Hannah in Ostafrika - Kapitel 1: Arusha

Ich bin nicht gerne auf Urlaubsreise. Ich mag Reisen, doch ständig unterwegs zu sein, keine Routine zu haben und mir dauerhaft überlegen zu müssen, wo es als nächtes hingeht, ist anstrengend. Ein wirklich erholsamer Urlaub ist es nicht, wenn ich erschöpfter zurückkomme als ich aufgebrochen bin. Zudem bin ich immer, egal wo ich hingehe, die Fremde. Das ist die eine Seite der Münze.

Lass uns das Ganze einmal umdrehen:

Ich erkunde gerne neue Orte. Die Freiheit überall hinzukönnen, wo ich gerade Lust habe und die Neugier, was der nächste Tag für mich bereithält, ist aufregend. Ein aktiver Urlaub, nach dem mir der Alltagstrott wie ein alter Freund begegnet, während ich mich an den neu gesammelten Erinnerungen erfreue. Zudem trifft man viele neue Menschen, die einem den Ort noch näher bringen. Das ist die andere Seite der Münze.

Beide Schilderungen treffen auf mich zu. Im April habe ich meine zwölf zur Verfügung stehenden Urlaubstage, mithilfe einiger Feiertage, auf drei Wochen maximiert. Diese Zeit wollte selbstverständlich genutzt werden und mich zog es in mir noch unbekannte Länder. 

Das Abenteuer begann am 7. April 2025. In Ruanda der Gedenktag des Genozids von 1994. Wenn du es bis jetzt noch nicht geschafft hast, meinen letzten Artikel zu lesen, möchte ich dich bitten das bei Gelegenheit zu tun (https://hannahinruanda.blogspot.com/2025/04/7-april.html). Darin versuche ich dir die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe dieses dunklen Kapitels von Ruanda zu erläutern, die letztendlich auch dem aktuellen Konflikt im Ostkongo zugrunde liegen. 

Am frühen Morgen desselben Tages fand ich mich auf dem Busbahnhof in Nyabugogu, Kigali, wieder. Ein Freund, Albert, brachte mich in jener Nacht von einer weiteren Mini-Party bei Peredy direkt zum Abfahrtsort für den Bus nach Arusha, Tansania. Genauer gesagt nach Rusumo, wo ich mich zunächst um mein Visum kümmern musste.

Die Einreise gestaltete sich als relativ simpel. Vom Bus aus wurde ich von einem Office zum nächsten geschickt und konnte dann ganz einfach mein Visum beantragen. Einfach traumhaft, wäre da nicht das kleine Detail, dass ich zweimal für das Visum bezahlen musste. Warum fragst du? Nun, ich hatte bereits ungefähr zehn Tage zuvor online das Visum beantragt. Nach diversen Tipps und Hinweisen von Bekannten, dachte ich, dass sei die sicherere Variante, durch die Schwierigkeiten an der Grenze besser umgangen werden können. Pustekuchen. Das Online-Visum erhielt ich erst zwei Tage später und so stand ich beim Immigrationsbüro, mit einer unbestätigten Anmeldung, ohne Aussicht auf Rückerstattung und bezahlte ein zweites Mal 50$. Lektion gelernt: Die Einreise nach Tansania ist recht unkompliziert, wenn ich das Visum erst an der Grenze beantrage.

Von Rusumo ging es dann weiter nach Kahama. Alles was ich über diese Fahrt sagen kann ist, dass ich der Meinung bin, Busse sind dafür gemacht, Menschen zu demonstrieren, wie sich Tiere in Massenzuchthaltung fühlen. Mit den Ohren zwischen den Knien, auf der Rückbank des Büsschens mit drei weiteren Frauen und fünf Kindern, bewegte ich mich acht Stunden lang nicht von meinem Sitz. Der Bus von Kahama nach Arusha war schließlich größer, jedoch nicht weniger unschmeichelhaft für längere Beine. Insbesondere wenn das Volumen des Fahrzeugs zur vollen Kapazität effektiv genutzt wird und mehr Menschen als Sitze fasst. Nach insgesamt etwa 23 Stunden Busfahrt - Umsteigen nicht mit einkalkuliert - waren meine Beine am Dienstag Nachmittag nach der morgendlichen Ankunft nicht mehr dieselben. Doch ich hatte es geschafft und dabei noch ein paar nette Bekanntschaften geschlossen.

In Arusha hatte ich bereits Kontakte. Martin, oder Evance (von anderen genannt), der Bruder des Freundes der Tante einer Freundin in Kigali, wohnt derzeit mit seiner Frau Abby und seinen Töchtern Gabriella und Charity in einem nicht betriebenen Hostel etwas abseits des Stadtzentrums. Gasper, der Freund der Tante einer Freundin, hatte für mich organisiert, dass mich ein Freund von ihm am Busbahnhof abholt und zum Haus fährt. Dort hieß mich dann zunächst Abby mit der kleinen einjährigen Charity willkommen. Nachmittags gab mir Martin dann eine erste kleine Tour durch die Stadt und am Abend lernte ich auch die siebenjährige Gabriella kennen.

Auch Helena, die ja ebenfalls Freiwillige in Kigali ist, war zur selben Zeit wie ich in Arusha. Wir hatten uns für Mittwoch verabredet und trafen uns bereits morgens zum Frühstück im Chapati Café. Ein nettes kleines Ständchen an der Hauptstraße von meiner Bleibe Richtung Innenstadt. Wir unterhielten uns über alle möglichen Dinge, besuchten den riesigen Second-Hand Markt, auf dem ich mehr Geld ließ als mir lieb war, machten einen Abstecher zum Maasai Markt wo es für uns beide neue Armbänder gab und nahmen ein spätes Mittagessen am Fluss ein.Ein stilles Örtchen in der Stadt, fern von der Stadt, wo es Buffet für uns und meine Füße für die Mosquitos zu essen gab (nach zwei Tagen Wanderschuhen, weigerte ich mich an diesem Tag etwas anderes als meine FlipFlops, alias "Wanderschlappen", zu tragen). Ich weiß nicht was für einen verrückten Fußfetisch die Viehcher haben, dass sie immer über meine Füße herfallen, wenn ich auch nur ein bisschen Knöchel zeige. Zum Abschluss des Tages tranken wir noch einen Smoothy im Njiro Complex (die Gegend in der ich wohnte heißt Njiro) und verabschiedeten uns dann nach einem schönen entspannten Tag.

Donnerstag war der erste Tag einer zweitägigen Safari bei der es mich in verschiedene Nationalparks führen würde. Mit ein paar Freunden aus Kigali war ich am Samstag zuvor bereits auf einer sehr erfolgreichen und befriedigenden Safari im Akagera National Park gewesen und war nun Expertin darin nach Tieren zu suchen. Hätte ich zumindest gerne so gehabt. 

Morgens wurde ich zuerst von meiner Unterkunft eingesammelt, dann die beiden anderen deren Gruppe ich mich angeschlossen hatte. Alba und Alberto sind ein spanisches Paar aus einer Region, die nahe der Grenze zu Portugal liegt. Da das Englisch der beiden nicht sehr stabil war, wurde ich, mehr oder weniger unfreiwillig, mit meinem gebrochenen Schulspanisch zur inoffiziellen Dolmetscherin erkoren. Dazu muss ich sagen, das lief garnicht so schlecht und ich war überrascht wie viel nach sechs Jahren doch noch hängen geblieben war, wenn man die Grammatik außen vor lässt. Von der Unterkunft der beiden wurden wir dann zu unserem Fahrer und Safariführer, Abraham, gefahren, in den Jeep verfrachtet und ab ging die wilde Fahrt.

Der erste Park war Tarangire National Park. Im Vergleich zu Akagera entdeckten wir hier zwar nicht so viele Tiere, jedoch eine traumhaft schöne und idyllische Landschaft, soweit das Auge reichte. Gras, Gebüsch und Bäume stritten sich darum, wer das schönere Grün trägt, Baobabs die ihre Stämme und Äste als schönste Kunstwerke präsentierten und beeindruckende Wolkenformationen, die dem ganzen Bild noch das Sahnehäubchen aufsetzten. Elefanten, Vogelsträuße und Giraffen sind ein paar der Bewohner dieser wunderbaren Welt, die sich an diesem Tag erblicken ließen. Auch Timon und Pumba waren am Start, deren Familien in harmonischer Nachbarschaft leben. Fun fact am Rande: Erdmännchen und Wildschweine sind einander wohl auch in der Realität freundschaftlich gesinnt.

Nach diesen Eindrücken war ich gespannt auf das Camp in dem wir die Nacht verbringen würden. Doch anstatt Zelten und Schlafsäcken, erhielten wir ein paar in meinen Augen fast zu luxuriöse Hütten, hervorragendes Essen und zudem eine Tanz- und Akrobatikshow im Anschluss an das Abendessen. Nach so einer Nacht waren wir am nächsten Tag fit und erfrischt für den zweiten Teil der Safari.


Vor der Serengeti bogen wir rechts ab und fanden unseren Weg zum Ngorongoro Krater, beziehungsweise Caldera, um dort nach Tieren zu suchen. Allerdings waren sie es, die uns schließlich fanden: Zebras, Gnus, Büffel, Nashörner, Antilopen, you name it. Auf einer enormen Savannafläche, eingerahmt vom tropisch bewaldeten Rand des Kraters, tummelten sich zahlreiche Herden verschiedenster Tiere. Flamingos zierten die Seen, Elefanten bewegten sich majestätisch über die Ebene und Flusspferde leisteten uns beim Mittagessen Gesellschaft. Wir beobachteten den traurigen Versuch einer Hyäne sich eine Malzeit zu fangen und wurden Zeugen, wie Mufasa und Sarabi einen kleinen Simba zeugten ("Simba" ist übrigens Suaheli für "Löwe". Sehr originell, Disney.). Ein beeindruckendes Schauspiel, welches uns an diesem Tag geboten wurde und ich bin mehr als zufrieden mit diesem Ausflug. 

Zurück in Arusha organisierte ich mir am Freitag Abend noch einen Trip zum Kilimanjaro, wo ich einmal den low-budget Anstieg wagen würde. Ein Freund von Martin, der an diesem Abend zu Besuch war, hatte seinerseits einen Freund in Moshi, etwa zwei Autostunden von Arusha entfernt und nahe des berühmten Berges. 

Etwas verspätet erreichte ich die Busstation in Moshi und stellte fest, dass ich keinen Handyempfang hatte. Geopron wollte mich hier abholen, doch nun hatte ich keine Möglichkeit ihn zu benachrichtigen. Lange stand ich jedoch nicht verloren in der Gegend herum. Es dauerte keine Minute, dass mich jemand ansprach und fragte wo ich hinwolle. Als ich ihm mein Dilemma erklärte bot er mir ohne Umschweife sein Handy an, sodass ich meinem Kontakt bescheid geben konnte, wo ich war. Geopron ist ein lokaler Tour-Guide, der bereits vor seinem Studium als Porter am Kilimanjaro gearbeitet hat. Seit fünf Jahren ist er nun offizieller Touristenführer und verfolgt seinen Beruf mit Leidenschaft. So war es auch möglich, ihn so spontan für eine private Tour an diesem Samstag zu engagieren. 

Der Aufstieg war sehr angenehm. Den ersten Teil der Strecke unterhielten wir uns viel und Kilometer vergingen im Flug, ohne dass ich realisierte, welche Distanz wir bereits zurückgelegt hatten. Dann folgte Stille. Doch keine unangenehme Stille. Die letzten Wochen, ja schon Monate, bin ich immer mit einer großen bis sehr großen Gruppe wandern gewesen. Das ist mit den richtigen Leuten auch ein überaus spaßiges Erlebnis. Doch wilde Büsche, alte Bäume und die Stille des Waldes, durchbrochen lediglich vom Plätschern des Flusses oder den Tierrufen im Geäst, erinnerten mich wieder an die heilende Wirkung, die die Natur auf die Seele hat. Eine innere Ruhe setzte bei mir ein, während wir den Berg weiter hinaufstiegen. Oben angekommen, genehmigten wir uns ein kleines Mittagessen, flitzten dann noch schnell zum Maundi Krater, sahen unterwegs ein paar flauschige Affen und rasten im Anschluss den Berg hinunter, um das Tor zum Park zu erreichen, bevor es am Abend schließen würde.

Den Kilimanjaro zu erklimmen war eine nette Wanderung. Sehr amüsant finde ich jedoch die Leichtgläubigkeit meiner Leute in Kigali. Der Gruppe, mit der ich im Mai den nächsten Vulkan bezwingen will, habe ich ein Foto vom Mandara Camp geschickt, als Demonstration, dass mein Training für den Vulkan am Kilimanjaro stattfindet. Niemand schien auch nur einen Augenblick lang infrage zu stellen, dass ich den Gipfel an einem einzigen Tag erklommen habe. Ich nehme das einfach mal als Kompliment, muss aber hier erwähnen, dass ich lediglich einen Teilabschnitt des Berges bestritten habe. Den Gipfel würde ich mir liebend gerne erkämpfen, doch müsste selbst ich mir hierfür ein paar mehr Tage gönnen und außerdem noch ein Weilchen länger sparen.

An meinem letzten Tag in Arusha führte Martin mich am Vormittag zum Meru Wasserfall. Ein TucTuc (eines der dreirädrigen Taxis, die hier in der Stadt herumtuckern) brachte uns zum Parkeingang, wir entledigten uns unserer Schuhe und schlüpften stattdessen jeweils in ein paar Crocks: Es ging in den Fluss.

Eher canyoning als wandernd bewegten wir uns flussaufwärts. Über Stock und über Stein und dann doch wieder durchs Wasser. Mein Handy hatte ich glücklicherweise zuvor in eine leere Plastikverpackung gewickelt, welche mir einer der Soldaten, die auf den Park aufpassen, noch organisieren konnte. Als wir uns vom Wasserfall wieder auf den Rückweg machten, waren wir völlig durchnässt. Doch es war ein spannender Ausflug gewesen. Der Hindernissparcours durch den Fluss des Regenwaldes, der von Alter und Schönheit strotzte, war ein gelungener Abschluss für meine Zeit in Arusha.

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.

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