Gleichheit und Zusammenhalt
Gleichheit und Zusammenhalt. Diesen Titel erachte ich diese Woche als relativ passend für den Artikel. Ich sage relativ, da es manchmal schwierig sein kann eine ganze Woche mit vielen verschiedenen Erlebnissen in einer Überschrift zusammenzufassen. Gleichzeitig sind Gleichheit und Zusammenhalt recht abstrakte Begriffe, die man in jedes Thema reinquetschen kann, wenn einem nichts Besseres einfällt. Schließlich arbeite ich in einem Partnerschaftskoordinationsbüro (im Deutschen ein super Wort für Scrabble). Ohne Gleichheit und Zusammenhalt der Partner läuft der Laden nicht, folglich könnte ich den Titel über nahezu jeden Blog-Post, den ich schreibe, setzen und er würde passen. Ich kann mir genauso gut vorstellen, dass ich in zwei Wochen vor meinem Bildschirm sitze und mir die Haare raufe, dass ich diesen Joker bereits verwendet habe. Nichtsdestotrotz wähle ich ihn heute aus, da besonders das Prinzip der Gleichheit etwas ist, das mir persönlich sehr viel bedeutet und von dem ich diese Woche sehr viel erlebt habe.
Was ist Gleichheit? Nein, keine Sorge, wir springen nicht in diesen Kaninchenbau und ich lege direkt die Grenzen fest: Ich rede von Gleichheit allen Lebens. Leben beginnt auf zellulärer Ebene. Eine einzellige Amöbe lebt ebenso, wie ein Blauwal, das größte Säugetier der Welt. Was sie unterscheidet ist in erster Linie die Anzahl an Zellen des individuellen Organismus, die Zusammensetzung der Zellen, die Ausprägung spezialisierter Zellen von Mehrzellern. Man könnte die Liste von Unterschieden bis ins Absurdum führen und doch haben ein Blauwal und eine Amöbe diese eine kleine Gemeinsamkeit: Die Zelle macht sie lebendig. Sie haben aber noch eine zweite Gemeinsamkeit und diese betrachtet ihr Leben auf einem Zeitstrahl. Ein Dinosaurier und ein moderner Blauwal mögen einander ähnlicher sein, als einer Amöbe. Doch sie leben in verschiedenen Zeiten. Wohingegen die Amöbe mit dem Blauwal koexistiert. Sie haben beide ihre Nische gefunden in der sie leben und ihre Strategien, wie sie überleben. Das eine mag für einen Organismus besser funktionieren als für einen zweiten, also sucht dieser sich eine andere Lösung. Kein Individuum hat dadurch mehr oder weniger Recht auf seine Existenz.
Wir konkurrieren um Ressourcen, aber sind wir deswegen mehr oder weniger wert als unser Gegenspieler? Bin ich besser als ein Apfelbaum, nur weil ich ihm seine Früchte nehme? Oder ist er mir überlegen, da er sich leisten kann, sie mir zu geben? Bin ich mehr wert als ein Hund, nur weil ich Daumen habe? Wohl kaum, wenn ich bedenke, wie viel Spaß ich letzte Woche dabei hatte, mich endlich wieder ordentlich zu raufen und auf dem Boden zu rangeln, als ich Dienstag Abend nach der Arbeit an einem Brazilian Jiu-Jitsu Kurs teilgenommen habe. Auch Unterschiede zwischen Menschen und Kulturen verschwimmen, wenn man eine gemeinsame Leidenschaft hat, wie beispielsweise bei dem John Legend Konzert von Move Africa vergangenen Freitag, auf dem eine ganze Stadionhalle mit Menschen verschiedenster Herkunft gefüllt war. Sogar die Schwächsten unter uns, können mit der richtigen Unterstützung Unterschiede überwinden und sich die Nische schaffen, die für ihre Lebensstrategie funktioniert.
Die GS Rosa Mystica ist eine inklusive Schule in Kamonyi, nur ein kleines Stück südlich von Kigali. Sie ist Teil des SUGIRA Networks, welches 14 rheinland-pfälzische Förderschulen und Vereine mit 18 Fördereinrichtungen in Ruanda vernetzt. Vergangenen Mittwoch hatte ich das Privileg, eine soziale Utopie hautnah zu erleben und mehr über die Arbeit zu erfahren, die die Schwestern, Lehr- und Pflegekräfte in diesem speziellen Zentrum verrichten. Von Kindertagesstätte und Vorschule bis zu den ersten Ansätzen einer Berufsausbildung finden hier alle Kinder und Jugendlichen einen Platz. Damit meine ich auch alle. Inklusion wird hier nämlich nicht nur großgeschrieben, sondern ehrlich und wahrhaftig gelebt. Für Schüler und Schülerinnen mit körperlicher Beeinträchtigung gibt es auch ein eigenes Gebäude für Physiotherapie, um ihre Mobilität zu verbessern und somit ihre Unabhängigkeit zu fördern.
In einer ausführlichen Tour über den Komplex wurden mir die verschiedenen Bereiche der Schule näher gebracht. Sie begann bei der Primary School, der Grundschule, wo wir von den jungen Schülern und Schülerinnen und ihren Lehrern mit einem kleinen Tanz begrüßt wurden. Jane und ich liefen von Raum zu Raum und warfen überall einen kurzen Blick in die Klassen, wo sich die Jünglinge bereits auf das Mittagessen freuten, das gerade für sie vorbereitet wurde. In den meisten dieser inklusiven Klassen, so wurde mir mitgeteilt, nahmen auch bereits ein paar Kinder mit Beeinträchtigung am Unterricht teil. Sie werden in die Lerngruppen eingegliedert, nachdem sie zu Beginn eine Zeit lang in Einheiten mit anderen Förderschülern und -schülerinnen verbracht haben. Ich habe ohne meine Soufleuse jedoch nicht bestimmen können welches Kind aus dieser Einheit kam.
Als Nächstes führte uns die Schwester zu dem angegliederten TVET Komplex (Technical and Vocational Education and Training). Dieser gehört nicht direkt zur GS Rosa Mystica und ist auch keine eigenständige Berufsausbildungseinrichtung. Viel mehr bietet dieser Zweig Schülern und Schülerinnen, für die eine höhere akademische Ausbildung nicht infrage kommt, ab 16 Jahren die Möglichkeit sich grundsätzliche handwerkliche Fähigkeiten, wie nähen, Lederarbeit oder auch das Friseurhandwerk, anzueignen. Dies ist insbesondere für Jugendliche mit einer Beeinträchtigung eine solide Alternative zu einer akademischen Ausbildung, die für einige keine Option darstellt. Am Ende des Ausbildungsjahres erhalten sie dann ein Zertifikat, das ihnen das erste Level einer Berufsausbildung bescheinigt. In den meisten Fällen ist das ausreichend, um sich unabhängig selber zu versorgen, sich einen Job zu suchen, oder aber eine weitere vollumfängliche Ausbildung anzustreben.
Schon als wir uns den Räumlichkeiten näherten, kam uns eine andere Schwester, begleitet von einem jungen Mann, vermutlich zwischen 16 und 18 Jahren, entgegen. Er hatte ein sympathisches Gesicht und begrüßte uns fröhlich mit Zeichensprache. Peinlich berührt stand ich da, da ich nicht wusste, wie ich ihm anders antworten sollte, außer sein Lächeln zu erwidern. Doch bevor eine unangenehme Situation überhaupt in Sichtweite war, nahm er meine Hände und führte meine Bewegungen zum 'Guten Morgen'-Gruß in Kinyarwanda. Wir folgten den beiden zu einem Raum in dem eine Handvoll Jugendlicher im Kreis saß und eifrig an Schuhen arbeitete. Die Wände waren behangen mit weiterer Fußbekleidung, sowie Gürteln und Ledertaschen. Wir begrüßten die Gruppe und zogen weiter zum Haarsalon. Ein relativ großer Raum, jedoch nicht groß genug für die Menge an jungen Menschen, die geschäftig dabei waren, sich gegenseitig oder ihren Puppenköpfen, die Haare zu frisieren. Weder hier noch bei der nächsten Gruppe von jungen Schneidern und Schneiderinnen, hätte ich, bis auf wenige Ausnahmen, feststellen können, welche der Jugendlichen eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung haben.
Diesen Fakt habe ich bereits zuvor erwähnt: Ich konnte oft Förderschüler und -schülerinnen nicht von den anderen unterscheiden und das ist genau das, was ich mir unter Inklusion vorstelle. Wenn Kinder mit einer Lernschwäche oder körperlichen Behinderung an die GS Rosa Mystica kommen, dann werden sie für das erste Jahr in einer der Fördereinheiten betreut. Regelmäßige Beurteilungen ihrer Fähigkeiten und Interessen durch spezialisierte Lehrkräfte, ermöglichen es schließlich ein Kind in eine der Integrationsklassen aufzunehmen, sofern dieses Niveau seinem Leistungsvermögen entspricht. Auf diese Weise sind die Förderschüler und -schülerinnen ein integraler Teil der Klasse, ohne dabei von den anderen abgehängt zu werden, oder den Unterrichtsfluss nachteilig zu beeinflussen. Zudem wird so den Mitschülern von Anfang an beigebracht, dass eine körperliche oder geistige Behinderung nicht zwangsläufig bedeutet, dass ein Kind nicht in der Lage sein kann, am normalen Schulalltag teilzunehmen.
Nach dem Mittagessen besuchten wir noch die Kindertagesstätte mit den ganz kleinen Würmchen und sahen uns die Kaninchen an, die in einem Projekt für die autistische Klasse der Fördereinheit gezüchtet werden. Zum Abschluss des Tages wurden wir schließlich von der beeinträchtigten Gruppe mit Musik und Tanz verabschiedet und machten uns dann langsam wieder auf den Weg zurück nach Kigali.
Ich habe von diesem Tag sehr viel mitgenommen. Abgesehen von einer nahezu nahtlosen Integration der Jugendlichen mit Beeinträchtigung, hat es mich auch berührt zu sehen, wie aufrichtig den Lehr- und Pflegekräften das Wohl ihrer Schülerinnen und Schüler am Herzen liegt. Vernetzt mit anderen Partnern des SUGIRA-Netzwerkes bemühen sie sich so gut es geht allen Kindern eine angemessene Schulbildung zu vermitteln, wobei auf individuelle Bedürfnisse ganz besonders eingegangen wird.
Kommen wir nun zu dem Punkt Zusammenhalt, der auf den Exkursionen am Montag und Donnerstag sehr zum Tragen kam. Beide Orte, sowie die Projekte habe ich nun bereits mehrfach besucht. Doch gerade die Anlässe von dieser Woche demonstrieren sehr schön, was durch die Überwindung von Mauern und das Bauen von Brücken miteinander, erreicht werden kann.
Am Donnerstag führte mich meine Arbeit dann in den Osten, zurück nach Kirehe. Wenn du immer fleißig meine Beiträge liest, dann erinnerst du dich sicher, dass mich mein allererster Ausflug aus Kigali hierhin führte. Auch die Zielorte waren dieselben wie das erste Mal: Wir besuchten das ECD (Early Child Development Center) in Kigina, die Nähgruppe und die GS Kigina, Secondary School. Doch wir waren dieses Mal nicht alleine unterwegs. Wir wurden von einer Delegation aus dem Partnerort Gau-Algesheim begleitet. Eine Gruppe hochmotivierter und sehr interessierter Menschen, die die Taschen vollgestopft hatten mit Geschenken. Die Kinder des ECD schienen zwar etwas überfordert, um nicht zu sagen traumatisiert, von so vielen Amazungus (Weiße Menschen) auf einem Haufen, die sie mit Plüschtieren förmlich überhäuften. Doch die Schüler der GS Kigina freuten sich sehr über die Bälle, die ihnen die rheinland-pfälzische Delegation mitgebracht hatte. Die Nähgruppe empfing und verabschiedete uns singend und tanzend und auch die Schüler der GS Kigina hatten eine Kleinigkeit für ihre Partner vorbereitet.
Abgesehen von der Übergabe von Geschenken, wurden weitere Anliegen, wie mögliche neue oder erweiternde Projekte besprochen und es war schön zuzusehen, wie sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Ecken der Erde voller Motivation und Tatendrang gegenseitig unterstützen.
Abschließend zeugte das Mittagessen, das Jane für uns Kollegen der Jumelage am Freitag Nachmittag vorbereitet hatte, von dem fundamentalsten Zusammenhalt auf menschlicher Ebene: Das Zusammenstehen und füreinander da sein in schwierigen Zeiten. Das Kraftschöpfen aus der Gegenwart und der Unterstützung anderer Menschen. Und das Überwinden von Herausforderungen mit gutem Humor und vor allem gutem Essen.
Ich denke, dass der Titel Gleichheit und Zusammenhalt garnicht mal so unpassend für diese Woche war. Gut, ich habe es auch etwas erzwungen, aber sollte ich in den nächsten Monaten nochmal das Bedürfnis haben diesen Joker als Titel für einen Blog-Artikel zu ziehen, dann werde ich das eben wieder tun. Schließlich sind diese Prinzipien zeitlos und sollten auch niemals in Vergessenheit geraten.
Nun geht also diese recht ereignisreiche Woche zuende und auch die kommende Zeit sieht nach aktuellem Plan nicht weniger vollgestopft aus. Doch ich werde mich wohl kaum beschweren, wenn ich zu anderen Zeiten tiefgründig recherchiert habe, weshalb sich Menschen ins Gesicht fassen, nur um eine Beschäftigung zu haben. Es ist gut, unterwegs zu sein. Schließlich kann ich die Woche mithilfe der ein oder anderen Mini-Party mit getränkten Wassermelonen, oder Wanderungen über die Hügel Kigalis, gut ausklingen lassen.
Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.





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