lebensweise, die ich mir aktuell wieder versuche anzueignen. Zumal sie mir in den kommenden Wochen auf meiner Reise nach Tansania und Kenia von Vorteil sein könnte, sollte ich es schaffen schön flüssig zu bleiben.
Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.





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