Herz Afrikas - Unerzählte Geschichten meiner Abenteuer in Ruanda (Teil II)


Willkommen zurück zu Teil zwei der unerzählten Geschichten aus meiner Zeit in Ruanda. Falls du den ersten Teil verpasst hast, kannst du ihn über diesen Link finden: Herz Afrikas - Unerzählte Geschichten meiner Abenteuer in Ruanda (Teil I). Dieser Teil deckt ein paar schwerere Themen ab, die ich absichtlich nicht oft anspreche. Nicht, weil ich damit nicht klarkomme oder irgendein Trauma mit mir herumschleppe. Es ist eher ein Stimmungskiller, der einfach nicht in normale Alltagsgespräche passt, weshalb ich es mir leichter mache und einfach nicht darüber rede.

Aber das hier ist ein freier Raum für Gedanken und Geschichten und auch wenn sie diesmal etwas schwerere Kost sind, sind sie trotzdem sehr vielschichtig, komplex und sagen eine Menge über unsere Gesellschaft aus. Also mach dich bereit, hol dir eine Tasse Tee und lass dich darauf ein.

Was Filme nicht zeigen

Wir waren auf einem Feldbesuch in die Eastern Province unterwegs. Meine Kollegen Richard und Jane saßen vorne, während ich die Rückbank belegte. Wir erreichten Rwamagana, nicht weit von Kayonza, wo wir Richtung Süden abbiegen und weiter Richtung Kirehe fahren würden. Unsere eigene Spur war größtenteils frei, bis auf ein paar Motos, die Leute zur Arbeit brachten. Die Gegenspur dagegen, Richtung Kigali, war an diesem Morgen ziemlich voll, eine lange Reihe von Fahrzeugen. Wir fuhren weiter auf unserer leeren Spur, als ein Auto vor uns ausscherte, um zu überholen. Es hatte es fast geschafft, doch Richard musste trotzdem noch etwas ausweichen und leicht abbremsen. Rumps!

Es gab ein plötzliches Rumpeln, das Auto wackelte kurz, als wären wir über einen großen Stein gefahren und Richard brachte den Wagen am Straßenrand zum Stehen. Erst da wurde ich wirklich aufmerksam. Davor war ich in mein Handy vertieft gewesen und hatte mir ein paar wahllose Gedanken für einen möglichen zukünftigen Blogpost notiert. Ich war verwirrt, was gerade passiert war. Auch der Verkehr auf der Gegenspur war zum Stillstand gekommen.

Ich drehte mich um und blickte durch die Heckscheibe. Ich sah ein Motorrad auf der Straße liegen und eine Person davor. Wir stiegen aus und ich beobachtete, wie Leute zur Unfallstelle liefen, konnte es aber zunächst nicht über mich bringen, selbst hinzuschauen. Ich hatte Blut und Gewalt und Tod schon so oft in Filmen gesehen. Aber irgendetwas in mir hatte Angst, was es mit mir machen würde, wenn ich den Kopf drehe. Doch Neugier hat schon so manche Katze umgebracht und man kann bei einem Unglück eben nicht wegschauen, so ungern man das zugeben möchte. Ich spürte diesen Sog und ließ meine Augen letztlich die Straße hinunterwandern.

Ein Mann, wahrscheinlich Anfang vierzig, mit blauem Hemd, lag ausgestreckt auf dem Asphalt. Er war bei Bewusstsein und bewegte sich, es waren keine sichtbaren Verletzungen an ihm zu erkennen, aber sein Gesicht war aus einer Mischung aus Schock und Schmerz verzogen. Sein Helm lag ein paar Meter von ihm entfernt. Er musste beim Aufprall abgefallen sein, aber sein Kopf sah von außen unversehrt aus. Es war etwas anderes, das mir kalten Schweiß über den Rücken laufen ließ. Eine Spur von etwas Rötlich-Rosanem zog sich hinter ihm her, feucht schimmernd in der Sonne. Etwas weiter lag das Motorrad seitlich, direkt neben dem Vorderreifen des Lastwagens, der wenige Minuten zuvor an uns vorbeigefahren war. Die Beine des Fahrers waren noch um das Motorrad geschlungen, seinen Oberkörper konnte ich nicht sehen, bis ein paar Männer halfen, den verletzten Mann im blauen Hemd an den Straßenrand zu tragen.

Der Motorradfahrer lag mit dem Gesicht nach unten, ein Arm vor seinem Kopf verschränkt, der andere neben ihm ausgestreckt, als würde er auf dem Bauch schlafen. Ich weiß nicht mehr, wo sein Helm war, vielleicht habe ich ihn gar nicht gesehen. Die rötlich-rosane Spur führte zu seinem Kopf hin und endete in einer dunkelroten Pfütze. Die Haut auf seinem Hinterkopf war unversehrt, aber eingesunken. Es sah aus wie ein Fußball, aus dem man die ganze Luft herausgedrückt hat, das dicke Leder formte eine Delle dort, wo dem Ball die innere Stütze fehlte. Ich möchte mit dieser Beschreibung in keinster Weise respektlos sein. Was an diesem Tag dort passiert ist, war schrecklich. Der Vergleich mit einem Fußball ist einfach die beste Art, zu beschreiben, was ich gesehen habe — und vielleicht auch der gruseligste Teil daran.

Als mein Kollege gebremst und ausgewichen war, um dem überholenden Auto Platz zu machen, muss er das Motorrad gestreift haben, das zu nah gefahren war. Es war umgekippt und der Schädel des Fahrers musste vom Lastwagen aufgebrochen worden sein. Filme zeigen einem viel Brutalität und Gewalt und man würde meinen, wir werden davon irgendwann abgestumpft. Aber es gibt keinen Film, den ich je gesehen habe, der ein menschliches Gehirn auf diese Art über den Asphalt verteilt zeigte, wie ich es an diesem Tag gesehen hatte.

Mythen über die Gesundheitsversorgung

Ich hatte Ende letzten Jahres einen Motorradunfall, genauer gesagt am 27. Dezember 2025. Iddi und ich waren auf dem Weg nach Nyamata, südöstlich von Kigali, um dort das Genozid-Memorial zu besuchen. Wir hatten die Stadt noch nicht verlassen und fuhren mit 60 km/h die lange Hauptstraße in Kicukiru hinter Sona Tube entlang. Ein Moto mit Fahrgast fuhr rechts vor uns. Aus dem Nichts bremste es plötzlich um für eine Wende umzudrehen. Kein Blinker, kein Blick über die Schulter oder wenigstens in den Spiegel. Ich hörte Iddi hupen, krachte auf dem Sitz in ihn rein als bremste und den Lenker drehte. Aber der andere Fahrer hielt nicht an und im nächsten Moment kippten wir seitlich um, rutschten über den Asphalt und bremsten mit unseren Helmen ab.

Ich bemerkte die Schürfwunden, die ich überall am Körper hatte, machte mir zunächst aber mehr Sorgen um Iddi, da ich gesehen hatte, wie sein Kopf beim Sturz auf die Straße geschlagen war. Zum Glück hatte er die richtige Ausrüstung getragen, inklusive einem stabilen Helm und einer Bikerjacke, nur seine Beine und Füße waren ungeschützt gewesen. Anders als bei mir. Mein schlabbriger Helm war zerbrochen und ich konnte eine schöne Beule direkt neben meinem linken Auge spüren, wo mein Gesicht auf die Kante des Helms gerutscht war. Meine Sicht war in den ersten Minuten leicht eingeschränkt, als hätte mir jemand kräftig aufs Auge geschlagen. Ich saß blutend neben der Straße im Gras, umringt von einer Menge Leute. Ich hatte Schmerzen, fühlte mich aber ansonsten okay. Mir war nicht schwindelig, ich konnte sprechen, laufen und klar denken, und meine Hauptsorge war, ins Krankenhaus zu kommen, um schnell ein CT machen zu lassen und einen Hirnschaden auszuschließen (aufgrund meiner Vorgeschichte mit einer Kopfverletzung von einem Unfall genau zehn Jahre zuvor).

Der Krankenwagen lies nicht lange auf sich warten und nachdem sichergestellt war, dass sonst niemand ernsthaft verletzt war, brachten sie mich ins King Faisal Hospital. Iddi blieb zurück, um auf die Polizei zu warten. In der Notaufnahme angekommen, schilderte ich Pflegern und Arzt, was passiert war und bat um ein CT. Es wurde gemacht und man brachte mich zurück in die Notaufnahme, um mich auf eines der Krankenhausbetten zu setzen. Ich fing an, vorsichtig den Bereich neben meinem Auge abzutasten, wo ich den starken Aufprall gespürt hatte. Ich hoffte, dass nichts gebrochen war, konnte aber nichts Auffälliges finden, bis meine Finger den Jochbeinknochen direkt unter meinem Auge berührten. Da war eine deutliche Stufe zu spüren, ein klares Zeichen für einen Bruch. Ich machte den Arzt darauf aufmerksam, der die erste Untersuchung an mir gemacht hatte. Er notierte es und bat mich, auf die CT-Ergebnisse zu warten.

Nach zwei Stunden in der Notaufnahme kam dann mal jemand auf die Idee, meine blutenden Schürfwunden zu reinigen und als die Ergebnisse endlich da waren, sagte man mir, die Bilder würden nichts zeigen. Ich sah den Arzt an, als hätte er mir gerade erzählt, Hunde könnten fliegen. Hatte ich ihn nicht gerade den deutlichen Bruch unter meinem Auge fühlen lassen? Und jetzt sagt er mir, da sei nichts? Ich äußerte meine Bedenken und bat ihn, noch einmal nachzuschauen. Er bestätigte das und ging los, um sich mit einem Kollegen zu beratschlagen. Ich machte mir langsam Sorgen, dass auch seine Aussage, es gäbe keinen Hirnschaden, eine Fehldiagnose sein könnte, fühlte mich aber immerhin okay.

Iddi war inzwischen angekommen, als der Arzt endlich zurückkam und bestätigte, was schon ein Kind hätte diagnostizieren können. Mein Wangenknochen war aus seiner Position gebrochen. Man sagte mir, ich bräuchte eine Operation, um ihn zurückzusetzen, aber ihr Spezialist für diese Fälle sei im Urlaub. Wie lange noch? Konnten sie nicht sagen. Der Arzt gab mir einfach ein paar Schmerzmittel und sagte ich könnte nach Hause gehen. Das war's und ich war ziemlich verärgert.

Knochen fangen nach einer gewissen Zeit an, zu heilen und ich hätte die Operation gerne bekommen, bevor sie sich in falscher Position verfestigen und mein Gesicht entstellen würden. Ich bin keine medizinische Expertin und vielleicht habe ich zu sehr katastrophisiert, aber diese Gleichgültigkeit im King Faisal machte mich wahnsinnig. Ein Gesichtsbruch zählte offenbar nicht als Notfall. Sie hatten eine leere Notaufnahme — während der Feiertage zwischen den Jahren! — und trotzdem sagte man mir, ich sei kein Notfall.

Wir blieben stundenlang im Krankenhaus und versuchten, irgendjemanden davon zu überzeugen, uns an jemanden zu überweisen, der oder die mir helfen konnte. Die Schicht des ersten Arztes war inzwischen aber vorbei, also war es ihm offensichtlich egal und er wollte lieber nach Hause gehen. Die neue Ärztin — nach viel Betteln und einem Anruf bei meiner Vorgesetzten Kollegin von der Arbeit, die die Ärztin ein wenig zurechtwies — rief schließlich ein anderes Krankenhaus an und fand heraus, dass es dort einen Kiefer-Gesichtschirurgen für meinen Fall gab. Wusste sie ob er über die Feiertage arbeite? Natürlich nicht. Konnte sie zurückrufen und dort nachfragen? Das war selbstverständlich auch schon zu viel verlangt. Aber wir könnten am Montag, zwei Tage später, vorbeikommen, um ihn vielleicht zu treffen, vielleicht auch nicht. Es war zwecklos, hier würden wir nichts mehr erreichen. Wir waren müde und erschöpft, und ich wollte einfach nur nach Hause. Wir holten die CD mit dem CT aus der Radiologie ab, damit wir nicht noch einmal herkommen mussten, und gingen.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, war Iddi eine riesige Hilfe dabei, Ärzte zu brainstormen, die uns helfen könnten. Sein Bruder ist Zahnchirurg, hat früher in Kigali gearbeitet und hatte noch einige Kontakte. Er empfahl Krankenhäuser, die Iddi anrief, und gab uns Nummern von ehemaligen Kollegen und Bekannten. Über diese Kontakte fanden wir einen Chirurgen in Nairobi, Kenia, der anbot, mich am Dienstag zu untersuchen und am Mittwoch zu operieren. Die Reise nach Kenia wäre logistisch eine Herausforderung gewesen, vor allem, weil sie mir bürokratisch enorme Kopfschmerzen mit meiner Versicherung bereitet hätte. Aber wenigstens hatten wir jetzt ein Backup, falls wir niemanden rechtzeitig in Kigali finden würden.

Am Montagmorgen fuhren wir früh zum Militärkrankenhaus in Kanombe, wo man uns sagte, wir könnten am Mittwoch ihren Spezialisten sehen — ein zweites Backup, sogar innerhalb Kigalis. Nachdem er mich zu Hause abgesetzt hatte, fuhr Iddi weiter zu CHUK (dem Universitätskrankenhaus von Kigali), um Informationen einzuholen und ihm wurde gesagt, wir könnten am Dienstag kommen, um ihren Kiefer-Gesichtschirurgen zu sehen.

Ich war etwas nervös, ob wir endlich jemanden persönlich treffen würden, der mir sagen könnte, dass mein Gesicht repariert werden kann. Aber die Krankenschwestern im CHUK waren sehr hilfreich und wir gehörten an diesem Morgen zu den Ersten, die vom Arzt aufgerufen wurden.

Das CHUK ist ein öffentliches Krankenhaus, das sich mit allen möglichen Krankheiten und Verletzungen befasst, mit Menschen, die als letzten Ausweg dorthin kommen, wenn alle Behandlungen in ihren örtlichen Gesundheitszentren fehlgeschlagen sind und sich ihr Leiden bereits verschlimmert haben kann. Und sie kriegen die Menschen wieder hin. Sie haben jede Menge Erfahrung mit den schlimmsten Fällen, und mein Fall war ziemlich gewöhnlich, bei weitem nicht so schlimm wie das, was diese Ärzte schon gesehen hatten. Und dieses erfahrungsbasierte Selbstvertrauen war beruhigend, denn schon die Assistenzärzte des Hauptchirurgen (wahrscheinlich seine Studenten) wirkten sehr kompetent und aufmerksam und wussten genau, was zu tun war. Es dauerte keine fünf Minuten, bis der Chirurg selbst sich über die schlampige Arbeit des King Faisal mit dem CT beschwerte — sie hatten den Unterkiefer abgeschnitten — und er gab mir einen Termin für die Operation in der folgenden Woche.

Ich beendete das alte Jahr mit einem kaputten Gesicht, aber mit der Zuversicht, zu Beginn des neuen wieder heil zu werden. Die Operation war ein Routineeingriff unter Vollnarkose, der nicht einmal eine Stunde dauerte. Man behielt mich noch zwei weitere Tage zur Beobachtung im Krankenhaus und schickte mich dann nach Hause. Der Knochen saß wieder da, wo er hingehörte, meine Schürfwunden waren nach weniger als zwei Wochen bereits verheilt und bei der Nachuntersuchung mit CT drei Monate später war für ein ungeschultes Auge kaum noch zu erkennen, dass es je einen Bruch gegeben hatte.

Viele Menschen, vor allem Europäer, fragten mich, warum ich Ruanda nicht verlassen habe, um mich in Deutschland behandeln zu lassen. Das war für mich allerdings nie eine Option gewesen. Zum einen hatte ich meinen Freund, der mich die ganze Zeit über unterstützt hat und seinen Bruder, der im Hintergrund die Fäden zog, um uns mehrere Rückfallpläne zu verschaffen. Zum anderen gibt es viele Fehlvorstellungen über Afrika, besonders wenn es um Gesundheitsversorgung geht. Die Qualität der Ausstattung ersetzt keine Erfahrung. King Faisal ist ein Privatkrankenhaus, in das viel Geld gesteckt wird. Die Leute dort konnten nicht einmal einen Bruch erkennen, den man auch ohne Scanner mit bloßen Fingern spüren konnte. Das CHUK ist ein öffentliches Krankenhaus, das stündlich die grausamsten Fälle behandelt, die man in Europa so nie zu sehen bekäme. Meinen Wangenknochen wieder an seinen Platz zu bringen, ohne mein Gesicht zu vernarben, sondern über den Haaransatz zu operieren, war dort eine Routineoperation. Meine Schwester hat meine CT-Bilder benutzt, um mit ihren Kommilitonen zu lernen, weil diese Art von Verletzung in Deutschland so selten ist.

Also sagt mir: Wo hättet ihr euch lieber behandeln lassen? 

Fortsetzung folgt …

Das war der zweite von drei Teilen, und ich hoffe, du bist noch dabei. An dieser Stelle möchte ich mich offiziell bei meinen Eltern entschuldigen, denen ich bis jetzt nichts von dem Motorradunfall erzählt hatte. Die Situation war unter Kontrolle und ich wollte ihnen während meines verbleibenden Aufenthalts in Ruanda nicht unnötig Sorgen bereiten.

Es gibt noch ein paar weitere Dinge, über die ich sprechen möchte und ich möchte, dass du den ganzen Weg mit mir gehst. Teil III wird weniger trüb als dieser hier, also bleib dran und freu dich auf mehr.

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