Hannah in Ostafrika - Kapitel 3: Mombasa
Für meine Reise gen Osten beschloss ich den Zug von Nairobi nach Mombasa zu nehmen. Diese Strecke sollte sehr schön sein, da sie durch einen Nationalpark führt und man unterwegs viele Tiere sehen könnte.
Das stimmte auch. Ich saß zwar auf der rechten Seite, die die meiste Zeit auf die Straße und andere menschengemachte Infrastrukturen blickte. Dennoch bemühten sich die Elefanten, Antilopen und Zebras nicht sonderlich darum sich zu verstecken. Auch der Zug selber war für meine Ansprüche relativ komfortabel. Die Sitze waren etwas hart, doch ich saß am Fenster und hatte zudem ausreichend Freiheit meine Stelzen in einem Salat aus Beinen an denen der mir gegenübersitzenden Familie vorbeizustrecken. Die Mutter, erschöpft von der Reise allein mit drei Kindern, schlief einen Großteil der Fahrt durch. Währenddessen begnügten sich ihre Bälger zunächst damit, zu versuchen ihr das Handy zu stibitzen und hatten - Benjamin Button-Style - im Laufe der Zeit immer mehr Energie, die sie in Form von lauten Tönen und energischen Bewegumgen mit der Welt teilten.
Im Bahnhof von Mombasa angekommen, beschloss ich zunächst mein Abendmahl zu mir zu nehmen, bevor ich mich auf das Abenteuer machte, am halbspäten Abend noch das Hostel zu suchen. Ich bestellte eine Portion Pilau mit Hühnchen, lud mein Handy an der Steckdose und verließ dann die Station.
Der Parkplatz war schon relativ menschenverlassen. Einige wenige Taxifahrer begrüßten mich auf meinem Weg zur Busstation und boten mir an, mich in die Stadt zu fahren. Ich zögerte. Sie boten mir die Fahrt für 500 kenianische Schilling an, was umgerechnet keine 4€ sind. Doch auch wenn ich zuvor noch keine wirklich schlechten Erfahrungen gemacht hatte, so war ich nicht naiv. Man hörte schließlich genug schlimme Geschichten von verschwundenen Reisenden und viele Leute hatten mich vor meiner Reise davor gewarnt alleine unterwegs zu sein. Dennoch würde ich behaupten eine halbwegs anzunehmende Menschenkenntnis zu haben und so beschloss ich, meinem Instinkt und den beschilderten Taxifahrern zu vertrauen. Nichtsdestotrotz schickte ich beim Einsteigen in den Wagen noch schnell eine Nachricht an meine Kontakte in Nairobi umd Mombasa, begleitet von meinem Live-Standort auf WhatsApp.
Wer nichts wagt, der nichts gewinnt und ich gewann an diesem Abend nicht nur eine super preisgünstige Taxifahrt, direkt vor die Tür des Hostels, sondern auch eine sehr faszinierende Lebensgeschichte meines Fahrers, Joseph. Ich muss an dieser Stelle kurz darauf hinweisen, dass auch bei meiner etwas unorganisierten Ankunft in Nairobi ein sehr netter Joseph auf mich aufgepasst hat, bis Linda mich schließlich fand. Meine Mutter meinte schon, das ist der Geist meines Großvaters (ebenfalls Namensvetter) der mich begleitet. Die Kurzfassung der Geschichte von Mombasa-Joseph ist jedenfalls, dass sein geschiedener Vater ihn und seine Geschwister früh verließ, weswegen er als Erstgeborener für sie verantwortlich war. Er schickte sie zu ihrer Großmutter und schlug sich selbst in Nairobi als Straßenjunge durch. Er freundete sich mit einem jungen Mann an, der ihn aufnahm und fand schließlich auch einen Job als Fahrkartenkontrolleur im Bus, für den er keinen Schulabschluss brauchte. Er kam nach Mombasa, da er eine Frau traf, die ihn noch von früher kannte und die ihm erzählte, sie habe seinen Vater dort gesehen. Als Joseph beschloss dort nach ihm zu suchen, wurde ein Waisenhaus auf ihn aufmerksam, wo er schließlich als Freiwilliger zu arbeiten begann. Wir erreichten das Hostel, weshalb ich das Ende der Geschichte leider verpasste. Auf mich wirkte Joseph jedoch wie ein Mann, der zufrieden mit seinem aktuellen Leben ist. Ich war dem guten Mann sehr dankbar für seine Hilfe zu einem Spottpreis und gab ihm selbstverständlich ein wohl verdientes Trinkgeld. Auch seine Nummer notierte ich mir. Falls du dich also selbst einmal in Mombasa verloren finden solltest und ein Taxi suchst, dann melde dich bei mir.
CDH Backpackers ist ein bescheidenes Hostel. Ich schlief in einem Zimmer mit insgesamt acht Betten, doch außer meinem waren sie derzeit alle nicht in Nutzung. Ein Badezimmer mit gräumiger Dusche und eine kleine Küche für das Nötigste begrüßen einen hinter den Türen beim Eingang zum Schlafraum. Die Betten hatten keine Decken, doch spätestens nach meiner Dusche, die nicht in der Lage war den Schweißfilm auf meiner Haut zu entfernen, war mir auch klar weshalb. Der Raum besaß leider keine Fenster, dafür allerdings funktionierende Deckenventillatoren, die die warme Luft immerhin im Zimmer zirkulieren ließen. Alles in allem ein für den Preis sehr akzeptables Hostel und vor allem sauber. Leonard, der selber dort lebt und sich als einziger Angestellter um die Unterkunft kümmert, macht einen guten Job alles ordentlich zu halten. Doch das ist noch nicht alles.
Nach der ersten Nacht fand ich Leonard und fragte ihn nach ein paar Tipps, was ich in Mombasa so unternehmen könnte. Anstatt mir eine Liste mit Aktivitäten vorzubeten bot er mir an mich ein wenig herumzuführen und wir verbrachten den Vormittag damit, die Innenstadt in Herbergsnähe zu erkunden. Er brachte mich zu den ikonischen Elefantenstoßzähnen, half mir dabei einen Bus für mein nächstes Reiseziel nach Dar es Salam zu buchen und stellte mir den Markt vor. Ich versuchte stark zu bleiben und nicht alle Gewürze zu kaufen, die sie mir anboten. Ich koche nicht gerne und all die guten Waren wären an mir verschwendet. Wir liefen weiter zum Fort Jesus, Leonard gab mir einen Einblick in die Altstadt und nachdem ich ihn als kleines Dankeschön zum Mittagessen einlud, schauten wir noch einmal beim Markt vorbei, da ich mir im Kopf nun eine Liste geschrieben hatte mit Dingen, die ich womöglich doch gebrauchen könnte.
Wir erreichten das Hostel und mein Stadtführer beschäftigte sich mit ein paar Aufgaben im Haus, während ich Ideen sammelte, wie ich meinen zweiten Tag in Mombasa verbringen wollte. Das Klima dort ist elend für jemanden, der oder die sich in arktischen Temperaturen wohlfühlt. Dementsprechend fühlte ich eine plötzliche Sehnsucht, mich ins Wasser zu stürzen, als wir am Fort Jesus auf das Meer hinaus blickten. Ich brauchte Strand. Über den Besitzer des Hostels, David, hatte ich die Möglichkeit für Dinstag eine Tagestour nach Wasini Island zu einem annehmbaren Preis zu buchen. Easy Peasy, dachte ich, doch so eimfach gestaltete es sich dann doch nicht.
Zum Zahlen sollte ich Leonard den Betrag geben, hatte allerdings nicht genug Bargeld in meinem Täschchen, weshalb ich nochmal beim Geldautomaten vorbei musste. Kein Problem. Im Regelfall. Doch für mich hatte der Tag etwas anderes vorgesehen. Mir fehlten nur ein paar Schilling, doch da ich am Vormittag bereits einmal Geld abgehoben hatte, wurde ich das erste Mal mit der "maximal withdrawal frequency" konfrontiert. Wegen einer handvoll Schilling war ich also gezwungen, meine Notfallration an Dollar anzubrechen, doch auch das hatte natürlich einen Haken, da einer der Scheine zu alt war und dadurch nicht mehr denselben Wert hatte. Bevor ich also mal wieder mehr Geld ausgab als ich müsste, um den fehlenden Anteil auszugleichen, tauschte ich nur einen Teil meiner Dollar in Schilling und überreichte Leonard den Betrag in der kenianischen Währung.
Jetzt hieß es schnell ein Matatu suchen und mich auf den Weg zum Mama Ngina Park zu machen, wo ich mit einem Kontakt, den ich von jemandem erhalten hatte verabredet war. Es war das erste Mal, dass ich alleine durch die Straßen Kenias lief und ich fühlte mich nicht unbedingt sehr wohl dabei. Auch wenn mir bis dahin nichts als Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit direkt entgegengebracht wurde, ist die ganze Aufmerksamkeit begleitet von gelegentlichen Mzungu-Rufen, etwas, an das ich mich schwer gewöhnen kann, auch wenn mir die Menschen nichts Böses wollen. Ich fand schließlich einen Plastikstuhl am äußeren Rand vom Park, wo ich ein wenig aus dem Sichtfeld anderer verschwand, und wartete. Und wartete. Und wartete. Ein zwei Nachrichten schickte die Person noch, reagierte jedoch mit langer Verzögerumg auf meine Rückfragen und schließlich erhielt ich keine Antwort mehr.
Ich war in diesem Augenblick ziemlich angesäuert. Ich entschied mich also, nicht länger zu warten und mich auf den Rückweg zu begeben, als mich ein Mann in rotem Fußballtrikot und schwarzen Shorts ansprach und 100 Schilling verlangte, da ich auf dem Stuhl gesessen habe. Das tat meiner ohnehin schon schlechten Laune nicht gut und ich war drauf und dran eine Disskussion mit ihm zu beginnen, woher ich denn wissen sollte, dass die Stühle gebührenpflichtig seien und ob er denn beweisen kann, dass dies der Fall ist und er nicht irgendein dahergelaufener Seppel ist, der mich abziehen will. Doch eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf hielt mich davon ab, einen Streit anzufangen. Das würde nicht gut enden. Schnaubend und mit einem Augendreher drückte ich ihm das Geld in die Hand, drehte um und stapfte davon. Was für ein frustrierender Nachmittag.
Mittlerweile weiß ich, dass die Funkstille durch ein defektes Kommunikationsgerät verursacht wurde. Damit sind auch die Sorgen ausgeräumt die ich mir später machte, als nach wie vor keine Antwort auf meine Nachrichten kam. Schiet häppens, aber was solls. Solange alle gesund und munter sind, gibt es kein Problem: Hakuna Matata.
Der zweite und letzte Tag in Mombasa war aufregend auf allen Ebenen. Ich war für umgefähr zwei Stunden eine Meerjungfrau, für eine halbe Stunde obdachlos und 90 Minuten später wieder auf Kurs.
Am Ostermontag hatte ich einen Tag zuvor noch einen Tagesausflug mach Wasini Island gebucht. Da diese Insel etwa zwei Stunden von der Stadt entfernt liegt, stand ich um sechs Uhr morgens auf der Matte und wartete auf unseren Fahrer. Er brachte uns zum Anleger, wo wir nochmal das stille Örtchen aufsuchten und dann auf die Boote verfrachtet wurden. Eine angenehme Bootsfahrt bei nicht ganz so penetrantem Wetter, wie noch am Tag zuvor. Der ölige Schweißfilm, der sich um Gedeih umd Verderb nicht abwaschen ließ, wurde von der sanften Brise mitgenommen und ein graublauer Wolkenschleier hing über unseren Köpfen und schützte uns wie ein Schirm vor der brennenden Sonne, während am Horizont Schäfchen vor blauem Himmel über die Wasserlinie hoppelten.
Wir sahen ein paar Delfine und dann war es soweit. Wir machten uns nackig, zumindest bis auf die Badesachen, die hier meistens doch noch etwas mehr verdecken als in Europa, die Tourguides verteilten Taucherbrillen und Schnorchel und los ging der Spaß. Ich teilte mir mit ein paar anderen Damen den Preis für eine GoPro umd war so zu Beginn damit beschäftigt, fleißig für die Kamera zu posieren, etwas das mir ja grundsätzlich unangenehm ist. Aber wie oft hatte ich schonmal die Gelegenheit mich vor einem echten Korallenriff ablichten zu lassen? Zwar waren die meisten Korallen etwas farblos, doch auf Nachfrage wurde mir versichert, dass das mit der Sonne zusammenhängt und nichts Unnatürliches sei. Darauf möchte ich mich gerne verlassen. Nichtsdestoweniger war es ein entzückendes Schauspiel. Algen tanzten gelassen in der Strömung, Seegurken rollten über den weißen Meeresgrund und in einer Felsspalte versteckte sich ein Seeigel mit eleganten Stacheln, die er in alle Richtungen ausstreckte. Fische spielten und gingen ihren täglichen Aufgaben nach und wenn ich spontan in die Tiefe abtauchte um mir die blau leuchtenden Korallen genauer zu anzusehen, schlossen Muscheln erschrocken ihre Häuser. Es ist doch nochmal ein ganz anderes Gefühl, diese Bilder live und in Farbe und nicht nur verpixelt auf dem Bildschirm zu sehen. Dennoch bin ich nicht unzufrieden mit den Aufnahmen der GoPro.
Nachdem sich die meisten meiner Mitreisenden wieder an Bord begeben hatten und sich mit knurrenden Mägen auf das Mittagessen freuten, löste auch ich mich wiederwillig von den Riffen und zog mich zurück an Deck. Wir ankerten vor Wasini Island, wo wir unser Essen serviert bekamen und machten uns dann wieder auf den Rückweg.
Etwas müde und erschöpft von dem Wasserspektakel setzte mich der Fahrer wieder in Mombasa ab. Ich schlurfte zu dem Restaurant, welches mir Leonard empfohlen hatte und bestellte etwas zum Mitnehmen. Beim Herumwühlen in meiner Bauchtasche stellte ich jedoch fest, dass mir schon wieder Bargeld fehlte, also sagte ich dem Kellner bescheid und machte mich auf den Weg zu einem ATM, bevor ich das Essen abholen würde.
"You have reached your daily withdrawal limit". Diese Worte kamen mir nur zu bekannt vor und mir sank für einen Augenblick das Herz in die Hose. Ich hatte doch heute noch kein Geld abgehoben, wie kann das Limit schon erreicht sein. Ich brauchte an diesem Abend noch Bargeld, um mir Essen und die Unterkumft leisten zu können! Also rief ich ein paar Leute an, brachte einige Steine ins Rollen und verursachte mal wieder ein Riesenchaos. Ich lief zum Restaurant und nahm meine Bestellumg zurück, gab Leonard bescheid, dass ich zur Zeit nur Dollar besäße um das Hostel zu bezahlen, und teilte Robert - der Kollege, der am Vortag verschwunden war - mit, dass das mit dem Treffen auch an diesem Abend nichts werden würde. Außerdem bat ich meine Mutter in Deutschland bei meiner Bank anzurufen, um sicherzugehen, dass mit der Karte und dem Konto alles in Ordnung war.
Was war die Lösung des Ganzen: Der Betrag, den ich abheben wollte, war zu gering, doch da die KI der Automaten noch kein ChatGPT-Level erreicht hatte, konnten sie mir wahrscheinlich nur die Standardantwort für abgelehnte Geldabhebungen geben. Wie kam ich an diesem Abend noch an Geld? Ich hatte noch ein paar Notfall-Dollar übrig, Robert sprach kurz mit Leonard und organisierte für mich ein Treffen mit einem Bekannten, der mir USD in KES wechseln konnte. Also hüpfte ich in ein TucTuc, tuckerte zu dem ausgemachten Treffpunkt, wechselte das Geld umd tuckerte zurück, wo das erneut bestellte Essen auf mich wartete (Leonard hatte mir ein wenig Cash geliehen, damit ich mir schonmal was kaufen konnte. Also lief ich nochmal zum Restaurant und teilte dem armen Kellner mit, dass ich jetzt doch bestellen wollte. Doch die Leute dort waren Engel und nahmen das alles gelassen).
Und die Moral von der Geschicht: Ich stifte Chaos und alles andere ist Hakuna Matata.
Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.





Kommentare
Kommentar veröffentlichen