Hannah in Ostafrika - Kapitel 4: Dar es Salam
Eigentlich glaubte ich, nichts über die Busfahrt zu meinem nächsten Stopp berichten zu müssen und mich zur Abwechslung einmal kurz fassen zu können. Ich schätze allerdings, dass ich vor dem Antritt meiner Reise einmal zu oft über liegen gebliebene Busse gescherzt hatte. Beinahe jede andere Person die ich kenne, die mit Bussen durch Tansania gereist ist, hat mindestens einmal die Erfahrung eines defekten Motors, kaputten Reifens oder irgendeines anderen Murks durchlebt. Nun war ich an der Reihe. Was jedoch ursprünglich als blöder Witz gemeint war, wurde auf meinem Weg von Mombasa nach Dar es Salam Wirklichkeit. Karma sieht einem eben immer über die Schulter und irgendwann schlägt sie zu.
Der Beginn der Fahrt war ganz gut auszuhalten. Ich wollte zwar wach bleiben und die Landschaft genießen, doch Schlafmangel und das sanfte Ruckeln des Busses wiegten mich immer wieder in das Land der Träume. Zumindest halb, denn so richtig schlafen kann ich im Sitzen nicht, vor allem wenn sich der Sitz bewegt. Stattdessen wird man in diesen unbefriedigenden Halbschlaf gesogen, der einen noch matschiger wieder erwachen lässt, als man zuvor gewesen war. Doch abgesehen davon gab es nichts über das ich mich beschweren würde. Ich hatte sehr viel Platz, sowohl in der Länge, als auch in der Breite, die Sitze waren relativ bequem und ich konnte mich ans Fenster lehnen.
Auch der Grenzübergang verlief ohne Schwierigkeiten. Ich hatte Sorge ob mein Visum welches ich für meinen ersten Eintritt nach Tansania erhielt auch für den zweiten noch gültig sein würde. Jedoch besaß ich ein Backup: Ich hatte ja noch das digital genehmigte Visum, welches zu spät für meine Ersteinreise genehmigt wurde. Wie mit Regenschirmen, war es allerdings auch für diese Absicherung. Wenn man sie braucht, hat man sie nicht und wenn man sie hat, braucht man sie nicht. Vor dem Ausreise-aus-Kenia Schalter tummelte sich eine lange Menschenreihe. Nach einer kurzen Weile wurde ich aber schon von jemandem aus der wartenden Masse herausgepickt der mir die Anweisung gab mich vorzudrängeln. Ich meine den guten Mann bereits in meinem Bus gesehen zu haben. Vielleicht arbeitet er für das Unternehmen. Ich bekam meinen Stempel und wurde ins Büro des Rektors geschickt. Ob er der Rektor war weiß ich nicht, statt an dem vorgesehenen Schalter bekam ich meinen neuen Stempel allerdings in einem wichtig aussehenden Büro und durfte gehen.
Nach einem kurzen Frühstück, dem Kauf einer Flasche Wasser und dem präventiven Toilettengang, ging die Fahrt dann weiter. Es passierte einige Zeit nachdem wir die Zwischenstation in Tanga verlassen hatten, dass der Bus auf freier Strecke hinter einer Reihe anderer Fahrzeuge zum Stehen kam. Verschiedene Passagiere stiegen aus, um zu sehen was das Problem war. Ich blieb im Bus und versuchte von dort aus etwas auszumachen. Doch alles was ich sah waren vereinzelte Menschen die dort herumstanden. Als es dann nach etwas weniger als einer Stunde weiterging, erfuhr ich, dass wohl ein anderes Fahrzeug aufgrund eines leeren Tanks die Straße blockiert hatte. Schon in Ordnung, jetzt rollte unser Bus ja wieder. Das war allerdings auch alles was er tat. Rollen.
Sobald die Senkung der Straße zu Ende war, herrschte dann Flaute. Der Motor sprang an, doch die Schaltung wollte sich nicht mehr in "Drive" umstellen lassen. Da es im Bus langsam sehr stickig wurde, schloss ich mich einigen anderen an, verließ das nicht so treue Gefährt und suchte unter einem Baum Schutz vor der Sonne. Dann vor dem Regen. Dann wieder vor der Sonne. Wir warteten lange Zeit, in der leider niemand der Verantwortlichen mit den Passagieren kommunizierte was das Problem war. Wir befanden uns nicht mitten in der Pampa, sondern bei einer kleinen Siedlung, wo vereinzelt zwischen den Büschen und Bäumen einige Häuschen verstreut standen und die Locals an der Straße mit ihren Hühnern und Früchten handelten. Ein netter Herr aus dem Bus organisierte und spendierte allen einen gekochten Maiskolben, allem Anschein nach um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Bei mir zumindest funktionierte es und ich entspannte mich ein wenig. Es gab ohnehin nichts was ich hätte tun könnte, außer zu warten.
Die Zeit schritt voran und irgendwann wurde uns mitgeteilt, dass der Bus nicht weiterfahren würde. Wir würden versuchen müssen uns vorbeifahrenden Bussen anzuschließen, sofern diese noch freie Sitze hatten, doch das gestaltete sich als nicht so einfach. Schließlich waren wir eine volle Busladung an Reisenden, in unterschiedlich großen Untergrüppchen. Zudem war das Busunternehmen nicht bereit uns den Betrag, der für einen neuen Bus notwendig wäre, zu erstatten. Das hieß wir hätten aus eigener Tasche zahlen müssen. Einmal mehr kam es mir in dieser Situation gelegen, dass ich eine Solo-Reisende war.
Ich wollte nicht zu spät in Dar es Salam ankommen, da ich meine Unterkunft noch nicht bestätigt hatte und an dem Ort an dem wir liegen geblieben waren keine Netzverbindung hatte. Anspruchslos wie ich bin, stellte ich mich also an den Straßenrand und streckte die Hand aus für jedes Fahrzeug, das sich an uns vorbeischob. Es dauerte nicht all zulange - nach dem nächsten Regenschauer vor dem wir uns, abseits von der Straße, unter einer Überdachung schützten - da hielt ein Auto, welches noch einen Platz frei hatte und bereit war mich mitzunehmen. Auch meinen Vorsatz beim Trampen nirgendwo einzusteigen, wenn nicht mindestens eine Frau oder ein Kind anwesend sind, musste ich nicht verwerfen. Tumaini war nämlich mit seiner Schwägerin und Nichte ebenfalls von Mombasa nach Dar es Salam unterwegs. Dankbar pflanzte ich mich auf dem Beifahrersitz, kurz bevor der nächste Regenschauer einsetzte und weiter ging die wilde Fahrt.
Und wild war sie in der Tat. Tumaini wirkte auf mich wie ein freundlicher, doch eher zurückhaltender junger Mann. Aufgeschlossen keine Frage, sonst hätte er eine schmutzige Backpackerin wie mich nicht von der Straße aufgesammelt. Doch ein Mann weniger Worte nichtsdestoweniger. Ich schätze jedoch, dass auch er nach einer solch langen Fahrt nur noch zu Hause ankommen wollte, was man seinem Fahrstil anmerkte. So ruhig und gelassen sein erster Eindruck auf mich wirkte, erschien mir doch seine Fahrweise, als liege darunter noch eine Menge angestaute Wut verborgen. Ein traumhaftes Beispiel für "Beurteile ein Buch nicht nach dem Einband". Allerdings kann alles auch nur meine Einbildung gewesen sein. Bei dem Verkehr hier - nicht nur in Tansania, sondern auch in Ruanda und Kenia - vor allem zur Rush Hour, ist ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein notwendig, um sich im Groß- oder Kleinstadtdschungel durchschlagen zu können. Mir war es ganz recht. Meine Unterseite begann langsam weh zu tun vom langen Sitzen und ich sehnte mich nach einem Bett.
Ungefähr drei Stunden nach angedachter Ankunftszeit - in etwa die Zeit die wir am Straßenrand verbrachten - erreichten wir Dar es Salam, wo wir uns durch den Feierabendverkehr kämpften, bis Tumaini mir ein TucTuc organisierte, welches mich den restlichen Weg zum Hostel brachte. Weil ich angerufen hatte sobald wir den Dunstkreis von Dar es Salam erreicht hatten, wurde dort bereits auf mich gewartet. Jetzt noch ein fixes Abendessen, welches mir mein Host Hamid besorgte, eine erfrischende Dusche und dann nur noch das lang ersehnte Bett.
So aufregend der Weg nach Dar es Salam, so wenig ereignisreich war der nächste Tag. Ich schlief aus, gönnte meinem Gluteus Maximus nach der langen Fahrt am Vortag ein kleines Workout und machte mich spät auf den Weg die Stadt laufend zu erkunden. Ich ließ mich also von dem Boda (in Tansania der Name für de Motortaxis) hinter der Tanzanite-Bridge absetzen von wo ich dann an der Küste entlang zum Coco-Beach weiterlief. Am Strand erfrischte ich meine Füße im lauwarmen Meerwasser, welches in einem Moment sanft um meine Füße streifte und mit der nächsten Welle meinen Rock in Nässe tränkte. Auch der Sand war angenehm für meine armen Laufwerkzeuge, die die meisten Tage meiner Reise in Wanderschuhen dicht verpackt gelagert wurden. Ich hatte gehofft den Gesang der Wellen und die Leere des Strandes, an dem zur Abwechslung wenig Menschen waren, zu genießen. Doch stattdessen bestand ein anderer Passant, John, darauf, mich bei meinem Spaziergang zu begleiten, also unterhielten wir uns ein wenig. Am Ende des viel zu kurzen Strandes trennten wir uns dann wieder und ich kletterte die Böschung hinauf. Es begann zu regnen und ich suchte Schutz unter einigen Bäumen, doch das war nach zehn Minuten nur noch Schadensbegrenzung und ich bemühte mich, meine Tasche mit Handy und Geldscheinen trocken zu halten, während Kleidung und Haare Schwamm spielten. Als der Regen schließlich nachließ begann ich zu laufen. Und weiter zu laufen. Und ich lief, bis selbst meine legendären Wanderslipper begannen die letzten Überreste der menschlichen Schwimmhäute zwischen meinen Zehen wegzureiben. Doch ich lief weiter und als meine Füße begannen zu bluten, zog ich die Latschen aus und gimg barfuß weiter. Hauptsache in Bewegung bleiben, die Beine beschäftigen und mich mental und körperlich auf die nächsten Tage vorzubereiten.
Meine Rückreise nach Kigali stand an und ich hatte lange darüber philosophiert, ob ich die Special Edition Extended Version des Busses wählen sollte und damit riskieren mein Sitzfleisch auf kurz oder lang unbrauchbar zu machen. Oder ob ich die extra 200€ (Minimum) blechen und damit einen Monat auf mein Essen verzichten sollte. Ich esse gerne, daher wurde es der Bus. Ich hatte mich auch im Voraus bei anderen Freiwilligen informiert, welche Route sie so empfehlen konnten und ob es eine Direktverbindung nach Kigali gab.
Nachdem ich also morgens verwirrt und vergeblich mit meinem Boda-Fahrer nach dem sagenumwobenen Busunternehmen gesucht hatte, welches der Legende nach einem Freiwilligen in der Vergangenheit ein einziges Ticket für alle Busse auf dem Weg von Dar es Salam bis nach Kigali ausgestellt haben soll, gab ich auf und beschloss mich am Abend um meinen Transport zu kümmern. Dann also ein Schritt nach dem anderen und ein Busticket nach dem anderen. Erster Stopp: Kahama.
Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das
Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn
Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt
werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem
Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser
oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback
und konstruktive Kritik.



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