Ethnographische Hintergründe

Gestern fand der zweite Teil unserer Kulturschulung statt. Prosper hatte für Thomas und mich einen Ausflug nach Huye, sowie nach Nyanza (beides südlich von Kigali) organisiert, damit wir uns das Ethnographische, sowie das King’s Palace Museum ansehen konnten. Wir haben dort viel über Traditionen und frühere Lebensweisen in Ruanda erfahren, was es nun selbstverständlich überaus spannend macht, zu analysieren, was davon heute noch übrig geblieben ist und wie die Kultur das Land und die Gesellschaft geprägt hat. Fleißig wie ich bin, wollte ich euch das ganze selbstverständlich nicht vorenthalten und habe hierzu gleich einmal einen neuen Info-Artikel keiert.

Selbstverständlich sind kulturelle Entwicklungen viel nuancierter, als ich sie hier darstellen kann. Ruanda vor 200 Jahren war nicht dasselbe Land wie vor 400 Jahren. In meiner Gedankenrekapitulation des Museumsbesuchs fehlen dementsprechend leider die nötigen Jahreszahlen, um die Evolution der Gesellschaft exakt darzustellen. Dennoch hoffe ich, dass dieser generalisierte Einblick dir die Hintergründe des heutigen Ruanders und seiner Menschen etwas näher bringt und du bei Interesse an bestimmten Themen weiter recherchierst.

Landwirtschaft, Viehzucht & Jagd

In der Vergangenheit lebten die Menschen in Ruanda vorwiegend von Landwirtschaft, Viehzucht, sowie von der Jagt. Die meisten Familien nahmen am Tag zwei Mahlzeiten zu sich. Das Essen bestand dabei hauptsächlich aus proteinhaltigem Gemüse. Daran hat sich auch heute nicht viel geändert. So ernähre auch ich mich hier, neben Reis, Kartoffeln und Kochbananen, viel von verschiedenen Bohnen und Linsen, sowie einem spinatartigem Kraut, welches die Locals Dodo nennen, jedoch weder Federn, noch Schnabel aufweist. Brot wird meistens mit einem Teller Fleisch serviert. Jedes Haus besaß im Regelfall einen Herd, darüber ein Gestell auf dem verschiedene Nahrungsmittel getrocknet, oder fermentiert werden konnten.

Während der Ackerbau sowohl von Männern, als auch von Frauen durchgeführt werden kann – wobei in der Regel nur Männer Äxte und Messer verwenden durften, mit Ausnahme vorpupertärer Mädchen und Frauen in der Menopause – , waren es traditionell hauptsächlich Männer oder Jungen, die sich als Hirten um das Vieh kümmerten. In der Regenzeit waren die Rinder auf den Bergen und Hügelkuppen anzutreffen, während sie für die Trockenzeit ins Tal geführt wurden. Die Hima waren eine nomadische Gruppe von Hirten, die vorwiegend nur Milch und Blut als Nahrung zu sich nahmen. Ziegen wurden meistens für die Landwirtschaft, oder aber religiöse Rituale genutzt. Auch die Bienenzucht war, beziehungsweise ist nach wie vor in einigen Regionen Ruandas etabliert.

Die Jagt nahm ehemals im Land nur eine sekundäre Rolle ein und oftmals ging es dabei um den Schutz der Ernte. Jäger nutzten Pfeil und Bogen, Speere oder verschiedene Arten von Fallen, abhängig davon, auf welche Beute sie es abgesehen hatten. Speere waren so zum Beispiel effektiver um Elefanten zu erlegen, als Pfeil und Bogen. Jagdnetze wurden verwendet um eine Gruppe von Antilopen einzukreisen, manche Fallen klemmten den Füße ein, wieder andere waren lediglich eine verdeckte Grube mit Spitzen am Boden, um Tiere wie Zebras zu fangen. Im Osten Ruandas, nahe Akagera, wo sich heute ein Nationalpark erstreckt, wurden Pfeilspitzen auch gelegendlich mit Gift bestrichen. Keulen und Stöcke wurden zum Erschlagen kleinerer Beutetiere verwendet. Fischerei gab es im Zentrum Ruandas nicht und es beschränkte sich eher auf die Regionen mit den großen Seen. Heutzutage ist jagen in Ruanda verboten.

Wasser ist auf der ganzen Welt eine wertvolle Ressource, die mit Rücksicht und Respekt verwendet und verbraucht werden sollte. In unserer modernen Welt ist es an vielen Orten, insbesondere im globalen Norden relativ einfach an sauberes und vor allem trinkbares Wasser zu gelangen. In Ruanda wird es nicht empfohlen dass Leitungswasser zu sich zu nehmen, ohne es zumindest vorher abgekocht zu haben. Viele Familien kaufen sich daher ihr Trinkwasser im Supermarkt, jedoch haben nicht alle diesen Luxus und es gibt nach wie vor zahlreiche Haushalte, vor allem in ländlichen Gebieten, die kein fließendes Wasser aus der Leitung haben. Stattdessen bekommen sie den kostbaren Rohstoff entweder vom Regen, oder direkt von der Quelle. Auch in Kigali sieht man mancher Orts wie sich Menschen verschiedener Altersklassen mit Wasserkanistern dort tummeln und darauf warten, ihren zu füllen.

Neben Wasser ist auch Bier in Ruanda, wie im Rest der Welt ein sehr beliebtes Getränk. Früher war der Erwerb von lokalem Bier stark abhängig von den zur Verfügung stehenden Pflanzen die in dem Gebiet heimisch waren. So war das heute in ganz Ruanda typische Bananenbier damals nicht in allen Regionen des Landes üblich. Für Jäger waren Bananenbäume in der Regel eine der einzigen Kulturpflanzen, die sie anbauten, eben genau für dieses Getränk. Wer mich kennt weiß, dass ich nicht die größte Anhängerin der Bierkultur bin. Dennoch wurde mir von diesem Bananenbier bereits so viel vorgeschwärmt, dass ich es wohl doch irgendwann zumindest einmal probieren möchte.

Wie die meisten von Menschen besiedelten Landstriche, war auch Ruanda vor langer Zeit mit wesentlich größeren Waldflächen bedeckt und während die meisten domestizierten Tiere aus dem Ausland importiert wurden, ist ein Großteil der Kulturpflanzen dem Land nicht fremd. Heutzutage macht die einheimische Vegetation lediglich ca. 15% der gesamten Landesfläche aus. Ruanda ist ein Land welches zum größten Teil von der Agrarwirtschaft lebt. Aufgrund der hohen Bevölkerung, gibt es allerdings immer weniger Flächen für Felder, Böden sind weniger fruchtbar und die Menschen haben immer wieder mit Erosionen zu kämpfen.

Stein- und Eisenzeit

Die frühe Steinzeit wurde durch schwere Quartzit-Werkzeuge, Äxte und bifaziale Spitzhacken charakterisiert. Die Mitte dieses Zeitalters wurde stark durch das Auftauchen der Sangoan, sowie der Lupemban Kulturen beeinflusst und die Spätsteinzeit ist durch Funde von kleineren Quartz-Instrumenten geprägt, die in Griffe, zum Beispiel aus Holz, eingearbeitet waren. Zudem verzeichnet diese Zeit die frühe Herstellung von Geschosswerkzeugen wie Speere oder Pfeil und Bogen.

Einer der ältesten erhaltenen Eisenöfen Afrikas wurde in der frühen Eisenzeit in Gasiza, Region Muyunzwe, Ruanda, entdeckt. Die spätere Eisenzeit ist gekennzeichnet durch Eisenwerkzeuge wie Hacken, Äxte, sowie neue Arten der Keramik, verziert durch das Drehen von Spiralseilen.

Werkzeuge und Material

Die Menschen in Ruanda arbeiten mit den Materialien, die ihnen zur Verfügung stehen. So waren Lehm und Ton traditionell schon immer wichtige Baumaterialien und werden auch heute nach wie vor zum Bau von Häusern verwendet. Es diente zudem zur Herstellung von Töpfen und Gefäßen, Wassertränken, Amuletten und fand sogar Anwending in der Medizin, beispielsweise zur Behandlung von Hautkrankheiten. Auch Pflanzen, wie getrockneter Bambus, Papyrus oder das gewöhnliche Gras Eleusin, waren ein beliebtes Material für eine Vielzahl von Anwendungen. Gewobene Matten und Teppiche, Körbe, Dekoschalen, Raumteiler und Schilde sind nur ein paar wenige Beispiele. Je nachdem welches Material genau verwendet wurde, hatte das Produkt später entsprechend unterschiedliche Aufgaben. So wurden geflochtene Körbe aus Gemüsefasern zur Aufbewahrung von Lebensmitteln genutzt, während sich Bambuskörbe gut zum Transport verschiedener Waren eigneten.

Die meisten Menschen tragen insbesondere schwere Lasten auf ihren Köpfen. Dies ist auch in Kigali immer und überall zu beobachten. Nach Wochen erstaunt es mich nach wie vor, wie es möglich ist einen riesigen Sack mit Kartoffeln auf dem Kopf zu balancieren – meistens tragen die Leute noch ein Polster, wie ein gewickeltes Kopftuch dazwischen – und dabei so auszusehen, als sei die Person auf einem gemütlichen Sonntagsspaziergang. Ich bin bereits jetzt überzeugt, dass ich nach meiner Zeit in Ruanda nie wieder eine Ausrede finden werde, weshalb ich das Auto benötige, um eine größere Last zu transportieren. Nicht nachdem ich gesehen habe wie Schränke und Betten auf dem Gepäckträger eines Fahrrads den Hügel hinaufgekarrt wurden.

Auch Holz war und ist selbstverständlich ein beliebtes Material, sowohl zum Bau von Säulen und Ahlen in der Hauskonstruktion, als auch für Werkzeuggriffe, Speer- und Pfeilschäffte, Schilde, Musikinstrumente, Trinkgefäße, und so weiter und sofort. Doch auch die Borke von Bäumen wurde verwendet um Kleidung oder Decken herzustellen. Die Grundstoffe für Kleidung waren Kuh oder Ziegenhäute, Fikusfasern oder andere Pflanzenfasern. Große Weidenhauben aus Stroh und gewobenen Blättern und Fasern der Bananenstauden, dienten Hirten und Bootsfahrern als Regenschutz. Gewebte Fasern, Borke oder Häute wurden als Lendenschutz verwendet und Umhänge zur Bedeckung der Schultern und des Oberkörpers bestanden in der Regel ebenfalls aus Tierhäuten, wobei der pelzige Teil auf der Haut lag.

Bräuche und Traditionen

Musik und Tanz ist ein wichtiger Teil der ruandischen Kultur und man erlebt das eine selten ohne das andere. Traditioneller Tanz von Männern und Frauen hat oft unterschiedliche Stile. Der Umuhamirizo ist ein Beispiel für einen Tanz, der aus Übungen und Bewegungen der Krieger entstanden ist. Begleitet werden traditionelle Tänze meist hauptsächlich durch Gesänge. Es gibt jedoch auch eine Vielzahl an Instrumenten, die ebenfalls gerne verwendet werden: Musikbögen, Rasseln, Flöten, Hornflöten, einsaitige Fiedeln, Lamellophone, Glocken, Zithern, Trommeln. Letztere haben nach meinen bisherigen Erlebnissen bereits bei dem ein oder anderen Projektbesuch mit der Jumelage Anwendung gefunden, zum Beispiel bei der Vergabe von Zertifikaten für die Nähgruppe in Rwankuba, oder bei der Begrüßung der deutschen Partner durch eine andere Gruppe in Kirehe.

Außer dem Tanz fanden insbesondere Kinder und Jugendliche auch andere Aktivitäten um sich zu beschäftigen. Zu beliebten Spielen und Sportarten zählten unter anderem das Bogenschießen, Wettrennen, Versteckspielen, nach bestimmten Gegenständen suchen und Speerwurf. Hochsprung gewann insbesondere nach der Ankunft der Europäer im späten 19. Jahrhundert an Popularität. Mädchen spielten auch gerne mit Puppen, wobei häufig die letzte Blütenknospe der Bananenstaude als solche herhalten musste.

Igisoro ist in Ruanda ein typisches Brettspiel an das ich mich sogar noch aus dem Kindergarten erinnern kann. Das Spielbrett besitzt zwei mal 16 Kuhlen in jeweils zwei Reihen für jeden Spieler. Zu Beginn ist die vordere Reihe beider Teilnehmer mit jeweils vier Samen – bei uns waren es damals bunte Steinchen – pro Kuhle gefüllt. Gegen den Uhrzeigersinn werden die Samen, oder Steine, aus einer Kuhle nacheinander in die anderen Kuhlen gesetzt. Dann ist der andere Spiler, oder die andere Spielerin dran. Das Spiel ist beendet wenn die erste Person keine Steine mehr versetzen kann. Ich muss gestehen, ich erinnere mich nicht mehr genau an die Regeln – es ist schließlich um die 20 Jahre her, dass ich es gespielt habe – und ohne es nochmal auszuprobieren, werde ich sie auch nicht komplett verstehen. Doch für mich war es überaus interessant zu erfahren, dass dieses merkwürdige Spiel, das ich als Kind so gerne spielte aus Ruanda stammt. Zumindest glaube ich es gespielt zu haben, es ist jedoch ebenso möglich, dass ich in dem Alter lediglich die Steine hin und hergeschoben habe ohne wirklich zu wissen was ich tat. Es ist einfach zu lange her und doch sehr nostalgisch dieses Spiel hier nun in seinem natürlichen Lebensraum zu sehen.

Von Samen und Steinen ist der Weg nicht weit zu Schmuck und Dekorationen. Nicht nur hatten Schmuckstücke einen ästhetischen Zweck und symbolisierten Status und Wohlstand. Sie hatten nach dem Glauben der Leute auch magische Kräfte und wurden für Rituale, oder zum Schutz als eine Art Talisman getragen. Jedoch schloss dieser spirituelle Schutz nicht das Tragen von Waffen zur Selbstverteidigung aus. Aufgrund möglicher Gefahren, reisten Männer in der Regel immer mit einem Speer, einem Bullenhaken, oder zumindest einem Dolch. Manche trugen auch Pfeil und Bogen, Schwerter und Schilde mit sich.

Wahrsager hatte ich bereits in einem meiner früheren Artikel erwähnt. Neben heilenden Fähigkeiten, wurde ihnen zudem die Beschwörung von Geistern und Ahnen zugeschrieben. Verstorbene Angehörige wurden in der ruandischen Kultur geehrt und konsultiert. Dem Glauben nach verlässt der geistliche Teil des Menschen (Igicucu = unsichtbarer Geist) nach dem Tod den Körper (Umubiri = sichtbarer Körper), besucht jedoch weiterhin die Familie und kann, zum Beispiel über Wahrsager, mit ihnen Kontakt aufnehmen. Der tote Körper wurde traditionell in eine Matte gehüllt und mit Schafwolle, weichem Gras und Blättern eines stachellosen Busches bedeckt. Anschließend wurde er auf einem unbewohnten Hügel, in einer Marsch oder an anderen verlassenen Orten zurückgelassen, oder er wurde nahe der Hütte begraben, in der die Person gelebt hatte.

Auch die Inyambo, die heilige Kuh des Königs, durfte ich in Nyanza persönlich kennenlernen. Ein Herr in traditioneller Tracht brachte eine der Kühe zu uns. Er hielt einen Zweig mit Blättern in der Hand und begann das Tier damit abzustreichen, während er ihren Namen sang. Die Namen der Kühe sind im Grunde genommen Gedichte, die in Gesangsform vorgetragen werden. Im Anschluss durften wir das Tier selbst einmal berühren. Sie hatte ein wunderschönes, glänzendes Fell und ihre Hörner streckten sich majestätisch in Richtung Himmel. Dies war wahrhaftig eine Kuh, die des Königs würdig ist. Für Rituale trug sie Kopf und Halsschmuck, doch heutzutage werden diese Kühe auch gemolken. Ihr Fleisch ist jedoch nach wie vor unantastbar.

Wohnen und Gemeinschaft

Die Menschen in Ruanda lebten nicht wie in Europa in kompakten Ortschaften, sondern im Regelfall in kleinen Familieneinheiten, meistens erhöht auf einem Hügel. Auch wenn man heute Kigali verlässt, fällt schnell auf, dass es keine klaren Stadtgrenzen gibt. Stattdessen sind Hütten und Häuser über die Hügel Ruandas verteilt und machen es manchmal schwer, zwischen verschiedenen Orten zu unterscheiden.

Das traditionelle ruandische Haus ist eine Hütte, errichtet aus verschiedenen Naturmaterialien. Viele funktionelle Elemente, wie Möbelstücke, waren aus Lehm hergestellt. Imigongo ist eine traditionelle Kunstform, bei der Innenwände, heute oft auch nur Leinwände für Bilder, mit Kuhdung beschichtet und dieser anschließend geformt und angemalt wird. Die verwendeten Farben waren ehemals weiß, rot und schwarz. Weiß und rot wurden aus natürlichen Erden hergestellt, während der Gewinn der Farbe Schwarz sich etwas komplexer gestaltete. Hierfür wurde die Asche von getrockneten Bananenblättern und Aloe-Seife mit dem Urin von Kühen und den Früchten des Natronapfelnachtschatten (noch ein gutes deutsches Wort für Scrabble) gemischt.

Der Rahmen eines traditionellen Hauses bestand aus senkrechten Holzstützen und horizontalen Querstreben aus steifen Gräsern, Reben oder Stroh. Dieses Gerüst wurde dann mit Grasbündeln bedeckt. Die Größe und Komplexität eines solchen Hauses deutete auf den Wohlstand oder den Status des Besitzers hin. Die Hütte hatte eine runde Grundfläche und eine kuppelähnliche Form. In manchen Fällen, wie aufgrund der Topographie (z.B. in der Murera Region) musste diese Form entsprechend den Umweltverhältnissen angepasst werden. Im Zentrum des Hauses befand sich der Besucherbereich, zusammen mit einer Feuerstelle. Es gab keinen Schornstein, oder irgendeine Lücke im Dach durch die der Rauch hätte austreten können. Stattdessen zog er in die Decke ein und half dabei, ungewünschte Insekten wie Moskitos fernzuhalten. Der Schlafbereich befand sich im hinteren Teil des Hauses. Er war erhöht gelegen, mit Decken zum Schlafen, sowie verschiedenen Körben zum Aufbewahren von Kleidung und anderen Gegenständen. Der Mann und die Frau schliefen hier, die Kinder fanden in der Regel Platz auf dem Boden im restlichen Teil des Hauses. Da der Untergrund ohnehin mit geflochtenen Matten weich ausgelegt war, war es vermutlich nicht viel weniger bequem wie der Schlafbereich der Eltern. Das vermute ich zumindest nachdem ich im rekonstruierten King’s Palace in Nyanza war und mir dort habe ansehen können, wie er so eingerichtet ist.

Besonders wohlhabendere Familien, wie die des Königs, hatten nicht nur ein Haus, sondern mehrere Hütten mit entsprechend unterschiedlichen Funktionen, wie Küche, Hühnerstall oder Getreidespeicher. Außer dem Haus des Königs haben wir in Nyanza auch die beiliegenden Unterkünfte des Milchmädchens – zuständig für die Herstellung von Butter und anderen Milchprodukten – , sowie des Bierjungen – für die Herstellung von Bier verantwortlich – begutachten können. Sowohl das Mädchen, als auch der Junge waren Mitglieder der königlichen Familie, die von der Königin Mutter für diese Aufgabe ausgewählt wurden. Sie mussten jungfräulich sein und es war ihnen erst dann erlaubt zu heiraten, wenn der König, dem sie dienten, verstarb. Auch die Kinder des Königs hatten ihre eigenen Hütten und sobald ein Nachfolger gekrönt wurde, errichtete er sich ein neues Haus. Dieses musste nicht in derselben Region sein, sondern konnte überall in Ruanda seinen Platz finden. Jedoch war Nyanza damals für lange Zeit das Zentrum des Königreichs, weshalb sich auch die meisten Herrscher in diesem Distrikt ansiedelten.

Vom 15. Jahrhundert ausgehend expandierte das Königreich Ruanda signifikant in umliegende Gebiete. Diese Expansion wird im moderneren Königspalast von 1932, mittlerweile Teil des Museums, mithilfe von Karten veranschaulicht. Während es zu Beginn wenig mehr als die direkte Region um das heutige Kigali abdeckte, reichten seine Grenzen im 17. Jahrhundert unter anderem weit nach Nordwesten in die heutigen Gebiete der Demokratischen Republik Kongo, wo auch nach wie vor einige wenige Gruppen leben, die Kinyarwanda sprechen.

Ein weiterer moderner Palast wurde für den Thronfolger auf einem Hügel von Nyanza errichtet. Dieser starb jedoch bevor er das Gebäude jemals beziehen konnte. 1961 wurde die Monarchie schließlich aufgelöst und der aktuelle Präsident, Paul Kagame, ist häußlich in Kigali ansässig. Habe ich übrigens schonmal erwähnt, dass wir Nachbarn sind? Zumindest was den Arbeitsplatz angeht, denn wenn ich hinter der Jumelage die Treppe hochmarschiere, dann komme ich in den Garten des Präsidentenbüros. Das nur mal so am Rande.

Schlusswort

Ich hoffe, ich konnte dir die Kultur und die Traditionen Ruandas ein wenig näher bringen. Aus meiner Sicht ist es wichtig, ein paar Hintergründe zu kennen, um die Welt in der wir uns bewegen besser zu verstehen. Nur wenn wir uns die Wurzeln einer Gesellschaft betrachten, können wir uns ein Bild davon machen, wie heutige Normen und Werte zustande kommen. Dies ist insbesondere für die Kultur Ruandas, aber auch die anderer afrikanischer Länder wichtig, die sich scheinbar so sehr von unserer unterscheiden. Doch der Teufel steckt im Detail und wenn man einmal genauer hinsieht, wird man nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten sehen, die sich oft lediglich in anderen Trachten kleiden. 

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.

 

 

 

 

 

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