Biosphärenreservat Gishwati-Mukura
Ich habe Brood gefunden! Nein, das ist kein Rechtschreibfehler, sondern ein Bäcker an einer Tankstelle in Remera, Kigali. Und ob man es glaubt oder nicht, diese Bäckerei mit dem Namen Brood hat sehr gute Waren. Ich war begeistert von dem Vollkornbrot, welches ich mir dort besorgt habe. Auf allen Reisen, die ich bisher ins Ausland unternommen habe, war das gute deutsche Brot immer eine der Dinge, die ich am meisten vermisste. Mit dieser Bäckerei ist Ruanda nun für mich offiziell das erste Land, außer Deutschland, in dem vernünftiges Brot gebacken wird (auch wenn es in Supermärkten hier auch ganz gutes Brot gibt). Das ist den kleinen Umweg von der Arbeit nach Hause doch alle mal wert!
Am darauffolgenden Tag diente mir diese wunderbare Backware als stabile Verpflegung unterwegs auf dem Trip zur Demonstration School for the Deaf in Nyabihu. Diese kleine Schule für hörgeschädigte Jugendliche, hat insgesamt 64 Schülerinnen und Schüler, verteilt auf sechs Klassen der Primary School und eine Vorschulklasse. Wie üblich erhielt ich zunächst eine kurze Vorstellung der Schule und wurde anschließend den Klassen vorgestellt. Zeichensprache ist schon etwas Beeindruckendes und ich war fasziniert davon, wie die Kinder sich problemlos ohne Worte verständlich machen konnten. Sie waren zudem wesentlich fokussierter auf den Unterrichtsstoff als die meisten anderen Schülerinnen und Schüler in dem jeweiligen Alter. Meiner Meinung nach ist Gebärdensprache eine Sprache, mit der auch nicht beeinträchtigte Menschen schon früh in Kontakt gebracht werden sollten. Zum einen ist Zeichensprache ein mächtiges Werkzeug für Inklusion. Außerdem kann es auch in anderen Situationen, in denen die akustische Sprache schwer verständlich ist, wie an sehr lauten Orten, praktisch sein, sich mit Gestiken zu verständigen. Auch ich habe an dem Tag ein paar Wörter gelernt. In ruandischer Zeichensprache kann ich nun Leute begrüßen, mich vorstellen, bedanken und meinen Namen buchstabieren. Letzteres sollte auch in anderen Ländern verständlich sein, da die Zeichen des Alphabets wohl universal in allen, oder zumindest den meisten, Sprachen verwendet wird. Außerdem erhielt ich von der ältesten Klasse einen persönlichen Zeichennamen. Dies ist ein simples Zeichen, wie ein Spitzname, durch den man sich den Aufwand spart, immer den gesamten Namen zu buchstabieren. Stattdessen konzentriert man sich auf den Anfangsbuchstaben des Namens und verbindet diesen mit einem charakteristischen Merkmal der Person. Bei Jane ist das zum Beispiel das J welches zu ihrer Wange zeigt, vermutlich aufgrund ihrer Grübchen. Mein Zeichenname besteht aus dem H (Rücken von Zeige- und Mittelfinger werden horizontal nach vorne gezeigt) welches einmal am Kinn entlang gerieben wird. Es überrascht mich nicht, dass das Müller-Kinn, welches ich von der Familie meiner Mutter geerbt habe, für die Schüler und Schülerinnen das markanteste Merkmal in meinem Gesicht zu sein schien.
Am Mittwoch sollte es dann endlich so weit sein. Der Ursprung meiner Reise nach Ruanda liegt in der Partnerschaft zwischen meinem Heimatort Kallstadt in der Pfalz, mit dem Distrikt Rutsiro, am Kivusee, im Westen von Ruanda. Vergangene Woche unternahm ich mit Kollegen die erste Tour zum Bitenga Base Camp im Biosphärenreservat Gishwati-Mukura, wo Kallstadt aktuell ein Projekt mit dem ruandischen Partner verfolgt. Es geht darum, in der Region sanften Tourismus zu fördern. Die meisten Menschen, die in der Gegend leben sind Farmer, doch viele haben es nicht einfach. Nicht zuletzt aufgrund der abgeschiedenen Lage, ist die Region wirtschaftlich nicht sehr gut aufgestellt. Durch die Erkundung von Wanderwegen, den Ausbau von Übernachtungsmöglichkeiten, wie das Bitenga Camp, sowie das Anlegen angemessener Infrastruktur (Wege, Wasserversorgung, Strom, etc.) soll die Gegend Besucher anlocken, wodurch die lokale Bevölkerung eine neue Einkommensquelle gewinnt.
Gemeinsam mit der Direktorin der Jumelage, unserem Koordinator der Bauabteilung, sowie einem Freund des Projekts und erfahrenen Wanderer, machten wir uns am Mittwoch auf den Weg nach Musanze, wo wir die erste Nacht in einem Hotel verbrachten. Auch am nächsten Tag gab es noch ein paar Autostunden zu überwinden bevor wir dann an der Schule in Bitenga ankamen. Unser Guide Aimé war der erste, der uns dort begüßte und ein paar fleißige Helfer organisierte, die uns unterstützten, das Gepäck, inklusive der Zelte, Schlafsäcke und Matten, den Berg hinauf ins Camp zu tragen. Dort angekommen verzichteten wir auf den Begrüßungskäse, da wir das schöne Wetter nutzen wollten, um bereits ein paar Kilometer zu wandern. Die vergangenen Tage wurde in allen möglichen Wettervorhersagen, die ich gesehen hatte, eine sehr hohe Regenwahrscheinlichkeit mit Gewittern angekündigt. Wir waren mental darauf eingestellt, nasse Füße zu bekommen, aber man konnte die Trockenheit ja nutzen, solange sie anhielt. Und tatsächlich, den ganzen Tag regnete es keinen Tropfen. Ab und zu schoben sich bedrohliche graue Wolkenmassen vor die Sonne, begleitet von einem unheilverkündenden Wind. Doch dieses Unheil traf nicht ein und wir wurden zum Ende der Tour sogar von der Sonne ausgelacht, als wir uns nach diversen Flussüberquerungen, bei denen die nassen Füße zwischendurch doch nicht mehr so fern schienen, den letzten Berg hinaufschoben. Zurück im Camp wurde uns schon bald das Abendessen serviert, bestehend aus Kartoffeln mit Bohnen, alles von den eigenen Feldern geerntet. Löffel und Teller wurden zwar angeboten, waren jedoch optional und die meisten von uns wuschen sich die Hände und gönnten sich die Mahlzeit auf die altmodische Art. Selbstverständlich waren wir vier nicht alleine. Aimé, Patrick, Isaac, Ganza und Janet leisteten uns an dem Abend gute Gesellschaft, hielten das Lagerfeuer am Laufen und Patrick röstete ein paar Maiskolben. Ein Genuss für meine Geschmacksknospen im Vergleich zu dem Mais, den ich beim letzten Lagerfeuer probiert hatte.Am nächsten Tag erzählte mir Obed beim Wandern (er leitet das Bitenga Base-Camp und stieß am Abend spät noch zu unserer Gruppe dazu) ein wenig mehr davon, wie die lokale Bevölkerung immer mehr Waldgebiete zu Feldern transformierte, um dort irische Kartoffeln, Bohnen, Tee und andere lokale Kulturpflanzen anzubauen. Aufgrund des zunehmend schwindenden Waldgebietes schaltete sich schließlich die Regierung ein und erließ Gesetze zum Erhalt des Waldes. Fünf Hektar Waldfläche verblieb der Region und das Jagen war nun verboten. Viele landwirtschaftliche Flächen wurden wieder mit Bäumen bepflanzt und die Menschen mussten sich andere Wege für einen Lebensunterhalt suchen. Durch die Umsiedelung in die Dörfer, sollte ihnen geholfen werden. Sie hatten nun eine bessere Anbindung an Strom und andere Infrastrukturen und die Schulwege der Kinder sollten nicht mehr aus einer Tageswanderung über die sieben Hügel (Kinyenkanda = Kombination der sieben Hügel, bei denen auf dem letzten das Bitenga Base Camp tront) bestehen. Sicherlich hat die Zusammenführung der Land- und Waldbevölkerung auch noch andere Vorteile für die Regierung, jedoch erzählten uns die betroffenen Männer (Obed und Isaac) dass ihr Leben dadurch durchaus verbessert wurde.
Wandern, Lagerfeuer mit Musik, traditionelle Spiele wie Kampf oder Hochsprung (beim dritten Versuch hatte ich es beinahe geschafft, die Stange nicht zu reißen), mehr Wandern und Geschichten über die Gegend und Bevölkerung füllten diese zwei Tage, die ich in Gishwati verbrachte. Neben körperlicher Auslastung und seelischer Entspannung, hatte ich nicht vergessen, dass ich nicht zum Spaß an der Freude dort war und habe projektspezifisch selbstverständlich auch fleißig Notizen mitgeschrieben. Doch gegen die Wirkung die der Ort auf einen hat, kann man sich dennoch nicht wehren.
Die Gegend um Bitenga und die benachbarten Dörfer ist eine traumhaft schöne Landschaft. Bereits die Luft füllt nicht nur die Lungen, sondern auch die Seele mit einer beruhigenden Frische, die man in der Großstadt nicht oft erlebt. Grüne Felder erstrecken sich über rollende Hügel und gehen in dichten Dschungel über. Durch die Täler bahnen sich Flüsse und Bachläufe ihren Weg, die den einheimischen Menschen Wasser spenden und der Landschaft eine idyllische Lebhaftigkeit verleihen. Neben glücklichen Kühen und neugierigen Schafen und Ziegen wird der mittlerweile wieder gewachsene Wald heute nur noch von Schimpansen, goldenen Affen und anderen Primaten beherrscht. Wir hatten auf unseren Wegen leider nicht das Glück unsere pelzigen Verwandten zu treffen, doch hatten unsere Augen auch so schon genug zu staunen.Anders als bei vielen Wanderstrecken in der Welt, die darauf abzielen, fernab von menschlicher Zivilisation neue Orte zu entdecken, geht man hier auf den Wegen der Einheimischen. Mensch und Natur werden eins, man ist fern vom Trubel der Ortschaften, doch trifft man hin und wieder immer mal auf Leute, die die Felder pflügen, die Kühe hüten oder Wasserkanister und Ernteerträge auf denselben Wegen nach Hause tragen.Ich bin keine Freundin von Tourismus, insbesondere Massentourismus. Aus diesem Grund hoffe ich, dass das Projekt, welches mein Heimatort unterstützt, nicht in einen solchen ausartet. Die Menschen dort arbeiten hart und sollten keine Touristenattraktion sein. Doch gleichzeitig wirken sie sehr offen, Fremde in ihrer Heimat willkommen zu heißen und freuen sich sehr, wenn man sie im Vorbeigehen nett grüßt. Angemessen kontrolliert ist dieser sanfte Tourismus eine Gelegenheit Reisenden verschiedenster Hintergründe einen Einblick in das Leben und die Arbeit der lokalen Bevölkerung zu bieten, mit all seinen Seiten, von anstrengender Feldarbeit zu gemeinschaftlichem Beisammensein in den Siedlungen, mit spielenden Kindern auf den Straßen.Gegen halb acht kam ich Freitag Abend wieder zu Hause an. Davon überzeugt an diesem Abend keinen Finger mehr krumm zu machen, außer um auf der Computertastatur zu tippen, begann ich meine Sachen auszupacken. Doch wie Dinge oftmals ungeplant passieren, kam eine Sache zur anderen und so war ich an diesem Abend diejenige, die eine Mini-Party veranstaltete. Sagen wir einfach, ich fühlte mich unter Druck gesetzt, habe auf die Schnelle noch versucht ein paar Leute zusammenzutrommeln und bin erstaunt, dass sich tatsächlich noch eine handvoll gefunden hatte. Langsam holte mich die Müdigkeit der letzten zwei Tage Wandern, sowie die semi-erholsame Vornacht im Zelt ein, als meine Freunde dann gegen halb elf bei mir eintrudelten. Warum tue ich mir so etwas an? Sagen wir einfach, ich fühlte den Lauf der Pistole von Person X an meinem Hinterkopf. Person X hat an diesem Abend etwas verpasst. Wenn du mit den letzten zwei Sätzen nichts anfangen kannst, ist das in Ordnung. Person X wird es wissen.
So ging eine weitere Woche vorüber, die Zeit plätschert unaufhaltsam vor sich hin und ich beginne mir mehr und mehr Dinge in den Kopf zu setzen, die ich unbedingt noch tun möchte, bevor ich dieses interessante Land verlassen muss. Doch das Glas ist halb voll und nicht halb leer, von daher möchte ich nicht verzagen und die Zeit nutzen die ich habe, um das meiste aus ihr herauszuholen.
Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.










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