DOs und DON'Ts in Ruanda

Heute ist Sonntag, der 19. Januar 2025. Was noch? Es ist der vorletzte Sonntag im Monat und in Kigali bedeutet das, dass von 6 bis 12 Uhr Vormittags in der ganzen Stadt weder Autos, noch Motos - so nennt man hier die Motor-Taxis - unterwegs sind und die Leute sich entweder zu Fuß fortbewegen, oder sich den freien Sonntag Vormittag zu Hause gönnen. Ich meinerseits habe die Zeit genutzt, um ein paar Hausarbeiten zu erledigen: Das Haus gefegt, ein wenig gewischt, Wäsche gewaschen, Türscharniere mit Sonnenblumenöl geschmiert, der übliche Kram, den man nie machen will, aber irgendwann machen muss. 
Außerdem ist heute der 10. Tag nach meiner Ankunft in Ruanda und bisher wurde ich versehentlich von einem Moto abgezogen (selbst Schuld, ich hab das Wechselgeld nicht sofort gezählt), habe mein Handy geschrottet (es wurde einen Tag darauf durch die Hilfe meines lieben Kollegen, Francois, wieder repariert), mich mit ATMs angelegt (sie wollten mir kein Geld geben) und meine Bank-PIN gesperrt (sie haben mir nicht gesagt, dass ich zig-mal die falsche PIN eingegeben habe). Man sieht, eigene Intelligenzschwankungen machen mir das Leben nicht leichter.
Gleichzeitig habe ich jedoch gelernt besser mit Locals auf Kinyarwanda zu verhandeln, mich in der Stadt besser zurechtzufinden, um Moto-Fahrer zu meinem Ziel zu lotsen und wurde Zeugin maßloser Hilfsbereitschaft vieler Leute hier. Aber vor allem hab ich Äffchen gesehen. 


In dem heutigen Artikel möchte ich allerdings weniger auf einzelne Ereignisse eingehen, als vielmehr darauf, was ich in der vergangenen Woche gelernt habe. Fidele und Thomas - Kollegen aus der Jumelage - haben für mich ein kleines Einführungsseminar organisiert und veranstaltet, wodurch ich viele nützliche Tipps für das Leben in Kigali erhalten habe. Du musst beachten, dass ich viele dieser Dinge noch nicht unbedingt selber erlebt habe, schließlich bin ich ja erst knapp über eine Woche hier. Die folgenden Zeilen beinhalten vorwiegend Informationen, die mich auf mein Leben in Kigali für die kommenden Monate vorbereiten sollen. Ob sich all diese Dinge bewahrheiten werden oder ob ich widersprüchliche Erfahrungen machen werde, steht fürs Erste in den Sternen und wird sich mir in den nächsten Wochen offenbaren.


DOs & DON'Ts IN RUANDA

Aus den Infos, die ich aus meiner Einführungswoche mitgenommen habe, habe ich hier einen Quick-Guide mit ein paar DOs und DON'Ts, wie man sich in Ruanda respektvoll gegenüber den gesellschaftlichen Normen verhält, erstellt.
  • Du hast Hunger und keine Lust zu warten bis du zu Hause bist, also holst du dir im Supermarkt eine Kleinigkeit für unterwegs? Ja, mach mal lieber nicht, in Ruanda ist es nämlich nicht angebracht auf der Straße zu essen. Setz dich lieber in ein Café, Restaurant oder hebe dir den Snack doch lieber für zu Hause auf.
  • Die Umwelt soll erhalten bleiben. Wirf deinen Müll nicht irgendwo ins Nirvana und bleibe auf den vorgesehenen Wegen.  
  • Zeit ist nur eine Orientierung, aber keine Verpflichtung. Gehe nicht davon aus, dass deine Verabredung um kurz vor Zeitpunkt schon auf der Matte steht, sondern bringe lieber etwas Flexibilität mit.
  • Sei dir bewusst, dass wenn du jemanden einlädst, diese Person davon ausgehen wird, dass du für Essen, Getränke & Co zahlst. Wenn du also unangenehme Missverständnisse vermeiden möchtest, weil dein Gegenüber kein Geld dabei hat, dann kläre das vorher ab.
  • Die Locals freuen sich sehr, wenn man sich bemüht, ihre Kultur kennenzulernen. Diesen Punkt kann ich bereits bestätigen, weil mir bis jetzt meistens mit großer Freundschaft begegnet wurde, wenn ich auch nur ein paar Fetzen gebrochenes Kinyarwanda zusammengestammelt habe.
  • Angemessene Kleidung vermittelt Respekt vor dem Land und den Leuten. Auch wenn Ruanda im Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern sehr westlich geprägt und daher nicht mehr ganz so streng ist, sollte man trotzdem nicht unbedingt in Shorts oder Minirock zur Arbeit kommen und im Idealfall die Schultern bedecken - wobei letzteres tatsächlich eher lockerer gesehen wird.
  • "Deutsche duschen sich nicht täglich und haben dreckige Schuhe". Würde ich das erste Vorurteil nicht so unterschreiben, so liegt das zweite garnicht mal so weit entfernt von der Wahrheit. Das heißt: Schuhe putzen! Auch wenn sie nach 5 Minuten draußen wieder so aussehen wie zuvor. Wir wollen ja nicht die Vorurteile mit Öl befeuern. Dir ist aber auch niemand böse, wenn die Schuhe nicht bitzeblank sind. 
  • Respektiere Religion. Die Menschen in Ruanda sind sehr religiös und mehr als 90% der Bevölkerung ist christlich. Ein kleiner Teil der Leute ist muslimisch und es gibt nur wenige Atheisten. Dementsprechend gibt es auch noch einige gesellschaftliche Normen, oftmals mit religiösem Hintergrund, die man respektieren sollte, wenn man hier ist.
Das dürften die relevantesten Punkte sein, die man beachten sollte, wenn man einen Aufenthalt in Ruanda anstrebt. Andere Dinge beinhalten sowas wie "Trag nicht zu viel Bargeld mit dir herum", "Zeig nicht mit dem Finger auf Leute", "Mache keine Fotos von Leuten, ohne vorher zu fragen". Alles Dinge, die in den meisten Kulturen einfach nicht angebracht sind, oder zum gesunden Menschenverstand gehören und aus diesem Grund nicht weiter erwähnenswert sein sollten. Es gibt allerdings noch etwas, das ich aus Europa und auch von meinen vorherigen Reisen noch nicht so kennengelernt habe: Als weiße Person erhältst du hier eine Menge Aufmerksamkeit. Menschen, insbesondere Kinder, haben mich schon auf der Straße angesprochen und nach Geld gefragt. In einigen Situationen wird man möglicherweise bevorzugt behandelt, während in anderen, z.B. auf dem Markt, dasselbe Produkt für einen höheren Preis angeboten wird, da Weiße hier oft als reich und vermögend betrachtet werden. Doch auch das ist ein überwindbares Vorurteil, wenn man versucht, die Kultur zu verstehen, zu kommunizieren und sich zu einem gewissen Grad anzupassen.

POLITIK & GESCHICHTE

Es ist nicht leicht, über die Gesellschaft eines Landes zu sprechen, ohne auch die zugrundeliegende politische Struktur und ihre Geschichte zu thematisieren. Wer mich kennt weiß, dass ich nicht viel mit Politik am Hut habe. Dennoch habe ich mich über die Basics informiert, damit auch ein Tölpel wie ich die Situation ein wenig besser einschätzen kann. Ich werde hier allerdings nicht weiter ins Detail gehen und lege dir nahe, dich selbstständig noch weiter schlau zu machen.

Ruanda ist das sicherste Land in Afrika und das 6. sicherste Land im weltweiten Ranking. Öffentliche Gewaltkriminalität im Land ist sehr selten, was einen selbstverständlich nicht vor Kleinkriminellen wie Taschendieben schützt. Man sollte also Wertgegenstände immer sicher aufbewahren und auch die Haustür nicht unbedingt offen oder unabgeschlossen lassen, wenn man nicht Zuhause ist. Ich vermute jedoch, dass das in den meisten Städten der Welt der Fall ist. 
Das Land hat einen relativ hohen Anteil an Frauen in politischen und Führungsämtern und ist auch bemüht, diese Quote zu halten. Die Regierung ist an einer gesellschaftlichen Einheit des Landes interessiert und hat zudem in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche wirtschaftliche Erfolge für Ruanda errungen. Vergangene Woche habe ich mich bereits in einige der Projekte, an denen ich mitarbeiten werde, eingelesen und dabei festgestellt, dass der Staat auch die Inklusion von Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen zu fördern scheint. Ruanda ist eine Präsidialrepublik, die jedoch autokratische Züge aufweist, wodurch Menschenrechte wie Meinungs- und Medienfreiheit immer noch stark eingeschränkt sind. Dementsprechend steht Politik selbstverständlich nicht auf Platz 1 der Liste von Smalltalk-Themen, wenn man sich mit Freunden in einer Bar trifft.
Auch Gespräche über das Genozid von 1994, sollte man vermeiden. Das Land bemüht sich um die juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung des Massenmords an einer Bevölkerungsgruppe (damals noch als Tutsi bezeichnet), doch viele Leute tragen nach wie vor ein tiefes Trauma aus dieser Zeit mit sich. Am Dienstag brachten mich Fidele und Thomas zum Genocide Memorial. Der Flugzeugabsturz vom 6. April 1994, bei dem die Maschine des damaligen Präsidenten in seine eigene Residenz stürzte und er ums Leben kam, gilt nicht als zugrundeliegende Ursache, jedoch als Auslöser für die Ermordung von mehr als einer Millionen Tutsi innerhalb von wenigen Monaten vor gerade einmal 30 Jahren. Da ich fürchte, dem Thema aufgrund meiner Position als unbeteiligte Außenseiterin nicht gerecht werden zu können, werde ich hier nicht weiter darauf eingehen. Ich würde dir nichtsdestotrotz ans Herz legen, dich selbstständig zu informieren. Meine Empfehlungen, um sich mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen, sind im Folgenden aufgelistet:
Ich habe in dieser Woche viele neue Eindrücke gesammelt, einiges gelernt und hoffe nun gut gewappnet zu sein, um mich in dem neuen noch unbekannten Land zurechtzufinden. Selbstverständlich kreiert der Kopf unbewusst bestimmte Erwartungen, wenn er mit so vielen neuen Informationen konfrontiert wird. Ich bin gespannt, ob meine Erfahrungen diese erfüllen werden.

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.




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