Die Jagd nach Beschäftigung

Wusstest du, dass sich Menschen unbewusst ins Gesicht fassen, da das zu einer Verminderung von Stress und Unbehagen führt und die Konzentrationsfähigkeit steigert? Wenn du dir also nachdenklich die Finger zwischen Mund und Nase hältst, wird Druck auf einen Nervenpunkt ausgeübt, was dabei hilft dich zu beruhigen und deinen Fokus zu erhöhen. Dabei haben weder Rechts- noch Linkshänder eine bevorzugte Seite. Menschen mit einer hohen Feldabhängigkeit verwenden jedoch im Durchschnitt häufiger die linke Hand dafür.
Ja, nein, das hat nichts mit meiner Arbeit in der Jumelage zu tun. Allerdings war ich diese Woche verzweifelt auf der Suche nach Aufgaben, da meine Mentorin Jane aus privaten Gründen erst am Freitag wieder ins Büro gekommen ist und ich in der Zwischenzeit noch nicht viel tun konnte. Dabei kommt dann halt die Recherche nach unnützem Wissen zustande. Meiner Meinung nach allerdings sehr interessant und meine Empfehlung, um auf der nächsten Party etwas flexen zu können.

Die Woche begann mit einer nervenaufreibenden Excel-Aufgabe, die mich den ganzen Montag gekostet hat (was man nicht alles tut, um sich zu beschäftigen!) und wofür ich am Dienstagmorgen endlich eine Lösung gefunden habe. Manchmal hilft es eine Nacht darüber zu schlafen und sich dann nochmal an eine verzwickte Problemstelle heranzuwagen. Allerdings hatte ich gehofft, nach dem Studium bin ich da etwas bequemer geworden.
Eine kleine Pause bot mir der Besuch einer Delegation von Leuten aus Ludwigshafen, die für einige Tage in Ruanda sind, um sich dort die Partnerprojekte anzusehen. An diesem Morgen hatte ich mich besonders auf Tea-Time um 10 Uhr gefreut, da ich nichts gefrühstückt hatte und am Morgen schon angeteasert wurde, dass es mehr Essen geben wird als sonst, da wir ja Besuch bekommen. Beschwingten Fußes marschierte ich durchs Gebäude in Richtung der Terrasse, wo ich die noch warmen Chapati mit Avocadocreme schon erahnen konnte. Leider hatte ich als Freiwillige aus Rheinland-Pfalz ziemlich schnell das Interesse der Delegierten geweckt, weshalb ich nur einige Schritte aus der Tür gekommen war und schon in diverse Gespräche verwickelt wurde. Immer wieder huschte mein verzweifelter Blick zu dem langsam schrumpfenden Buffet, so nah und doch so fern. Ich möchte das aber nicht nur schlecht reden. Die Leute waren sehr nett und auch sehr interessiert an Ruanda, sowie meiner Arbeit hier, also kann ich ihnen nicht böse sein.

Am Mittwoch war es dann so weit: Meine erste Exkursion aus Kigali raus in Richtung Osten. Gegen halb acht startete unsere Fahrt, nachdem wir meine Koordinatorin Sandrine noch eingesammelt hatten. Mir war bereits an meinem ersten Tag in Kigali aufgefallen, wie farbenfroh die Stadt doch war, mit viel Grün, das sich zwischen den Häusern erhebt. Doch das ganze nahm ungeahnte Ausmaße an, als wir mit dem Auto in ländlichere Regionen fuhren. Die hügelige Landschaft erweckt den Eindruck, als hätte jemand einen riesigen, stellenweise sehr flauschigen, Teppich über das ganze Land ausgebreitet. Viele verschiedene Farben, außer der ein oder andere braune Fleck Erde oder die überall verstreuten Hütten, konnte ich in der Vegetation nicht ausmachen. Dafür aber ein sattes Grün, das dem Land eine erfrischende und sehr fruchtbare Erscheinung verleiht. 


Das Land ist unterteilt in Provinzen, welche wiederum aus Distrikten zusammengesetzt sind. Die nächst kleinere Hierarchiestufe sind Sektoren, welche wiederum in Zellen aufgeteilt werden können und innerhalb der Zellen befinden sich die Dörfer. Unser erster Stopp brachte uns zum ECD (Early Child Development Center) im Kigina Sektor, des Kirehe Distrikts. Es war 2021 von der Jumelage errichtet worden, um den Kindern einen Aufenthaltsort zu geben, während die Eltern sich um die tägliche Arbeit kümmern. Zusätzlich zu den Räumlichkeiten wurden auch Spielsachen und Schlafgelegenheiten für den Mittagsschlaf bereitgestellt. Bei unserer Ankunft wurde ich von der Betreuerin sehr herzlich empfangen. Sandrine war bereits mehrfach dort gewesen, daher kannte sie die beiden Betreuer, sowie den Village-Chief bereits. Knapp 20 Kinder waren anwesend, als wir den Gemeinschaftsraum betraten. Mit großen Augen und teilweise schüchternen Gesichtsausdrücken begutachteten die Kleinen die fremde weiße Frau, die da gerade den Raum betreten hatte. Ich winkte ihnen zu und es dauerte nicht lange, da überwog die Neugier und viele der Kinder strömten zu uns, umarmten uns und während Sandrine begann sich mit den anderen Erwachsenen zu unterhalten, beäugte eines der Kinder neugierig meine Sonnenbrille. Ich setzte ihnen nacheinander die viel zu große Brille auf die Nase. Der plötzliche Sichtwechsel schien die Kleinen sehr zu erstaunen.

links: Eingang zum ECD, Mitte: Gemeinschaftsraum mit Tischen, rechts: Schlafraum

Nach unserem Besuch des ECD fuhren wir weiter zu einer vom Sektor bereitgestellten Halle, in der Nähmaschinen stehen, die von der Jumelage zur Verfügung gestellt wurden. Rezipient dieser Partnerschaft ist eine Gruppe von alleinerziehenden Müttern (und ein paar junge Männer), damit diese mithilfe eines Lehrers dazu befähigt werden, durch den Verkauf von Kleidung einen Lebensunterhalt zu verdienen. Auch hier saß ich wieder vorwiegend unbeteiligt daneben, während Sandrine auf Kinyarwanda mit den anwesenden Leuten sprach und den aktuellen Status abfragte. Als ich mich dann mit brüchigem Kinyarwanda selber vorstellte, reagierten die anwesenden Locals sehr erfreut und stimmten sofort ein Lied an, welches, laut Sandrin, die Partnerschaft der Jumelage besang. Ein Haufen unheimlich lieber Menschen, die uns extra einen Regenschirm organisierten, um uns trocken durch die Sturzbäche an Regen von der Halle zurück zum Auto zu begleiten. Dazu muss ich kommentieren, dass das doch eine sehr nasse Trockenzeit ist, die hier aktuell herrscht...

Nach einem kurzen Stopp beim Administrationsbüro des Sektors, um einen anstehenden Besuch des Bürgermeisters von Gau-Algesheim, der deutschen Partnerstadt, im Februar zu besprechen, fuhren wir zu unserem letzten Ziel, der GS Kigina Schule. Auch hier ging es vorwiegend um die Vorbereitung des Besuchs der Delegation aus Deutschland, um eine mögliche Schulpartnerschaft, sowie den potentiellen Bau einer gemeinschaftlichen Mensa, damit die Schüler nicht in den Klassenräumen essen müssen. Wie schon im ECD war es auch an der Schule ein besonderes Ereignis, dass eine weiße Frau zu Besuch kommt. Viele Kinder versammelten sich vor den Klassenräumen und beobachteten uns, als wir über das Schulgelände liefen, während neugierige Augen unsere Gruppe durch die Fenster beobachteten. Einigen Schülern und Schülerinnen, an denen wir vorbeikamen, gab ich ein High Five oder schüttelte die Hand, bis die begleitende Lehrkraft die Kinder mit einem Schmunzeln auf den Lippen wieder wegscheuchte.


Auf dem Rückweg gab es dann noch einige Zwischenstopps auf Märkten und an Straßenständen, wo Sandrine großzügig einkaufte und mir den ein oder anderen Snack spendierte. Wir kamen an einer Kurve vorbei, an der sich der Anhänger eines großen LKWs, beladen mit einem Haufen Säcke, überschlagen hatte. Ich kann mir bis jetzt nicht ausmalen, wie das passiert sein könnte. Weder war diese Kurve übermäßig scharf, noch steil gewesen. Der Anhänger machte eher den Eindruck, als hätte der Hulk ihm von hinten einen Upper Cut gegeben. Es sah jedoch zum Glück nicht danach aus, als hätte es Verletzte gegeben. Als ich dann am Abend nach Hause kam, war ich erstaunt wie müde ich war, dafür dass ich den ganzen Tag nichts getan hatte, außer an verschiedenen Orten zu sitzen und Inkompetenz auszustrahlen. Nach der obligatorischen kalten Dusche fiel ich ins Bett und war auch schon bald weggetreten.

Der Rest der Woche war tatsächlich weniger ereignisreich. Ich bin das erste Mal von der Arbeit nach Hause gelaufen und habe dafür ca. 1 1/2 Stunden gebraucht. An sich eigentlich eine nette Option Abends noch einen kleinen Spaziergang zu machen, v.a. wenn ich den ganzen Tag am Schreibtisch saß. Allerdings muss ich leider dazu sagen, dass Kigali nicht unbedingt fußgängerfreundlich ausgerichtet ist und fast alle Wege direkt an der Straße entlang führen, meistens mit Bürgersteig. Dadurch hat man allerdings die Abgase und den Staub von den Fahrzeugen die ganze Zeit in der Luft, was auf Dauer sehr die Lungen belegt. Gestern war ich dann noch auf der Geburtstagsfeier von Helena, einer anderen Freiwilligen, wo ich einige neue Bekanntschaften gemacht habe und andere schon bestehende Bekannte noch etwas besser kennengelernt habe. 
Heute ist Umudanga. Das ist der letzte Samstag im Monat, bei dem in Ruanda von 8 bis 11 Uhr Vormittags von allen Leuten gesellschaftlich Sozialarbeit geleistet wird. Dazu gehört, die Straßen von Müll zu befreien, die Einfahrt der älteren Nachbarin auszubauen, damit sie nicht versehentlich in ein Schlagloch fällt oder andere solche Dinge, die dem Gemeinwohl dienen. Eigentlich eine nette Art und Weise die gemeinsamen Lebensumstände zu verbessern und sich für die Umwelt einzusetzen. Könnte man eigentlich auch in Deutschland mal so einführen.

Alles in allem würde ich sagen, es war eine erfolgreiche Woche. Da ich nun auch meine Mentorin Jane kennengelernt habe, freue ich mich am Montag darauf, mit ihr zusammenzuarbeiten und hoffentlich der Jagt nach Beschäftigung einen Schlussstrich zu setzen. Damit verabschiede ich mich für diesen Post und hoffe, du hast heute wieder etwas gelernt, wenn auch nur warum sich Menschen immer ins Gesicht fassen.

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.

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