God's Plan - Titanic


Im Chaos findet sich natürliche Ordnung und es passiert nichts ohne Grund. Gibt es so etwas wie Schicksal und einen vorgefertigten Plan für das Leben eines Menschen? Diese Frage finde ich schwer zu beantworten, doch es fällt mir schwer zu glauben, dass es für jede Person nur diese eine gerade Linie gibt. In meiner Vorstellung denke ich gerne an verschiedene Wege, die sich im Laufe eines Lebens verzweigen, trennen und wieder zusammenführen. Es gibt Dinge, die kann ein Mensch kontrollieren. An Knotenpunkten dieser verzweigten Wegführung kann ein Individuum sich für einen der Pfade entscheiden und in Abhängigkeit davon unterschiedliche Erfahrungen machen. Auf dem Pfad, den eine Person einschlägt, werden einem jedoch auch immer Dinge widerfahren, die man nicht kontrollieren kann. Schließlich leben wir in ständigem Kontakt mit unserer Umwelt und manches liegt einfach nicht in der Macht der Sterblichen. Was jedoch in unserer Macht liegt ist, wie wir mit dem umgehen, das uns begegnet und wie wir uns durch schwierigere Situationen hindurchnavigieren, bis wir den nächsten Knotenpunkt erreichen.

Vor einigen Wochen hatten ein paar Leute der Steps to Wellness Wandertruppe beschlossen gemeinsam einen der Berge im Volcano National Park bei Musanze, nördlich von Kigali, zu erklimmen. Die Wochen zogen dahin und lange Zeit kamen sporadische Kommentare und Fragen zu unseren Plänen für den 8. März. Schließlich ergriff Mico die Initiative und begann vor etwa ein bis zwei Wochen mit der richtigen Planung, organisierte den Parkeintritt, sowie Unterkunft und Transport. Es waren noch zwei Plätze in seinem Auto frei, weshalb ich Claudette, meine Freundin von der Arbeit, fragte, ob sie sich uns anschließen wollte. Da ihre Cousine Freitag nach Kigali kommen wollte sagte sie zunächst ab, dann wurde dies auf Samstag verschoben und Claudette plante, dass wir beide bei einer Freundin in Musanze übernachten könnten. Am Donnerstag riefen wir Mico an, um zu fragen, ob er meine Zimmerreservierung noch stornieren konnte. Bis Freitag hatte er das noch nicht geschafft, doch dann kam die Nachricht, dass Claudettes Cousine doch Freitag anreisen würde, weshalb die Sache damit flachfiel. Sie konnte uns leider nicht begleiten und ich teilte Mico mit, mein Zimmer bitte nicht aufzugeben. Es blieb bei sechs Leuten: Mico, Iddi, Victor, Albert, Yvette und ich.

Am Freitag war es dann so weit. Wir beschlossen uns um sieben Uhr Abends zu treffen, damit wir nach der Arbeit noch Zeit hatten uns vorzubereiten. Mit Ausnahme von Albert, der spontan am selben Tag zu dem Vorhaben eingeladen wurde und kurzer Hand beschloss sich uns anzuschließen. Pünktlich, wie es das deutsche Blut in mir verlangte, traf ich eine Minute vor sieben am festgelegten Treffpunkt an. Der Verkehr war wie immer zur Rush-Hour verrückt und es dauerte einen Moment, bis alle ihren Weg zur Tankstelle bei Nyabugogu gefunden hatten. Yvette würde am nächsten Tag zu uns stoßen, da sie bereits bei einer Freundin in Musanze eine Bleibe für die Nacht gefunden hatte. Gegen etwa halb acht erreichte uns auch Mico mit seinem treuen Gefährt, das uns sicher nach Musanze bringen sollte. Wir hüpften hinein, doch es dauerte noch über eine halbe Stunde, bis wir die Stadt endlich verlassen konnten, da wir im Stau feststeckten. Voller Vorfreude - und Erleichterung, dass wir endlich Kigali hinter uns ließen - saßen wir im Auto, welches sich den Berg hinaufschlängelte. Eine zwei- bis dreistündige Autofahrt lag noch vor uns, doch wir waren guter Dinge. Auf dem Hügel angekommen, steuerte Mico die Tankstelle an. Die Anzeige wies darauf hin, dass der Tank durstig war. Wir verließen also die Straße und rollten auf die Tanksäulen zu, sollten diese jedoch nie erreichen. Das Auto stand. 

Die Jungs stiegen aus. Da sie sich auf Kinyarwanda unterhielten, verstand ich nicht, was Sache war. Ich vermutete, dass wir womöglich erst einmal eine Tanksäule von einem der Mitarbeiter zugewiesen bekommen würden - auch wenn ich das zuvor noch nicht erlebt hatte und die Tankstelle auch nicht so wirkte. Erst als sie die Motorhaube öffneten, ahnte ich, dass etwas nicht stimmte. Doch ich wollte nicht nachfragen, da die Jungs, zusammen mit dem Kollegen von der Tankstelle, konzentriert den Motor betrachteten. Dass der Motor wohl überhitzt war, begriff ich, als Iddi mir mitteilte, das Kühlwasser sei leer. Ein Mechaniker - ich vermute es war ein Mechaniker - kam und etwa eine Stunde warteten wir, er füllte immer wieder frisches Wasser nach, prüfte den Ölstand und wir hofften, dass es den Motor ausreichend abkühlen würde. Doch als er dann nach wie vor nicht anspringen wollte, war bald klar, dass wir nicht nur länger warten mussten, sondern dass das Auto heute gar nicht mehr fahren würde. Über Automotoren weiß ich lediglich, wo sich Öltank, Kühlwasser und Scheibenwischwasser befinden, aber da hört meine Expertise auch schon auf. Jedoch schien irgendein Teil durch den überhitzten Motor beschädigt worden zu sein, weshalb es ausgetauscht werden musste. 

Vielleicht half es, dass ich das meiste der Konversation nicht verstand, doch ich blieb relativ entspannt. Ein paar Erfahrungen der letzten sechs Jahre hatten mich auf solche Situationen vorbereitet und zudem nahmen meine Mitreisenden das ebenfalls alle gelassen. Shit happens eben.Victor, der an diesem Wochenende kollektiv den Titel "Ehrenmann" verliehen bekam, schlug ohne zu zögern eine Lösung für unser Dilemma vor: Er würde mit dem Moto nach Kigali zurückfahren, um sein eigenes Auto zu holen. Unterwegs würde er noch etwas zu essen besorgen, damit wir nicht mit knurrenden Mägen in unser Abenteuer starten mussten. Kurz darauf zischte das Motortaxi mit unserem Freund auch schon in die Nacht davon. Es dauerte jedoch nicht lange und wir erhielten die Nachricht, dass sich auf der Straße nach Kigali ein Lastwagen quergestellt hatte, weswegen er nur zu Fuß vorbeikam. Er musste sich auf der anderen Seite ein neues Moto organisieren und setzte dann seine Rettungsmission fort. Während er bei seiner perönlichen kleinen Odyssee weiterhin mit Stau, mitten in der Nacht am Rand von Kigali, zu kämpfen hatte - selbst in der Großstadt war das laut der anderen sehr ungewöhnlich - wartete ich mit den anderen drei bei der Tankstelle. Die Zeit schritt voran, die Tankstelle schloss und ich brachte den Jungs das Spiel "Ich sehe was, was du nicht siehst" bei. Wie auch immer, hatten wir tatsächlich Spaß dabei. Wir führten tiefgründige Gespräche über kulturelle Unterschiede im Hinblick auf Sozialverhalten gegenüber Menschen oder Tieren, darüber, dass im Leben nichts ohne Grund geschah und Iddi erklärte uns Brain rot, während er versuchte uns zu überzeugen, dass das eine Kunstform sei. Als die Temperatur langsam absank, setzten wir uns ins Auto. 

Seit bald vier Stunden waren wir nun bei der Tankstelle. Es war kurz nach Mitternacht und ich erinnerte die Jungs daran, dass nun der Weltfrauentag begonnen hatte. Nach einer Weile nahm ich das Wort an mich und präsentierte ein Phänomen, welches mich schon seit ich denken kann, begleitet: Wenn ich im Restaurant bin und bereits bestellt habe, gehe ich irgendwann auf Toilette. Wenn ich zurückkomme, ist das Essen immer am Tisch und ich muss nicht länger warten. Auf Basis dieser Annahme beschloss ich auch in dieser Nacht die Toilette aufzusuchen, welche glücklicherweise noch geöffnet war. Wenn meine Theorie stimmte, würde Victor, der ja ebenfalls Essen für uns mitbrachte, also bei meiner Rückkehr an der Tankstelle angekommen sein. Natürlich ist das absoluter Humbuck und niemand glaubte das würde wirklich funktionieren, wenn wir nun bereits einige Stunden gewartet hatten und Victor noch im Stau feststeckte. Ich lief also an dem großen LKW vorbei, der sich gerade schwerfällig an die Tanksäule quetschte und musste lachen: Der Kerl war tatsächlich da und die anderen beluden das Ersatzauto. Von nun an glaubten wir an meine übernatürlichen Fähigkeiten als wir uns nach langem Warten endlich auf nach Musanze machen konnten. 

Es war halb eins und wir hatten noch eine lange Fahrt vor uns. Ich saß auf dem Beifahrersitz und knabberte an meinem Reis mit Pommes, Bohnen und Rind, als ein LKW vor uns erschien. Zwischen den Hinterreifen, aufgehängt am unteren Rand des Frachtkontainers, war eine Plane mit Aufschrift befestigt. Dort stand: "God's Plan". Ich wieß die anderen darauf hin. Halb spöttisch behauptete ich, das sei ein Zeichen für unsere Reise und wir lachten darüber. Der Truck verschwand, doch kurz darauf erschien ein anderer. Er hatte ebenfalls ein Werbeschild mit derselben Schriftart an seinem Hinterteil aufgehängt. Nur war das Wort hier: "Titanic". Ich blinzelte und wieder machte ich meine Gefährten darauf aufmerksam. Das konnte ja nun nichts Gutes für die anstehende Wanderung bedeuten. Auf der gesamten Fahrt sah ich keinen anderen LKW, der hinten beschriftet war.

Wir erreichten Musanze gegen halb drei. Nachdem wir zunächst noch die Unterkunft suchen mussten, den Vermieter für eine Wegbeschreibung telefonisch aus dem Schlaf klingelten, den Security-Mann des Hauses verwirrten und den Vermieter erneut durch Klopfen an der Haustür vom Schlummern erlösten, waren wir dann alle um drei Uhr morgens in unseren Zimmern und ich lag um viertel nach im Bett. Das bedeutete weniger als drei Stunden Schlaf. Doch obwohl ich im letzten Jahr Fortschritte mit meinem Schlafrhythmus gemacht hatte, sollte das für mich nach wie vor kein Problem darstellen. Dementsprechend übernahm ich gewissenhaft die Rolle der Time-Keeperin und um sechs Uhr imitierte ich Mushu und erweckte die Toten zum Leben. Wir machten uns auf den Weg, besorgten unterwegs noch Snacks für ein Frühstück Quick-and-Dirty-Style, und sammelten Yvette ein. Da wir außerplanmäßig in einem Fünfsitzer unterwegs, jedoch sechs Leute waren, sah niemand, als wir uns zu viert auf die Rückbank kuschelten und zum Rwanda Development Board (RDB) fuhren, um uns für die Wanderung zu registrieren.

Die Registrierung verlief relativ problemfrei. Dachte ich zumindest, aber wie immer verstand ich natürlich kein Wort Kinyarwanda. Erst am Ende des Wochenendes erfuhr ich dann, dass wir beinahe nicht akzeptiert worden wären, da nicht alle von uns rechtzeitig bezahlt hatten. Doch wie es sich ergab wurden wir schließlich einer Gruppe zugewiesen und saßen kurz darauf wieder im Auto auf dem Weg zur Wanderstrecke. Wir fuhren ungefähr eine Dreiviertelstunde über unwegsame Straßen bis wir die Autos zurückließen und zu Fuß weitermarschierten. Der erste Teil des Marschs führte uns über Farmland. Wir würden noch etwa ein bis zwei Stunden laufen, bevor wir beim Eingang zum Nationalpark ankommen würden. Diese Strecke war also unser Warm-up. Es war eine schöne Strecke. Obwohl der Himmel gräulich bedeckt war, wirkten die Felder, die über die Landschaft flossen, bedeckt mit verschiedenen Kulturpflanzen, sehr idyllisch. Dadurch das keine Sonne schien und es im Norden Ruandas ohnehin im Durchschnitt kühler ist, als in anderen Teilen des Landes, war auch die Temperatur angenehm frisch für einen körperlich aktiven Ausflug. Es war jedoch keine Überraschung, als sich das Wetter weiter zuzog und sobald wir den Eingang zum Nationalpark erreichten, begann es zu regnen. 

Vor Eintritt in den Park wurden wir darüber informiert, dass uns neben unseren Guides auch noch Männer mit Machete und Schusswaffen begleiten würden. Wir betraten immerhin ein Gebiet in dem wilde Tiere wie Gorilla und Elefanten lebten. Beides nicht die aggresivsten Zeitgenossen, trotzdem sollte man für alle Fälle gewappnet sein. Wir liefen also los, während der Regen weiter zunahm. Bald waren wir bis auf die Knochen durchnässt, während wir uns zu Beginn noch hochkonzentriert bemühten, den ganzen Schlammgruben, die sich auf dem Werg bildeten auszuweichen. Wir hangelten uns von Stein zu Stein, um Flüsse und Bachläufe zu überqueren und ich meine mich zu erinnern, dass Iddi der erste von uns war, der ins Wasser fiel. Als der Weg steiler wurde, begann der Kollege mit der Machete ein paar Bambusstämme zu zerhacken und verteilte sie als Wanderstöcke an alle die einen haben wollten. Ich erinnerte mich an meine Zeit in Neuseeland, wo mir meiner sehr treue Dienste geleistet hatte und dachte mir, dass ich es wohl gerne mal wieder damit versuchen würde. Doch schon bald wurde mir bewusst, dass ich beim Klettern durch dichtes Gestrüpp und Unterholz ganz gerne meine Hände frei habe und nicht aufgrund des unhandlichen Werkzeugs ständig an Pflanzen hängen bleiben wollte. Meiner Meinung nach war es ohnehin zu steil, als dass ein Stock Sinn ergeben hätte.

Wir kletterten immer höher. An diesem Punkt sorgte sich auch niemand mehr bezüglich nasser Füße und wir wateten durch Bäche, die den Berg hinuntergeschossen kamen. Du erinnerst dich sicher noch an die Prophezeihung von der Nacht davor? Titanic: Wir bewegten uns auf einem sinkenden Schiff und versuchten bei ebenfalls sinkenden Temperaturen den steilen Vulkan hinaufzuschwimmen. Doch würden wir untergehen? Das blieb abzuwarten. Den Gipfel erklommen wir in jedem Fall unbeschadet. Einige ließen sich erschöpft auf den Boden fallen. Der Regen hatte bereits aufgehört, doch die Nässe hatte sich schon so tief unter die Haut gegraben, dass es recht schnell sehr kalt wurde. Mir klapperten die Zähne aufeinender als ich begann Reiswaffeln an meine Kameraden, sowie unsere tapferen Guides und Beschützer zu verteilen. Wir schossen einige Fotos, ich behaupte einen Schritt über die ugandische Grenze gesetzt zu haben - glaube aber, dass die anderen mich da verkackeiert haben -, und begannen mit dem Abstieg. Und wow, war das nochmal ein Erlebnis.

Waren bisher nur meine Schuhe erst dreckig vom Schlamm, dann sauber vom Bach, gewesen und meine Kleidung durch den Regen durchnässt, so bereitete uns der Abstieg das volle Spa-Programm.  Obwohl ich meinen Bambusstock wiedergefunden und aufgesammelt hatte - bergab in weniger steilem Gefälle war er schon hilfreich -, hörte ich irgendwann auf zu zählen, wie oft ich in eine Schlammgrube oder Pfütze fiel. Der Regenschutz meines Rucksacks diente bald eher als Wassertransport und anstatt sich ausgefeilte Parcours-Techniken einfallen zu lassen, um nicht in den Fluss zu fallen, wurde jedes kleinste Rinnsal mitgenommen, um die Schuhe zumindest temporär von den zentimeterdicken Schichten an Schlamm zu befreien. Es ist mir dennoch ein Rätsel, wie ich es schaffte, dass meine Schuhe als wir den Nationalpark wieder verließen sauberer waren als zuvor. Dabei hatte ich sie Freitag Abend noch gereinigt und imprägniert. Das war damit beides für die Katz gewesen und ich hätte mir den Aufwand sparen können.

Glücklicherweise war es am Fuß des Berges nicht mehr ganz so kalt. Wenn wir zudem in Bewegung waren, frohr ich nicht mehr so sehr. Doch wie Nässe und Kälte so einen Effekt haben, musste ich nun auch langsam aber sicher mal wohin. Es lag allerdings noch eine gute Strecke vor uns, bevor wir die Autos wieder erreichten und von dort zum RDB zurückfahren müssten. Entsprechend ungeduldig war ich innerlich, als meine Freunde und unsere drei Begleiter dann nicht mehr wanderten, sondern gemütlich in Seelenruhe über die Felder spazierten und sich auf Kinyarwanda unterhielten. Hin und wieder blieben sie stehen und deuteten über das Feld, aber ich wollte ihren Spaß auch nicht verderben, daher riss ich mich zusammen. Ich lief mit Albert und einem der bewaffneten Männer vorne. Ersterer fiel nach einer Weile zurück um sich den anderen anzuschließen. Ich wollte nur so schnell wie möglich ein stilles Örtchen finden, doch selbst das Unterholz des Waldes war nun weit entfernt. Der Soldat, ein quirliger und gesprächiger junger Mann, begann sich mit mir zu unterhalten während wir weiterliefen und ich fühlte mich gleich schuldig für meine Ungeduld. Sein name ist Eugen (ich glaube es wird so geschrieben, aber das "u" hört man nicht) und als wir schließlich an dem Haus ankamen bei dem unsere Autos geparkt waren, konnte ich es nicht mehr ignorieren. Ich fragte ihn, ob es in der Nähe einen Ort gibt an dem ich mal für kleine Mädchen gehen könnte. Ohne zu zögern deutete er auf das kleine Wäldchen nicht weit von hier. Ich sagte meinen Kameraden bescheid, dass die Natur mich rief und folgte Eugen den Pfad entlang.

Etwas überrascht war ich, als ich Zelte in dem Wald sah und Eugen mich darüber informierte, dass sich hier eine Militärbasis befand. Wir bogen links ab in die Richtung in der ich die Latrine vermutete. Ein Stück weiter stand eine Gruppe Soldaten um den Eingang zu einem größeren Zelt. Im Vorbeigehen grüßten sie und riefen mir - in Kiswaheli, wie Eugen mir verriet - "Wilkommen" zu. Ich nickte höflich und dann durfte ich endlich auf Toilette gehen. Eugen wartete auf mich, um mich wieder aus dem Camp zu führen. Doch als wir wieder bei den Männern vorbeikamen riefen sie mir zu und luden mich zum Essen ein. Diese ganze Situation fühlte sich dezent surreal an. Mir wurde irgendwann mal Höflichkeit beigebracht, daher nahm ich das Angebot an. Es gab Kartoffel-irgendwas mit irgendwas und mir wurde dazu warme Milch angeboten. Tatsächlich hatte ich mittlerweile auch ein wenig Hunger, weswegen ich dankend ein paar Bissen zu mir nahm. Die meisten der Soldaten hatten sich zurückgezogen, um mir meinen Freiraum zu geben. lediglich Eugen, der sich neben mich auf die Bank pflanzte und sich ebenfalls bediente, sowie ein anderer junger Mann, der mir neugierig ein paar Fragen stellte, leisteten mir noch Gesellschaft. Wie gesagt, eine surreale Situation für mich, da ich überrumpelt war von der Gastfreundlichkeit, die mir hier entgegengebracht wurde. Bewusst oder unbewusst, ist das Militär in meinem Kopf meistens eher rigide, strickt und organisert. Eben solche Stereotype, an die man eigentlich nicht unreflektiert glauben sollte. Denn diese Männer waren offen, freundlich und rücksichtsvoll, wie ich es nicht erwartet hätte. So lassen sich also auch solche Vorurteile abbauen. 

Dennoch warteten die anderen auf mich, während ich mich hier von dem Essen der Soldaten bediente. Ich leerte meinen Becher Milch, bat Eugen mich zurückzubringen und verabschiedete mich von dem anderen Kollegen. Wir durften den Wassertank hinter dem Haus, welches zum Lagern der Ernte verwendet wurde, nutzen um unsere Schuhe und Kleidung ein wenig von dem gröbsten Dreck zu reinigen und Mico, Albert und Victor zogen sich trockene Kleidung an. Die hatte ich an dem Punkt nicht mehr wirklich, da durch diverse Stürze in Pfützen, das Wasser auch am Regenschutz hat vorbeifließen können. Wir fuhren auch nicht mehr zum RDB zurück, sondern machten uns direkt auf den Weg zu einem Restaurant in Musanze, das uns Yvette empfohlen hatte. Ich bereue jetzt immer noch, dass ich versäumt habe, mich von Eugen zu verabschieden.

Wir fuhren zum Restaurant. Im Bad wechselte ich dann meine ganz nasse Kleidung zu meiner nicht ganz so nassen Kleidung, wir aßen und nachdem ich noch beim ATM Geld abgehoben hatte, machten wir uns auf den Rückweg. Dieser verlief dieses mal ohne Zwischenfälle und gegen halb zwölf Abends, setzte mich Victor in Kamuhoza, wo ich wohne, ab. Es war ein unheimlich chaotisches Abenteuer, bei dem eigentlich so viel schief ging, dass es nicht mehr feierlich war. Doch die Gruppendynamik hat einfach gestimmt. Von Anfang an waren alle entspannt und haben jeden Zwischenfall mit Humor genommen. Wir hatten eine Autopanne, haben vor der Wanderung nur zwei Stunden geschlafen und kamen bis auf die Knochen durchnässt, mit Schlamm bedeckt und mit meckernden Muskeln und stöhnenden Gelenken, den Berg runtergerutscht. Dennoch hatten wir durchweg riesigen Spaß auf diesem Trip, haben jede Minute genossen und alle Hürden mit Bravur überwunden. Die Titanic ging unter, doch wir sind nicht mit ihr gesunken.

Ein wenig Chaos gab es am darauffolgenden Tag, um dieses Wochenende mit einem einheitlichen Ton zu beenden. Während meine Freunde am Sonntag ihre müden Knocken ausruhten, ist mein Allheilmittel gegen Muskelkater immer mehr Aktivität. Ich schloss mich also dem Sonntagshike von Steps to Wellness an und wir marschierten von Nyacyonga nach Muremure. Die "moderate" Wanderung führte uns zunächst diverse steile Hügel rauf und runter und war überhaupt nicht so moderat, zumindest zu Beginn. Irgendwo hatte mein Körper noch Energie übrig und ich fühlte mich motiviert, diese mit meinen Wandergenossen zu teilen. Hin und wieder lief ich folglich weiter hinten und zog Kolleginnen den Berg hoch. 

Doch ganz so einfach war das nicht. Zwiegespalten zwischen dem Wunsch die Gruppe zusammenzuhalten, indem ich Barna, der die Nachzügler einsammelt, half und dem Drang mein Schrittempo beizubehalten und ganz vorne zu laufen, verlor ich mehr als einmal beide Teile der Gruppe aus dem Blick. Das erste Mal konnte mir glücklicherweise ein Local sagen, wo die Gruppe entlanggelaufen war und ich joggte hinterher. Das zweite mal war ich mit jemand anderem (Robert) zusammen und wir beide hatten die Gruppe vor uns aus den Augen verloren. Wir liefen also weiter bis wir an eine Weggabelung kamen. Ab da hatten wir uns verlaufen und ich weiß bis jetzt nicht, welches der richtige Weg gewesen wäre. Robert und ich liefen zurück, wo Barna auf uns wartete und in Höchstgeschwindigkeit nutzten wir halb joggend eine Abkürzung, um die anderen wieder zu treffen. Bei der Überquerung eines Grabens, wurde so das zweite Paar meiner Schuhe an einem Wochenende gewaschen, doch wir fanden die Gruppe und setzten gemeinsam den Weg fort, der ab hier auch wirklich moderat war. Wir waren bei diesem Hike ungewöhnlich lange unterwegs, doch der Aufwand wurde entlohnt als Ahmed und Barna für uns am Ziel angekommen Kuchen und Getränke organisiert hatten, um den Weltfrauentag gemeinsam zu feiern.

Wir hatten als kleine Gruppe von sechs Leuten entschieden eine Wanderung im Volcano National Park zu machen und Gahinga zu erklimmen. Damit war der Weg für dieses Wochenende gewählt. Es lag weder in unserer Kontrolle, dass das Auto eine Panne haben würde, noch dass uns der Regen bei der Wanderung eine zusätzliche Herausforderung stellen würde. Was bringt es also, daran zu verzweifeln? Wir können nicht mit den Fingern schnipsen und das Auto reparieren oder die Sonne rufen. Stattdessen können wir die Situation akzeptieren und uns vor allem arrangieren. Ich würde behaupten, das ist uns am Wochenende bestens gelungen und wir haben aus prikären Situationen ein unvergessliches Erlebnis schöpfen können, das uns auch als Gruppe wohl etwas enger zusammengeschweißt hat und motiviert weitere solche Unternehmungen zu machen. Sollte mir das Geld dazu reichen. Im Vergleich zu den anderen muss ich als Ausländerin nämlich ganz schön viel für den Parkeintritt blechen, was meiner Meinung nach gerechtfertigt ist. Dadurch wird Zahlung für mich allerdings auch nicht einfacher. Doch in Einklang mit unserem neuen Gruppenmotto "God's Plan": Wenn es so sein soll, wird es so sein.

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.

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