Königreich Ruanda

Die Legende besagt, dass Gihanga Ngomijana das Königreich Ruanda vor langer Zeit gründete. Sein Name bedeutet übersetzt "Gründer des ewigen Königreichs" und er soll der Nachfahre des Gottes Imana gewesen sein. Imana war nach dem Glauben der Menschen der oberste Schöpfer und Beschützer, der am Tage das Land verließ, während er in der Nacht immer in das Königreich Ruanda zurückkehrte. Außer Imana, glaubten die Menschen an Schutz und Führung durch ihre Ahnen. Ihnen zu Ehren wurden Opfergaben erbracht und Gebete gesprochen. Eine Inyambo (heilige Kuh), war nicht nur ein Symbol für Reichtum, sondern galt als göttliches Geschenk. Von ihnen zu zehren war verboten und auch heute noch werden diese Kühe nicht für Milch oder Fleisch gezüchtet. Abapfumu waren die Wahrsager und Heiler, vermittelten den Willen Imanas und heilten Gebrechen. Heutzutage gibt es sie nach wie vor, doch die Verbreitung des Christentums, sowie Fortschritte in moderner Medizin, haben ihren Einfluss in den Hintergrund gedrängt. Mutara III Rudahigwa war der erste ruandische König, der zur Mitte des 20. Jahrhunderts zum Chistentum konvertierte und das Volk folgte seinem Beispiel.

Bereits seit seinen Anfängen war das Königreich Ruanda eines der am besten organisierten Länder in Ost- und sogar Zentralafrika. Durch die Zusammenführung aller Clans etablierte der legendäre Gründer Gihanga Ngomijana das monarchische System und brachte kulturelle Praktiken wie die Viehzucht oder Eisenverarbeitung zu den Menschen. Fünf Haupt-Clans teilten sich die wichtigsten Aufgaben im Reich. Die Abanyiginya waren die regierende Instanz und stellten den König, der über das Land herrschte. Seine Königin stammte vom Abega-Clan. Wurde ihr Sohn schließlich zum König gekrönt, erhielt die Königinmutter das Amt der höchsten königlichen Beraterin. Zur Krönung gehörende Segnungen, jedoch auch die Durchführung anderer Rituale, standen den Abakono zu. Der Abasinga-Clan genoss hohes Ansehen aufgrund seiner militärischen Führung und Tapferkeit im Kampfe und die Abatsobe waren königliche Berater, die zudem zeremonielle Aufgaben und Pflichten besaßen. Im 15. Jahrhundert wurde das Königreich Ruanda unter der Nyiginya Dynastie zentralisiert und begann seine Expansion in umliegende Gebiete. Es wurde erstmals 1899 von Deutschland kolonialisiert und kam 1916 unter belgische Herrschaft. 1961 wurde die Monarchie aufgelöst und Ruanda erlangte seine Unabhängigkeit am 1. Juli 1962.

Du erinnerst dich möglicherweise noch an einen meiner frühesten Artikel, den ich veröffentlicht hatte als mein Aufenthalt in Kigali gerade einmal eine Woche alt war. In diesem Text erwähnte ich u.a. das Genozid von 1994, habe jedoch erklärt, dass ich nicht tiefer darauf eingehen möchte, da meine Schilderungen diesem sensiblen Thema höchstwahrscheinlich nicht gerecht werden würden. Auch heute möchte ich gerne auf ein ernsteres Thema eingehen, da mich bereits mehrere Fragen diesbezüglich erreicht haben.

Der Konflikt an der Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda besteht bereits seit vielen Jahren und sein Ursprung liegt zum Teil im Genozid in Ruanda von 1994. Nachdem die Rebellen das Land unter anderem unter der Führung des heute regierenden Präsidenten Paul Kagame befreit hatten, flüchteten viele Hutu, die selbst am Genozid von Tutsi beteiligt waren, über die Grenze in die D.R. Kongo. Dies sorgte für Spannungen mit den bereits im Land ausgegrenzt lebenden Tutsi, die sich durch die Ankunft der Flüchtigen zunehmend bedroht fühlten, was wiederum auf beiden Seiten zur Formierung von Milizen führte. Auch Nachbarstaaten sind in diesen Konflikt involviert und es gibt viele Vorwürfe der jeweiligen Unterstützung von Rebellenmilizen. So steht Ruanda unter starkem Verdacht, aktiv der M23 zur Seite zu stehen. M23 ist eine Rebellengruppe, die behauptet, im Interesse der Minderheit der Tutsi zu kämpfen. Ihnen gegenüber stehen neben kongolesischen Regierungstruppen andere Milizen wie die FDLR. Sie hat sich aus einem Teil der aus Ruanda geflüchteten Hutu geformt, weshalb sie von der ruandischen Regierung nach wie vor als Bedrohung angesehen wird. Nachdem bereits lange Zeit Vorwürfe gegen Ruanda vorlagen, sagen UN-Experten nun Beweise für die Unterstützung der M23 durch Ruanda zu besitzen: Beglaubigte Fotos, Drohnenaufnahmen, Videoaufzeichnungen, Zeugenaussagen und Informationen sollen belegen, dass ruandische Truppen auf der Seite der D.R.Kongo stehen, wo sie helfen M23 Soldaten zu trainieren. Ruanda und Uganda wird zudem vorgeworfen, die M23 mit Waffen zu unterstützen. Die Grenzen von Ruanda zu Burundi, sowie der D.R.Kongo sind geschlossen.
Viel mehr möchte ich auch hier selber nicht zu den Hintergründen des sehr komplexen Konflikts schreiben. Ich bitte dich, dich selber weiter schlau zu machen und alle Nachrichten kritisch zu betrachten, egal wie renommiert die Quelle sein mag. Für weitere Informationen kann ich dir folgende Links empfehlen:

Wie sehr bin ich in Kigali von den Kämpfen an der Grenze betroffen? Zurzeit ist der Konflikt auf das unmittelbare Grenzgebiet beschränkt. Über die Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amtes werde ich regelmäßig über den Sicherheitsstand im Land informiert. Ich weiß von ein paar Freiwilligen, die ich allerdings nicht persönlich kenne, die ihre Arbeitsstelle vorübergehend verlassen mussten, da sie u.a. in Gisenyi, in Grenznähe, leben und arbeiten. Von Reisen in diese Gebiete wird abgeraten. Vergangenen Dienstag begleitete ich Julius, einen Kollegen aus dem Construction Department der Jumelage, auf einem Fieldtrip nach Nyabihu, etwa drei Stunden nordwestlich von Kigali. Auf dem Rückweg aus dieser Region wurden wir, wie auch die anderen Verkehrsteilnehmer, von Polizisten von der Straße gewunken, damit sie einen Blick ins Auto werfen konnten. Laut Julius, ist ihm das zuvor noch nicht passiert.

Bis vor ein paar Tagen bekam ich außer den gelegentlichen Warnungen des Auswärtigen Amtes und die nebensächliche Erwähnung in Gesprächen noch gar nicht so viel von dem Konflikt mit. Doch leider habe ich nun langsam das Gefühl, dass die Stimmung in meiner unmittelbaren Umgebung mehr beeinflusst wird, als ich ursprünglich dachte. Eine Art Kettenbrief, wurde vergangene Woche in der WhatsApp Gruppe des Wandertrupps Steps to Wellness gepostet. Darin wurde zu Solidarität für den Präsidenten und Protest gegen die "unbegründeten Anschuldigungen" gegen ihn aufgerufen. Das überraschte mich ein wenig. War nicht eine der Regeln, die in der Gruppenbeschreibung aufgeführt werden, "Sensible Themen meiden: Politik, (...)"? Zumal ich glaubte, dass politische Themen doch hier ohnehin nicht an der Tagesordnung waren? In einer Abstimmung wurde schließlich beschlossen, dass die dieswöchige Sonntagswanderung nicht wie geplant stattfinden wird. Stattdessen möchte die Gruppe den Car-Free-Day nutzen und mit Flaggen und T-Shirts, auf denen der Präsident abgebildet ist, durch die Stadt laufen. 

Nach alledem, möchte ich an dieser Stelle klarstellen, dass meine eigene Position in dieser Sache absolut neutral ist. Ich habe mich bewusst über die historischen Hintergründe des Konflikts informiert und kann nachvollziehen, weshalb man sich von Vorwürfen, insbesondere nicht involvierter westlicher Mächte, angegriffen fühlt. Auf der anderen Seite sind inländische Nachrichten sehr einseitig gehalten und stellen auch nicht das gesamte Bild dar, weshalb es schwierig ist, die Situation unbeeinflusst beurteilen zu können. Aus diesem Grund werde ich mich auf keine Seite stellen und nehme auch nicht an dem Zug durch die Stadt teil. Ich werde keine politische Stellung beziehen und möchte mich bemühen, die Entwicklung so objektiv wie möglich aus einer sicheren Entfernung zu beobachten. 

Zu einer anderen Tragödie kam es am Dienstagnachmittag. Auf dem Rückweg aus Nyabihu kamen wir, etwa eine Autostunde nördlich von Kigali, an einer Unfallstelle vorbei. Kurz zuvor ist im Rusiga Sektor des Rulindo Distrikts ein Bus mit 50 Passagieren von der Fahrbahn abgekommen. In einer Kurve hat der Fahrer nach derzeitigen Berichten die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und der Bus rollte den Hang neben der Straße herunter. Nach dem aktuellen Stand sind 20 Menschen gestorben, weitere sind verletzt und werden in lokalen Krankenhäusern versorgt. Als wir an dem Nachmittag an der Stelle ankamen, hatten sich bereits dutzende weitere Autos und Menschen am Unglücksort versammelt. Zahlreiche uniformierte Ordnungshüter waren angerückt, Sanitäter luden Körper auf Tragen. Krankenwägen begegneten uns vor und nach der Unfallstelle noch. Als ein Polizist uns vorbeilotste erhaschte ich einen Blick auf eine größere Menschenmenge, die sich um etwas versammelt hatte. Ich konnte nicht genau erkennen, was es war, doch ich ahnte es. Der verunglückte Bus selbst war von der Straße aus nicht zu sehen.

Das sind ein paar schwere Themen an denen man erstmal zu nagen hat. Ich möchte aber die Woche nicht mit einem so bitteren Beigeschmack beenden. Natürlich habe ich in den vergangenen Tagen auch noch andere Dinge getan und erlebt, als mich nur mit aktuellen Krisen zu befassen:

Der Ausflug zu der Schule in Nyabihu an und für sich war eine relativ interessante Erfahrung. Das Konstruktions-Team arbeitet dort an einem Wohnheim für die Jungen eines technischen Internats. Mal abgesehen davon, dass die Schule traumhaft schön, auf dem Berg mit einem wunderbaren Blick ins Tal und auf die umliegenden Hügel, gelegen ist, war ich auch beeindruckt von dem Fortschritt den die Arbeiter in knapp zwei Monaten seitdem der Vertrag geschlossen wurde, bereits gemacht hatten.

Am Mittwoch gab unser Kollege Prosper den Freiwilligen der Jumelage (Thomas und mir) einen ersten Einblick in die Geschichte des Königreichs Ruanda. Einen kleinen Vorgeschmack hast auch du oben schon bekommen. In den kommenden Wochen und Monaten wird er sich noch ein paar mehr Dinge einfallen lassen, uns die Kultur des Landes in weiteren Workshops näherzubringen. Nach meinem Informationsstand beinhaltet das sowohl den Besuch des King's Palace Museums, als auch traditionellen Tanz sowie einen Kochkurs. Ich bin in jedem Fall gespannt, was noch auf uns zukommt.

Am Donnerstag war das ganze Team der Jumelage zu einem großen Mittagessen eingeladen. Das Catering war vorzüglich und es war eine angenehme Pause von der Arbeit, die in der vergangenen Woche schon etwas mehr ins Rollen gekommen ist.

Nach einer gemütlichen Mini-Party am Freitag, habe ich das Wochenende dann entspannt ausklingen lassen. Das rede ich mir zumindest ein. In Wahrheit versuchte ich neben meinen wöchentlichen Hausarbeiten die Zeit so gut es geht mit anderen Dingen, wie Computerarbeit und Recherche totzuschlagen. Im Hinterkopf ratterten die Zahnräder verzweifelt auf Ideensuche nach einer Aktivität, um meinem Körper die befriedigende Bewegung und meinem Gehirn die beflügelnde Stimulation zu vermitteln, die ich sonst in den letzten Wochen von der Wanderung am Sonntag erfahren habe. Ich schätze, so funktioniert Sucht. Dann bin ich eben eine Woche auf Entzug, das wird mich allerdings auch nicht umbringen, zumal in der kommenden Woche einige Fieldtrips mit meiner Mentorin Jane anstehen. Aber davon erzähle ich dir dann beim nächsten Mal.

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.

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