Rennen durch den Dschungel - Im Geist der Titanic
Laufen. Wahrscheinlich die günstigste und meist unterschätzte Sportart, die es gibt. Man kann es praktisch überall machen: Man kann um sein Haus herum laufen, die Straße rauf und runter, durch die Stadt, in ein Auto rein, über Felder und durch den Wald. Abgesehen vom ersten habe ich alles bereits ausprobiert und das umsonst. Man muss nicht ins Fitnessstudio, muss keine teure Ausrüstung kaufen, muss keinen Berg hochklettern. Man schnürt einfach seine Laufschuhe an und los geht's. Komplett kostenlos. Komplett langweilig.
Für die längste Zeit war das insgeheim meine Meinung, auch wenn ich das Laufen immer verteidigt und behauptet habe, wie toll es ist und wie man sich einfach Musik in die Ohren schiebt und die Landschaft um sich herum genießt. Aber die Wahrheit ist, ich habe es nur verteidigt, weil es gutes Training für mich war und ich mich danach gut gefühlt habe. Die Realität ist jedoch, dass Langstreckenlaufen wehtut. Die Musik kann einen nicht von den brennenden Muskeln und stechenden Gelenken ablenken. Nach fünfzehn Kilometern betteln deine Beine danach aufzuhören, aber du machst weiter. Warum?
Ich habe am Kigali Peace Marathon 2025 teilgenommen und bin den Halbmarathon gelaufen. Nicht aus Spaß an der Freude, sondern aus Stolz: Ich kann nicht die einfachen zehn Kilometer unter Leuten laufen, die noch nie Laufschuhe getragen haben. Ich brauchte etwas, das mich von den nicht-sportlichen abhebt. Und Junge, habe ich den Schmerz von zwanzig-plus Kilometern unterschätzt, besonders nach nur einer Woche Training. Auch wenn ich stolz auf mich war, mit einer relativ guten Zeit ins Ziel zu kommen, war ich ebenso demütig was mit dem Körper passiert, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten wird.
Warum erzähle ich euch das alles, wenn diese Geschichte eigentlich von der Titanic handeln soll? Nun, die Titanic war mit dabei, mindestens im Geiste, und es waren meine Freunde, die mich dazu getrieben haben, für den Vollmarathon im folgenden Jahr zu trainieren. Unwissentlich. Einige von ihnen haben 2025 auch mitgemacht, andere wurden von den Erzählungen motiviert, keiner von uns hat den anderen eine Pause gegönnt. Unwissentlich. Alle fingen an zu laufen. Aber nicht zusammen. Alleine. Ganz geheim. Wenn ich versucht habe, sie zusammenzubringen, hat es nie geklappt. Ich war sicher, dass jeder trainierte, und ich wollte nicht zurückfallen, also habe ich mich ins Zeug gelegt. Ich halte diese Geschichte für würdig genug, mit dem Namen Titanic gekennzeichnet zu werden. Sie waren der laufende Motor – Wortspiel nicht beabsichtigt – hinter meiner persönlichen Entwicklung.
Angetrieben von der Crew, die irgendwo, irgendwie unterwegs war. Ich war mir nie wirklich sicher, wie weit sie in ihrem Training waren. Also lief auch ich. Ich lief weiter. Und ich brach ab. Ich machte eine Pause. Ich lief wieder, kam wieder weiter und scheiterte erneut an der Distanz. Immer wieder hatte ich Probleme mit meinem Fuß, meiner Ferse, meiner Sehne, meiner Hüfte. Also musste ich Pausen einlegen, die mich Trainingszeit kosteten. Es war frustrierend. Ich hatte mein ganzes Leben lang Feldhockey gespielt und mich selten bis nie verletzt, warum war Laufen jetzt so schwierig? Sollte es nicht die einfachste aller Sportarten sein? Und die ganze Zeit machten die Titanic-Menschen Fortschritte, irgendwo, irgendwie. Sie teilten Laufzeiten, die mich bald im Staub vergraben würden.
2026 begann für mich mit einem Tiefschlag. Nach einer Verletzung Ende Dezember konnte ich den ganzen Januar nicht trainieren und als ich wieder starten konnte, schaffte ich es bestenfalls, langsam auf fünf bis zehn Kilometer in Intervallen hochzukriechen. März hielten mich Arbeit und Feldbesuche auf Trapp und als ich endlich richtig für den Marathon im Juni trainieren konnte, waren kaum noch zwei Monate übrig. Ein Jahr Vorbereitung und ich hatte es erfolgreich auf zwei Monate reduziert. Aber nicht alles war verschwendete Zeit. Ich hatte in der zweiten Hälfte des Vorjahres viel über Laufen und meinen eigenen Körper gelernt und jetzt hatte ich eine Strategie:
Kurze Gehintervalle früh einzubauen, bevor ich müde wurde, mich während des Laufs mit Wasser, gesalzenem Honig und Datteln zu versorgen, und meine Nicht-Lauf-Tage auf funktionelles Krafttraining, Mobilisierung und Regeneration zu konzentrieren, half mir, meine Schmerzschwelle um etwa zehn Kilometer zu heben. Nicht annähernd genug für einen ganzen Marathon, aber ich war zuversichtlich, dass ich am Tag des Jüngsten Gerichts den Schmerz auf den letzten fünfzehn bis zwanzig Kilometern ertragen könnte.
Nicht jeder Körper ist für die Langstrecke gebaut und ich musste im vergangenen Jahr lernen, dass meiner für Intervalle und gelegentliche Sprints mit schnellen Richtungswechseln gebaut ist. Ich war keine Konkurrenz für die Gene ostafrikanischer Teilnehmer, spezialisiert auf Langstrecken-Ausdauerrennen. Also passte ich meinen Schlachtplan an meine Physiologie an. Es spielte keine Rolle, ob ich besser als irgendjemand war. Die anderen Titanic-Mitglieder – Iddi, Mico und Fatma – hatten sich für den Halbmarathon angemeldet. Das bedeutete, wir waren nicht im selben Wettbewerb. Das bedeutete, ich musste nur gegen mich selbst antreten. Das bedeutete, Überleben war das Hauptziel. Und ich fühlte mich bereit genug dafür.
Der Marathon verlief wie erwartet. Die erste Hälfte verlief relativ gut und ich fühlte sogar noch Energie über das hinaus, was bisher meine längste persönliche Strecke war (26 km). Erst als ich die dreißig und mehr erreichte, überkam mich schließlich die erwartete, jedoch verzögerte Welle aus Schmerzen. Mein Gluteus Maximus brannte und die Muskeln standen so sehr unter Spannung, dass es sich anfühlte, als könnte man die Fasern durch einfache Berührung reißen lassen. Meine Füße knarrten und etwas riss an den Innenbändern meiner Knöchel, als wollte es sie herausreißen. Meine Waden stachen ein wenig, aber es waren meine Schienbeinmuskeln, die alle paar Kilometer krampften. Gehpausen – die strategisch so geplant waren, dass sie im späteren Teil des Rennens länger sein sollten – waren keine Pausen mehr, nur eine andere Art von Schmerz. Trotz all dem ging mein Plan auf. Anstatt die verbleibende Distanz zur Ziellinie zu berechnen, schwamm ich von einem Intervall zum nächsten, wechselte zwischen verschiedenen Versionen von Schmerz und machte sie so erträglicher. Ich mobilisierte die letzten meiner Energiereserven auf der Zielgeraden für einen Endspurt. Mir war nach heulen zumute, als ich die Ziellinieb schließlich überquert hatte.
Nicht wegen des Krampfs in meinen Beinen und Füßen, den ich jetzt nicht mehr zurückdrängen konnte. Nicht weil die Sonne von Kigali auf mich niederbrannte und kein Wasser in Sicht war. Ich hatte das Gefühl in Tränen auszubrechen, weil eine große Last von meinen Schultern zu fallen schien, als ich die Medaille für die Beendung des Marathons in Empfang nahm. Ein Jahr lang hatte ich diese Wolke über mir schweben gehabt. Das ganze Jahr wusste ich, dass ich den Marathon laufen müsste, weil ich letztes Jahr meine große Klappe nicht halten konnte und groß verkündete, ich würde die Kenianer beim nächsten Rennen schlagen. Und jetzt hatte ich es geschafft. Offensichtlich habe ich die Kenianer nicht geschlagen, versteht sich. Ich war nicht einmal irgendwo in der Nähe und landete auf den untersten Rängen aller Teilnehmer. (Zu meiner Verteidigung: Ich war fast ausschließlich gegen Kenianer, Äthiopier, Ruander und Ugander angetreten. Alles Läufer, die für diese Rennen gemacht sind und viel länger und ambitionierter trainiert haben als ich.) Trotz alledem übertraf ich mein persönliches Ziel: Ich erreichte die Ziellinie nach meinen eigenen Regeln und mit einer Zeit, die weit unter dem lag, was ich erwartet hatte – nicht kriechend am Abend, nachdem alle längst den Veranstaltungsort verlassen hatten.
Team Titanic fand mich schließlich, vegetierend im Schatten eines Sonnenschirms. Ein leuchtend orangefarbener Blob auf dem Asphalt, nicht weit von der Hüpfburg, die für die Kinder aufgebaut worden war. Wir schleppten unsere müden Körper zum nahegelegenen Burgerladen, um uns mit ekelhaft süßem Junk Food zu belohnen, das uns dreimal so viele Kalorien auftischte, wie wir gerade verbrannt hatten. In dieser Nacht schlief ich gut.
Zwei Wochen Pause, inklusive eines kurzen Testlaufs, zeigten, dass das nicht genug war, um sich vollständig zu erholen, auch wenn ich mich gut fühlte, wenn ich einfach nur chillte oder Gewichte stemmte. Nichtsdestotrotz gab es noch ein Quest, das Team Titanic beenden musste, um diese Laufgeschichte abzuschließen. Fatma, Iddi, Mico und ich machten uns auf den Weg nach Nyungwe. Der Nyungwe-Marathon fand zwei Wochen nach dem Peace Marathon in Kigali statt und wir wollten dabei sein. Zumindest halb.
Wir schnappten uns am Freitag ein Auto, fuhren abwechselnd nach Rusizi, wo wir die Nacht verbrachten, bevor wir am nächsten Morgen zum Nyungwe-Nationalpark aufbrachen. In bester Titanic-Manier brach das Auto diesmal nicht zusammen, das Shuttle, das uns zur Startlinie inmitten des Waldes bringen sollte, weigerte sich jedoch, weiter als zur Zehn-Kilometer-Marke zu fahren. Es war ein wenig Verhandlung nötig, bis der Fahrer zustimmte weiterzufahren, und wir erreichten den Ort, gerade rechtzeitig zum Start. Andererseits gab es nicht wirklich eine ordentliche Startlinie, geschweige denn jemanden vom Organisationsteam, der oder die uns sagte wann es losging, also starteten die Läufer ihren eigenen Countdown. Und ab ging die Tour durch den Urwald.Zweiundzwanzig Kilometer erscheinen kurz im Vergleich zu den zweiundvierzig von vor zwei Wochen. Und der Standort war definitiv ein Upgrade zu Kigalis heißen Stadtstraßen mitten in der Trockenzeit. Es war auch hier sonnig, aber die üppige Vegetation des Dschungels war eine willkommene Erleichterung von der Hitze und die buschigen Bäume am Straßenrand boten eine angemessene Menge an Schatten, selbst während der hohen Mittagssonne.Von meinen früheren Besuchen erinnerte ich mich nicht daran, dass die Straße durch Nyungwe so hügelig war. Im Gegensatz zu Kigali ging es jedoch tatsächlich relativ viel bergab, besonders im Vergleich zum deutlich geringeren Höhenanstieg. Man könnte denken, das machte den Lauf leichter. Im Gegenteil erschwerte der lange Abstieg die Strecke erheblich. Meine Beine, besonders meine Knöchel, hatten sich von dem Marathon vor zwei Wochen noch nicht vollständig erholt. Ein Schmerz, den man nicht bemerkt, bis man wieder anfängt zu joggen. Den größten Teil von zweiundzwanzig Kilometern bergabzulaufen, forderte seinen Tribut, und schon nach den ersten paar Kilometern fingen meine Füße an zu klagen. Es spielte keine Rolle. Diesmal war ich nicht hier, um zu performen. Ich war nicht einmal hier, um die Ziellinie in einer bestimmten Zeit zu erreichen, geschweigedenn mit Anmut oder Stolz. Ich war hier, um den Trip zu genießen. Und das tat ich auch, trotz der Schmerzen.
Bäume flogen an mir vorbei, während ich den Hügel hinunterrollte. Hohe felsige Klippen flankierten mich zur Rechten, während die linke Seite den Berg hinunterfiel und einen demütigenden Blick über das üppige Grün des Nyungwe-Dschungels freigab. Die Luft wurde von der Sonne erwärmt und von den Bäumen gereinigt. Sie fühlte sich frisch in meinen Lungen an, die sich ans Laufen in der Stadt gewöhnt hatten, verschmutzt von Abgasen und rotem staubigem Sand. Die Äffchen, die wir auf dem Weg zur Startlinie gesehen hatten, hatten sich in die Bäume zurückgezogen und die Natur um uns herum erzeugte eine gelassene Stille, die kaum durch die Läufer gestört wurde, die sich ihren Weg durch den Wald bahnten.
Ist das die Freiheit, von der die Leute sprechen, wenn sie über Laufen reden? Es gab überhaupt keine Langeweile. Nur die Musik aus meinen Kopfhörern, den Wind auf meiner Haut und den Dschungel um mich herum.
Es ist nicht einfach zu erklären, warum Laufen reizvoll sein kann. Es ist langweilig, es tut weh und es ist zeitaufwändig, wenn man längere Strecken läuft. Viele Leute denken so und bis zu einem gewissen Grad habe ich das auch die längste Zeit gedacht. Während des vergengenen Jahres lernte ich jedoch, dass mehr dahinter steckt als die Laufschuhe anzuschnüren und los geht's. Genau wie jeder andere Sport muss man lernen, wie man läuft. Man muss lernen, wie der eigene Körper funktioniert, man muss dem Körper beibringen, wie er die Belastung vom harten Asphalt aufnimmt. Man muss aktiv trainieren und mobilisieren, besonders die Beine. Sich richtig ernähren und eine angemessene Menge an Kalorien zu sich nehmen. Und man muss eine Tempostrategie ausarbeiten, die einen auch bei längeren Strecken über Wasser hält. Ich war nicht am Ende der Rangliste des Marathons, weil ich nicht fit bin. Ich war in den unteren Rängen, weil ich nicht für diese Disziplin fit bin. Mentale und physische Vorbereitung und Erfahrung im Langstreckenlauf sind genauso wichtig wie in jedem anderen Sport.
Aber das heißt nicht, dass es nicht reizvoll ist. Es wird reizvoll, wenn man sich ein spezifisches Ziel setzt. Wenn man sieht, wie der VO2max über die Wochen konsequent steigt. Wenn sich die allgemeine Gesundheit mit trainingsorientierten Essgewohnheiten verbessert. Wenn man merkt, dass die Beinmuskeln stärker werden, Verletzungen und Muskelkater abnehmen und man sich schneller erholt. Wenn fünfzehn Kilometer früher ein langer Lauf für einen waren und sich jetzt wie eine leichte Regenerationsrunde nach einem stressigen Tag anfühlen. Es wird reizvoll, wenn man anfängt, die Komplexität dieser sportlichen Disziplin zu schätzen und durch den Dschungel läuft, in Schmerzen, aber mit einem Lächeln im Gesicht.Es war im Grunde genommen die Titanic, die mein Interesse für Langstreckenläufe geweckt hat, und die mir, ohne es zu wissen, den ersten Anstoß gab, bis das Ganze zu einem selbstlaufenden System wurde – Wortspiel nicht beabsichtigt. Dieses Team, das Vulkane erobert, ist mehr als nur eine Gruppe von irgendwelchen Leuten, die man anrufen kann, um eine gute Zeit zu haben. Sie sind der Funke zu dem Feuer, das dich den Berg hinaufhebt. Sie fordern sich selbst heraus, was dich dazu bringt, dich selbst herauszufordern, und ihr überwindet alle möglichen physischen, mentalen und selbst logistischen Herausforderungen zusammen. Es ist das Team, das die Titanic aus dem Ozean hebt und sie zurück zur Küste schwimmt, mit allen Passagieren an Bord, sicher und wohlbehalten.
Trotzdem muss ich ehrlich sein: Ich muss nicht noch mal so weit laufen und überlasse das lieber den Profis....bis auf Weiteres.
Es ist nicht einfach zu schreiben und dabei die Masse an verschiedenen Hintergründen und Meinungen aller Leser und Leserinnen zu berücksichtigen. Ich sehe es in meiner Verantwortung und bemühe mich immer so neutral, transparent und aufgeschlossen wie möglich über meine Erfahrungen in Ruanda zu berichten. Doch auch ich bin ein subjektives Wesen, mit meinen eigenen Ansichten, Werten und Normen, geprägt von meinem Umfeld wie jeder andere Mensch auch. Konstruktive Kritik ist daher essentiell, um Fehler zu erkennen, mein eigenes Verständnis zu verbessern und dir einen sichereren Raum zum Lesen bieten zu können.









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