Erster Monat: Check!
Ein Monat ist bereits vergangen. Vor einem Monat begann ich meine Reise und seit einem Monat lerne ich nun schon dieses fremde, doch auf seine Weise schöne Land in Zentralostafrika kennen. Ich habe schon viel gelernt und trotzdem fühlt es sich nicht an, als wäre es genug für die Zeit, die ich bereits hier bin, wenn ich bedenke, dass mir nur noch sechs weitere Monate verbleiben.
Ich habe schon einige Fetzen Kinyarwanda halbwegs verinnerlicht, sodass ich mich definitiv sicherer fühle, mit den Leuten hier zu kommunizieren, v.a. auf dem Markt und mit den Moto-Fahrern. Wenn man dann gefragt wird, ob man Kinyarwanda spricht, sagt man einfach "Sinumva ikinyarwanda." ("Ich verstehe kein Kinyarwanda.") und vermeidet weitere Konversationsthemen. Dadurch wird man allerdings faul, lernt langsamer als zuvor und kann vor allem nichts über die Leute selber lernen. Insbesondere das Verstehen ist eine Herausforderung, da die Umgangssprache, wie bei uns, viele Wörter abkürzt. Am Montag kam es dadurch bei beiden Moto-Fahrten, die ich an diesem Tag unternahm, zu kleinen Missverständnissen. Auf dem Hinweg fuhren wir ein gutes Stück in die entgegengesetzte Richtung und ich brauchte einen Moment um zu verstehen, dass der Fahrer mir versuchte zu erklären, dass er tanken musste. Bei dem Verhandeln auf dem Rückweg, bot mir ein anderer Fahrer dann an, mich für 800 Ruanda Francs nach Hause zu bringen, was für den Weg und die Uhrzeit absolut in Ordnung war. Ich Idiot, verstand ihn allerdings nicht richtig und antwortete ungläubig: "Ni menshi cyane! Igihumbi." ("Das ist viel zu viel! Eintausend."). Gut, dass ich nicht alleine unterwegs war und letztendlich nicht teurer als angeboten nach Hause kam.
Wenn ich mit meinen Kollegen zu Mittag essen gehe, unterhalten auch sie sich hauptsächlich auf Kinyarwanda. Selbstverständlich kann ich nicht erwarten, dass ich nach einem Monat bereits mitreden kann. Dennoch ist ein Ziel, welches ich mir gerne vornehmen würde, dass ich weiter neue Wörter und Sätze lerne, um mich noch mehr einbringen zu können. Mal sehen, was meine Disziplin dazu sagt...
Abgesehen von meinen Fortschritten beim Handeln in der Landessprache finde ich mich auch in der Stadt selber nun langsam besser zurecht. Der Weg zur Arbeit, bzw. die diversen Varianten des Arbeitsweges, sind mir mittlerweile weitgehend bekannt und ich verliere nicht mehr so leicht die Orientierung, wenn sie sich mal durch abgelegenere verwinkelte Straßen schlängeln. Ich habe schon viele Leute kennengelernt, mit einigen verstehe ich mich sehr gut und ich freue mich jede Woche auf die Wanderung am Sonntag. Mit einem netten Moto-Fahrer der recht gut Englisch spricht, habe ich mich am Freitag auf der Fahrt (das bequemste Moto auf dem ich bis jetzt gesessen habe, mit einem Sitz so gut gepolstert, ich hatte fast das Gefühl auf einer Wolke zu sitzen) auch ein wenig unterhalten. Ich habe mir seine Nummer aufgeschrieben, falls ich mal spontan einen zuverlässigen Fahrer benötige, der auch Englisch versteht. Außerdem interessiere ich mich für das System hinter der ganzen Moto-Geschichte. Sind das alles selbstständige Fahrer, bekommen sie festen Stundenlohn, etc.? Von wem könnte ich das besser lernen als von einem Moto-Fahrer selbst?
Zweimal war ich diese Woche alleine nach der Arbeit beim Green Carpet laufen. Das ist die Tatanbahn nicht weit von der Jumelage, die ich in meinem letzten Artikel erwähnt hatte. Bis jetzt bin ich wirklich begeistert von der Strecke und es bietet sich für mich sehr gut an, nach der Arbeit dort eine Runde zu laufen und dann nach Hause zu fahren. Meinen Rucksack kann ich währenddessen bei der Security der Jumelage lassen und ihn hinterher wieder abholen. Das bedeutet, dass ich auch meine nötige Dosis an Sport regelmäßig einnehmen kann, was für mich persönlich eine sehr große Erleichterung ist. Da zudem meine Kochkünste langsam aufzutauen scheinen, bzw. zumindest meine Bereitschaft etwas für mein Essen zu tun, steht also wohl einem gesunden Training nichts mehr im Wege.Die Arbeit selbst läuft leider nach wie vor etwas schleppend. Jedoch habe ich nun vergangene Woche das Programm für den Workshop am Weltfrauentag, weitestgehend fertiggestellt, inklusive Präsentation und erster Vorbereitungen für ein lustiges Spielchen, welches ich mir ausgedacht habe. Fidele hat mir bereits angeboten, mich bei der Organisation zu unterstützen und nächste Woche würde ich ihm meine Idee gerne im Detail vorstellen. Hier verrate ich allerdings noch nichts.
Auf einem weiteren Field Trip durfte ich vergangenen Mittwoch Sandrine und Jane nach Musanze, etwa drei Autostunden nördlich von Kigali, begleiten. Wir besuchten dort eine Gruppe Locals, für die an diesem Tag Training für den Ausbau der bereits bestehenden Landwirtschaft begann. In diesem Training lernen sie, mit moderneren Maschinen Erträge zu erhöhen, sowie den Anbau neuer Kulturpflanzen, hauptsächlich Mais. Unterstützt werden die Leute dort von ihrem langjährigen deutschen Partner in Herxheim bei Landau. Zusammen mit Sandrine hatte ich auch überlegt, ob es möglicherweise sinnvoll sei, einen Englisch-Sprachkurs für die Arbeiter anzubieten, um Kommunikation mit dem Partner zu erleichtern. Das Projekt startete vor langer Zeit als Unterstützung für Witwen und Witwer des Genozides. Heute sind diese langsam zu alt, um noch harte körperliche Arbeit zu verrichten und bringen ihren Kindern bei, was sie über die Jahre gelernt haben. Diese haben jedoch oftmals keinen vollständigen Schulabschluss, weshalb ihre Englischkenntnisse nicht unbedingt ausreichend sind. Absolventen und Absolventinnen bleiben meist nicht in der Gegend, sondern suchen sich anderswo Arbeit, die ihnen bessere Zukunftsaussichten bietet.Nachdem im ersten Teil des Trainings alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen unter anderem gefragt wurden, was ihre Erwartungen an diese Fortbildung sind, wurden Sandrine, Jane und ich noch zum Mittagessen eingeladen. Das beste Essen hier in Ruanda habe ich bis hierhin immer auf Field Trips erhalten!
Der lange Rückweg wurde noch etwas mehr in die Länge gezogen. Nach einem spontanen Besuch bei einer anderen Partnergruppe desselben Ortes, die von der Jumelage Nähmaschinen erhalten hat, legten wir unterwegs noch zwei längere Stopps an Märkten ein. Der erste war ein sehr großer Markt, dessen Halle sogar noch ein zweites Stockwerk hatte. Ich bin selbst nicht hochgegangen, doch es sah von meiner Position aus nach Secondhand und Alltagsgegenständen aus. Sandrine verschwand für eine Weile bei den Kartoffeln, während ich von einer offiziellen Helferin über den großen Gemüsemarkt zu den Avocados geführt wurde. Ihr esst auch gerne Avocados in Europa? Nicht mehr, wenn ihr hier einmal richtige probiert habt!
Glücklich mit meinen zwei Avocados, kam ich zurück zum Auto, dessen Kofferraum bereits voll gestapelt war mit Kartoffelsäcken. Meine Augen wurden groß, als nach und nach mehr Säcke eingeladen wurden. Bis jetzt weiß ich nicht, wofür Sandrine all diese Kartoffeln benötigt, aber ich gehe davon aus, sie wird einen Plan haben. Die Knollen halten sich ja schließlich auch eine Weile.
Einen Markt am Straßenrand beuteten wir noch aus, nachdem wir kurz hielten und die Verkäufer eifrig das Auto umschwärmten, um uns ihre Ware zu präsentieren. Dann ging es zurück nach Kigali und ich war heilfroh, dass ich zuerst nach Hause gebracht wurde, da ich ganz dringend mal für kleine Mädchen musste.
Auch das Wochenende war wieder halbwegs ereignisreich. Samstag veranstaltete das Goethe Institut in Kigali ein Event für Freiwillige und Deutsch-lernende. Diesen Termin hatte ich nicht mehr auf dem Schirm gehabt, weshalb mein Tagesplan ihn nicht beinhaltete. Um mir trotzdem meine Hausarbeit für den Tag vom Hals zu schaffen, bin ich etwas früher aufgestanden, hab meine Wäsche geschrubbt - das erste Mal bisher, dass ich mir wirklich eine Waschmaschine gewünscht hätte - und sie aufgehängt, in der Hoffnung, die Bettwäsche trocknet bis Abends. Dann kam das Gewitter, ich musste alles nach drinnen retten und der Termin verschob sich ein wenig nach hinten. Statt zwei Uhr wurde es drei bis ich mich zum Goethe Institut aufmachte, was allerdings für ruandische Zeit noch relativ pünktlich war. Dort gab es dann ein paar Bratwürste mit Kartoffelsalat - typisch deutsch eben - und ein nettes Gespräch mit einer Gruppe Ruanderinnen mit denen ich auch Nummern ausgetauscht habe. Als dann allerdings das Spiel 1, 2 oder 3 angekündigt wurde, habe ich noch salutiert und mich dann lieber schnell vom Staub gemacht. Am nächsten Tag stand schließlich wieder eine Wanderung, diesmal beim Kaninya Hill Arsenal Trail, an. Und diese sollte angeblich einer sehr herausfordernden Strecke folgen.
Ganz so schwierig war sie dann am Ende allerdings doch nicht. Es hat mal wieder viel Spaß gemacht, doch aus Sicherheitsgründen hatten sich die Veranstalter dagegen entschieden mit so einer großen Gruppe klettern zu gehen. Das Risiko, dass jemand fällt, war einfach zu groß. Stattdessen ist jemand dann dummerweise beim Staffellauf in der Halbzeitpause gefallen. Und wer sollte dieser Jemand auch sein, wenn nicht ich. Voll im Tunnel für den Wettbewerb bin ich auf dem sandigen Boden einfach aus der Kurve geflogen. Meiner Sammlung werde ich jetzt wahrscheinlich eine weitere Narbe am Knie hinzufügen können, allerdings wurde sich gut um mich gekümmert. Nachdem die Erstversorgung mit Wasser und Desinfektionsmittel abgeschlossen war, hat einer der Jungs extra für mich ein paar Blätter von einer bestimmten Pflanze gesucht. Nach der Pflanzenerkennungsapp Flora incognita zu urteilen, ist das wohl der behaarte Zweizahn. Abgesehen davon, dass man ihn als Salat oder Suppe essen kann, scheint er zudem medizinische Verwendung bei der Behandlung von Wunden und Geschwüren zu finden. Abgekocht soll er enzündungshämmend und blutstillend wirken. Kochen konnten wir die Blätter leider nicht, aber Barna hat sie für mich zerkleinert, zermahlen und auf mein Knie geklatscht. Das ganze hat er dann noch verbunden und ich war bereit für den Abstieg. Wenigstens hatte ich heute daran gedacht mein Verbandstäschchen mitzubringen. Ich dachte eigentlich braucht man es nur wenn man es nicht hat und nicht andersherum, aber ich werde mich nicht beschweren. Das Gruppenphoto habe ich heute leider auch verpasst, aber es war trotzdem ein guter Tag.Nach diesem weiteren Abenteuer und mit sabberndem Knie, ist mein Fazit zum ersten Monat in Ruanda, dass ich mich hier sehr gut habe einleben können. Ich wurde herzlich aufgenommen, an die Hand genommen und habe sehr viele wertvolle Tipps mit auf den Weg bekommen. Ich habe einige tolle Menschen kennengelernt, finde mich in der Stadt und im Austausch mit Locals besser zurecht und die meisten, wenn nicht alle meiner Bedenken, die ich vor meinem Aufbruch hatte, sind bereits verschwommen. Auch wenn ich auf der Arbeit, aufgrund des Mangels an Aufgaben, die mir gegeben werden, leider nach wie vor leichte Startschwierigkeiten habe, bin ich entschlossen, das ganze nun langsam selber etwas mehr anzustoßen, damit ich endlich meinen Kollegen bei ihren Aufgaben helfen kann.
Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.


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