Herz Afrikas - Unerzählte Geschichten meiner Abenteuer in Ruanda (Teil III)


Das ist der letzte Teil meiner kleinen Mini-Serie unerzählter Geschichten aus meiner Zeit in Ruanda. Teil I und II kannst du nachträglich hier noch lesen: Herz Afrikas - Unerzählte Geschichten meiner Abenteuer in Ruanda (Teil I), Herz Afrikas - Unerzählte Geschichten meiner Abenteuer in Ruanda (Teil II). Anders als Teil zwei ist dieser hier etwas leichter in der Stimmung, auch wenn mir diese Geschichten manchmal mehr Kopfschmerzen bereitet haben als alles andere, teils ohne guten Grund. Das gesagt, sollte man besonders die erste Geschichte mit Vorsicht genießen. Ich spreche hier über meine eigene, subjektive Erfahrung, inklusive meines voreingenommenen Frusts über manche Dinge, die man nicht aus dem Zusammenhang reißen sollte. Ich möchte hier niemanden persönlich angreifen, weshalb ich Namen auf Anfangsbuchstaben reduziert habe.

Das vorausgeschickt, steigen wir ein und beenden diese außergewöhnlichen neunzehn Monate in Ruanda mit ein paar guten Geschichten. Viel Spaß beim letzten Lesen.

Wie aus Wandern ein Sitcom-Drama wurde

„Steps to Wellness“ (STW) war eine der – wenn nicht sogar die – einzige Wandergruppe in Kigali, die jeden Sonntag kostenlose Ausflüge organisierte, ganz ohne versteckte Kosten. Ich hatte mich schon bei meiner ersten Wanderung in diese Gruppe verliebt und viele meiner Freunde in Ruanda habe ich über sie kennengelernt. Doch im Paradies konnte es nicht immer nur Sonnenschein geben.

Es begann etwa Ende 2025, als STW sein einjähriges Jubiläum feierte, dass die Gruppe auseinanderzufallen begann. Viele Faktoren spielten dabei eine Rolle. Einige waren persönlicher Natur, andere finanzieller Art, wieder andere komplexer, als sie eigentlich hätten sein müssen. Einer der aktiveren Gruppenadministratoren zog weg, immer mehr Mitglieder wanderten nicht mehr mit STW und gingen stattdessen mit anderen Gruppen und die verbleibenden Admins fühlten sich durch dieses Verhalten betrogen. Zudem beschlossen sie, eine Führungsgebühr einzuführen, da die Gruppe Ausgaben hatte, die die Admins nicht mehr alleine tragen konnten.

Schließlich kam es zu einem Konflikt zwischen den Admins und vielen der aktiven Mitglieder. Die Admins warfen ihnen vor, STW nicht zu unterstützen, wenn sie mit anderen Gruppen wanderten und sich über Angebote zu beschweren, in die die Admins viel Mühe investiert hatten. Die Mitglieder wiederum fühlten sich durch diese Haltung gekränkt und warfen den Admins vor, ihnen die finanzielle Belastung aufzubürden, obwohl sie nie um Unterstützung gebeten hatten. Sie fühlten sich bei der Entscheidungsfindung ausgeschlossen und die Fassade unserer harmonischen Wanderfamilie begann zu bröckeln. Der gesamte Konflikt eskalierte in einem persönlichen Streit zwischen einem Admin und einem der Kernmitglieder und führte dazu, dass ein großer Teil der Gruppe STW verließ und eine neue Wandergruppe gründete: Beyond the Hills (BTH).

BTH wurde auf drei Hauptsäulen gegründet: Transparenz bei der Entscheidungsfindung, Einbeziehung der gesamten Gruppe bei wichtigen Entscheidungen und kostenloses Wandern für alle. Wir waren motiviert und voller Energie, dieses Projekt zum Laufen zu bringen, und ich wurde eine der Administratorinnen, die von der Gruppe ausgewählt wurde, um uns in den ersten Monaten zu leiten. Wir wollten ein System ausarbeiten, das uns helfen würde, dieselben Fehler nicht noch einmal zu machen und es uns ermöglichen würde, an unseren Grundwerten ohne Drama festzuhalten.

Leider musste ich bald feststellen, dass die anderen Admins die Dinge gerne anders und nach meiner subjektiven Meinung recht ineffizient handhabten. Es fiel mir schwer, Ideen vorzubringen und umzusetzen, da das Feedback nicht meinen Vorstellungen entsprach. Mir fiel auf, dass ich mich viel zu sehr auf diese Gruppe fixierte, weit mehr, als ich hätte sollen. Während die meisten anderen Admins an ihren Positionen festhielten, beschloss ich schließlich, zurückzutreten. Die Art und Weise, wie die Dinge geführt wurden, erschien mir nicht nachhaltig und so überließ ich es den anderen, die Sache auf ihre Weise zu regeln.

Ich war wieder einfach nur ein normales Mitglied ohne Verantwortung, hatte aber die Möglichkeit, bei Bedarf auszuhelfen und Ratschläge zu geben. Das hatte ich bereits bei STW so gemacht und es war definitiv stressfreier, vor allem wenn man bedenkt, dass dies meine letzten Monate in Ruanda waren. Ich weiß nicht so recht, wie die Admins die Dinge derzeit handhaben, und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass sie seit meinem Weggang effizienter geworden sind. Aber die Gruppe läuft weiter, die Mitglieder genießen nach wie vor jede Woche kostenlose Wanderungen und das ist das Wichtigste.

Nach meiner letzten Wanderung mit BTH bekam ich eine Torte. Die Admins hatten das organisiert, ohne dass ich etwas davon ahnte und es war eine schöne Überraschung. Viele Mitglieder, neue wie alte, sagten mir sehr nette Dinge und es fällt mir nicht leicht, mich von dieser Gruppe zu verabschieden, trotz all der Dramen, die es vielleicht gegeben hat. Letztendlich überwiegen die guten Zeiten bei weitem die schlechten und ich hoffe, dass die Gruppe weiterbesteht und dort Erfolg hat, wo STW es nicht geschafft hat.

Einbahnstraße Visum

Im März 2025 haben Ruanda und Belgien alle diplomatischen Beziehungen und Kontakte abgebrochen [1, 2]. Vier europäische Länder unterhalten derzeit eine Botschaft in Kigali, darunter Frankreich, Deutschland, die Niederlande und Schweden [3]. Die französische Botschaft in Ruanda stellt Schengen-Visa für Ruander aus [4]. Die schwedische Botschaft hat die Bearbeitung der Schengen-Visa übernommen, nachdem die belgische Botschaft in Kigali geschlossen wurde, lagert dies aber an ihre Botschaft in Nairobi, Kenia, aus [5]. Die deutsche Botschaft lagert ihre Schengen-Visabearbeitung ebenfalls nach Nairobi aus, lässt sie dort aber weiterhin von der belgischen Botschaft übernehmen. Die deutsche Botschaft in Nairobi stellt Schengen-Visa jedoch nur für Uganda, Kenia und Kongo aus [6, 7]. Die italienische, niederländische und tschechische Botschaft in Uganda, Tansania und Kenia stellen Schengen-Visa für Ruander selbst aus [8, 9, 10]. Die belgische Botschaft in Nairobi kann Schengen-Visa für Tschechien, Estland, Finnland, Deutschland, Griechenland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Portugal, Slowenien, Spanien und die Schweiz ausstellen [11].

Ich werde mich nicht dazu äußern, wie europäische Länder mit ihren Schengen-Visa umgehen oder wie sie sie untereinander auslagern und ich werde mich auch nicht in die Frage vertiefen, warum die Belgier einen persönlichen Groll gegen jeden einzelnen ruandischen Staatsbürger zu hegen scheinen und jeden Versuch ablehnen, ein Visum für einen Kurzaufenthalt in Europa zu bekommen. Das ist meine subjektive Perspektive und ich möchte mit niemandem einen Visa-Krieg anfangen. Es ist trotzdem eine frustrierende Situation, wenn man bedenkt, dass die Jumelage eine Partnerschaftsorganisation ist, die in ihrer Arbeit eingeschränkt wird, weil Besuche zwischen Deutschland und Ruanda eine Einbahnstraße bleiben. Es macht es mir auch nicht leichter, das Land zu verlassen, wenn man bedenkt, dass ich inzwischen einen ruandischen Freund habe. Eine Fernbeziehung zu führen, wenn ein Partner aufgrund kurzsichtiger und rassistischer Reisebeschränkungen nicht frei reisen kann, wird eine große Herausforderung werden.

[1] Belgium in Rwanda | FPS Foreign Affairs - Foreign Trade and Development Cooperation (23.07.2026, 17:14)
[2] Rwanda Gov Board on X: "📢PUBLIC NOTICE!! RGB prohibits all international & national NGOs, Faith-Based Organisations (FBOs), and Common-Benefit Foundations registered and operating in #Rwanda to have any kind of cooperation with the Government of #Belgium and its affiliated entities. https://t.co/9vLBadghuu" / X (30.04.2026, 12:15)
[3] Consular protection for EU citizens in Rwanda | EEAS (30.04.2026, 12:16)
[4] Rwanda - France-Visas (30.04.2026, 12:16)
[5] Rwandan citizens applying for Schengen visa - Sweden Abroad (30.04.2026, 12:17)
[6] German Embassy Kigali - Federal Foreign Office (30.04.2026, 12:19)
[7] Schengen visas are processed in Nairobi - Federal Foreign Office (30.04.2026, 12:20)
[8] Visas – Ambasciata d'Italia Kampala (30.04.2026, 12:20)
[9] Applying for a Schengen visa for the Netherlands in Rwanda | NetherlandsWorldwide (30.04.2026, 12:21)
[10] Požadovaná stránka nebyla nenalezena | Ministerstvo zahraničních věcí ČR (30.04.2026, 12:23)
[11] Submitting your visa application in Rwanda? | FPS Foreign Affairs - Foreign Trade and Development Cooperation (23.07.2026, 17:49)

Geh vor die Tür und sehe, dass der Anstrich am Haus bröckelt

Nach Ruanda zu kommen hat mir nicht nur viel über eine Kultur beigebracht, die für mich völlig neu war. Es hat mir auch eine neue Perspektive auf meine eigene kulturelle Prägung eröffnet. Manche meiner Grundwerte wurden allein durch beiläufige Gespräche mit Freunden infrage gestellt, einfach dadurch, dass sie einen anderen Hintergrund haben. Traditionelle Familienstrukturen sind überholt, Umweltschutz ist unsere Pflicht, und Tierwohl steht über allem. In Europa wird über diese Themen diskutiert. Im Grunde gilt jedoch, jeder und jede, der oder die es wagt, diesen Konsens infrage zu stellen, als schlechter Mensch, als Gesetzloser, als minderwertig. Wir denken nie darüber nach, warum manche Menschen diese Überzeugungen haben könnten, sondern verurteilen sie lieber. Doch was, wenn wir bei genauerem Hinterfragen ihrer Argumente feststellen, dass sie eigentlich überzeugend sind?

Besonders beim Thema Tierwohl hatte ich eine harte Erdung. Ich bin mit Haustieren aufgewachsen, wollte als Kind immer Tierärztin werden und selbst jetzt tut es mir weh, zu sehen, wie Hühner auf dem Markt an den Füßen zusammengebunden und aufs Motorrad geschnallt werden. Aber ich akzeptiere es. Weil ich es jetzt anders verstehe. Hühner sind Nahrung. Ihr einziger Nutzen ist es, Fleisch und Eier zu liefern, damit jemand seine Familie ernähren kann. Was ist der Nutzen eines Haustiers? Warum sollte ich etwas füttern, das nicht einmal meiner eigenen Spezies angehört? Viele Europäer würden es vielleicht unmenschlich nennen, ein Kaninchen an den Ohren zu packen und wie ein rohes Stück Fleisch herumzuschwenken. Aber ist es nicht unnatürlicher, Mitgefühl für ein Tier zu empfinden, während man den Bettler am Straßenrand ignoriert?

Wir haben den Campus des Dian Fossey Gorilla Fund besucht. Dian Fossey hat ihr Leben dem Schutz und der Erforschung der Berggorillas in den Virunga-Bergen gewidmet. Sie sprach ein wenig Französisch und Suaheli, kümmerte sich um die Gorillas, entfernte Fallen und vertrieb Wilderer aus den Wäldern. Es wurde mehrfach erwähnt, dass Dian die Tiere mehr liebte als die Menschen. Sie wurde 1985 getötet. Ich kann nicht anders, als mich zu fragen: Wäre ihre Geschichte anders ausgegangen, wenn sie Kinyarwanda gelernt hätte? Wenn sie mehr mit den Einheimischen kommuniziert hätte, statt sie glauben zu lassen, sie sei eine Hexe, die sie verfluchen könnte? Wenn sie die Jäger gefragt hätte, warum sie töten müssen, statt ihre Einnahmequelle zu zerstören und sie als Teufel abzustempeln? Hätte sie länger überlebt und wäre ihr Vermächtnis größer gewesen, wenn sie sich in die Kultur integriert hätte, anstatt gegen sie zu kämpfen?

Ich lasse das einfach so stehen. Es gibt keine Antwort auf ein „Was wäre, wenn …?“. Aber ich glaube, manchmal hilft es, aus der eigenen Welt und den eigenen Überzeugungen herauszutreten und sie mit den Augen eines Außenstehenden zu betrachten. Vielleicht fällt einem dann etwas auf.

Auf Wiedersehen heißt nicht Lebewohl

Es ist Zeit, sich zu verabschieden, und ich mag das nicht. Es ist schwer, einen Ort zu verlassen, an dem man so lange gelebt hat. Über die Herausforderungen des Abschieds habe ich bereits in einem Beitrag auf einem anderen Blog geschrieben (Living between Countries - On Leaving, Returning and Finding Comfort in Strangeness). Diesmal fühlt es sich besonders schwer an, weil ich hier gute Freundschaften aufgebaut habe, sowie eine Beziehung und es ist nicht leicht, zu gehen, ohne die Garantie, wiederzukommen. Leider hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass ich nicht besonders gut darin bin, den Kontakt zu halten und ein Besuch ist nicht einfach eine Zugfahrt von ein paar Stunden. Aber diesmal bin ich entschlossen, mich mehr anzustrengen und ich habe genug Gründe, die mich besonders mit Ruanda verbunden halten:

Da ist die Partnerschaft zwischen meiner Heimat und Ruanda (speziell Rutsiro), die immer eine Brücke bietet. Da sind Freunde, die mich so geprägt haben, dass sie mich hoffentlich enger an sich binden werden. Da ist die Inspiration, aus beruflichen Gründen hierher zurückzukommen, denn die Arbeit mit dem Sugira Network (dem Netzwerk für inklusive Schulen und Zentren für Kinder mit Beeinträchtigung) sowie meine eigenen medizinischen Erfahrungen in Ruanda haben mich zumindest teilweise dazu inspiriert, einen Master in Medizintechnik anzustreben. Es gibt auch noch weitere Länder rund um Ruanda, die ich noch nicht besuchen konnte oder in die ich gerne noch einmal zurückkehren würde. Und vor allem gibt es eine Beziehung, die ich nicht aufgeben will, nur weil ich mit der Distanz nicht umgehen kann.

Das alles gesagt, liegen viele Herausforderungen vor mir und man kann nie wissen, was die Zukunft bringt. Aber ich hoffe und ich möchte sicherstellen, dass zu meiner Zukunft eine dauerhafte Verbindung zu diesem wunderschönen Land und seinen wunderbaren Menschen gehört.

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