Hannah in Ostafrika - Kapitel 5: Die Odyssee
Meine Reise neigte sich dem Ende zu und ich freute mich bereits wieder nach Kigali zu kommen. Die vergangenen Wochen waren aufregend gewesen und ich hatte viele spannende Erlebnisse gesammelt. Doch ich begann reise-müde zu werden, was ich besonders merkte, als ich an diesem einen Tag in Dar es Salam unterwegs war. Ich hatte vorgehabt ein bis zwei Tage länger dort zu verbringen, doch meine Motivation war auf Talfahrt und ich konnte mich nicht dazu durchringen mich über weitere mehr oder weniger kostspielige Aktivitäten zu informieren. Da ich den Spaß nicht erzwingen wollte, entschied ich mich also dafür, bereits Donnerstag einen Bus von Dar es Salam zu nehmen. Auf diese Weise hatte ich auch ein wenig mehr Zeit, falls es unterwegs zu Komplikationen kommen sollte.
Da ich am Morgen des Rückreisetages mit einer mindestens 30-stündigen Fahrt rechnete - Umsteigen exklusive - und einen frühen Bus nach Kahama erwischen wollte, war es eine rasante Fahrt mit dem TucTuc zum Bus Terminal. Ich schwöre, die Dinger sehen aus, wie der Name impliziert, als können sie ihren kurzen Stummelrädchen maximal durch die Fußgängerzone tuckern. Aber boi, hat der Fahrer am Gas gedreht und sich wie eine Anakonda durch den Verkehr geschlängelt. Versehentlich hatte ich im ersten Stau erwähnt, dass ich es etwas eilig hatte. Nun war ich bereits um 9 Uhr am Busterminal angekommen und könnte wohl noch einen Bus nach Kahama erwischen, der drauf und dran war aufzubrechen. Ich ließ mich durch das große Gebäude bis ins zweite Stockwerk führen, wo sich die Büros verschiedener Busunternehmen befanden. Als ich sagte ich wolle nach Kigali und suche einen Bus nach Kahama, fragte mich der Gentleman, weshalb ich nicht direkt nach Kigali fahren würde. Etwas verdutzt erzählte ich von meiner vergeblichen Suche am Vortag und dass niemand den ich zuvor gefragt hatte etwas von einem durchgehenden Ticket nach Kigali wusste. Nun saß hier dieser Mann und sagte mir, dass es sogar einen Bus gab, den ich nicht wechseln müsste und der mich in einem Tag bis nach Kigali bringen könnte. Der Expressbus war ein Stück weit teurer als die Puzzle-Variante nach Kahama, dann Rusumo, dann Kigali, allerdings mit etwas größerem Komfort und kürzerer Reisezeit als die normalen Busse und immer noch deutlich günstiger als der Flug. Ein sehr guter Deal also.
Das gebuchte Fahrzeug würde das Terminal jedoch erst um 3 Uhr Nachmittags verlassen. Also vertrödelte ich dort meine Zeit. Es lohnte sich nicht, noch einmal woanders hinzufahren. Das Gebäude des Busterminals in Dar es Salam ist ohnehin groß und es gab einiges zu entdecken. Auf einer Ebene befinden sich verschiedene Läden mit Essen, Trinken und anderen Kleinig- und Großigkeiten wie Stoffen und Kleidern. Darüber sind die Büros verschiedener Busunternehmen und im obersten Stockwerk findet man sogar einen kleinen Kirchenbereich und eine Moschee. Die Zeit schritt voran, ich zog mich in eine stille Ecke in der obersten Etage zurück und beobachtete das rege Treiben auf dem üppigen Busparkplatz. Im Hostel hatte ich zudem einen neuen Freund kennengelernt, der kurz vor Abfahrt netterweise noch beim Terminal vorbeischaute und mir die Langeweile etwas versüßte (Übrigens die erste Person, die ich seit Deutschland getroffen habe, die nicht nur weiß, was Feldhockey ist, sondern die Sportart sogar selbst ausübt). Dann war Abfahrt, wir watschelten zum Bus und ich verabschiedete mich von Harrison.
Mir wurde nicht zu viel versprochen. Der Bus hatte Klimaanlage, Wlan, sogar Ladeanschlüsse für das Handy. Die angebliche Toilette hatte ich noch nicht gesichtet, doch wir hielten immer mal wieder, sodass es ohnehin nicht nötig gewesen wäre, ein enges Bus-Klo aufzusuchen.
Meine Stimmung war in Höchstform während der Busfahrt. Ich hatte eine gute Zeit auf meiner Reise gehabt, wenn auch anstrengend. Nun freute ich mich wieder nach Ruanda zurückzukommen und dort wieder in meinen Alltag einzusteigen. Im Busterminal hatte mir Harrison noch ein paar Snacks und eine Cola spendiert, welche ich nun trank. Ich wollte die Fahrt nicht verschlafen und noch etwas von der Landschaft Tansanias genießen, bevor es dunkel werden würde. Zwar bin ich oft der Meinung Koffein hat keine direkte Wirkung auf meine Schlaffähigkeit. Wenn ich wollte konnte ich jedoch den Placebo-Effekt für mich nutzen.
Als die Sonne schließlich den Horizont küsste und die Welt in ein angenehmes Licht und Schattenspiel verwandelte, schwebte ich auf einer ungewöhnlichen Welle der Euphorie. High auf Zucker, Koffein (vielleicht wirkt es ja doch ein wenig) und Musik starrten meine Augen aus dem Fenster und ich konnte mir das gruselige Grinsen nicht aus dem Gesicht wischen. Gut, dass es zu dem Zeitpunkt bereits relativ dunkel im Bus war. Schlecht, dass der Handy Bildschirm von unten mein Gesicht erleuchtete, wenn ich mit Leuten auf WhatsApp konferierte, sodass ich ausgesehen haben muss wie ein Psychopath, der gerade sein Festmal aus lebenden Hundewelpen auf dem Teller vor sich sieht. Mit guter Musik, unterhaltsamen Chatverläufen und einer Fülle an Glücksgefühlen, verging die Fahrt nach Kahama in nullkommanichts und bald erreichten wir das Städtchen, welches allem Anschein nach als Konotenpunkt verschiedener Busrouten im Norden von Tansania dient.
Kennst du das Gefühl wenn alles so gut läuft, dass du beginnst die Dinge zu hinterfragen? Es ist ein Gefühl, wie wenn sich an einem schönen Sommertag ein Gewitter zusammenbraut. Für einen Moment ist man umgeben von einer seltsamen Ruhe. Man genießt den Geruch der klaren Luft und den frischen Wind, der beginnt sich wie eine Umarmung um dich herum zu legen. Der Wind wird jedoch stärker, begleitet von den ersten Regentropfen und dann kommt der Donnerschlag.
„Der Bus fährt nur bis Kahama.“ Das war die Antwort auf meine Frage ob der Bus in Kigali am Flughafen, oder dem Busparkplatz bei Nyabugogo halten würde. Ich hatte den Fahrer spontan darauf angesprochen, als der Bus am Rande von Kahama kurz stoppte um Passagiere abzusetzen. Es waren außerdem die Worte mit denen Ikarus die Flügel verbrannt wurden. Erschrocken sprang ich auf und lief zu meinem Sitz zurück. Der Bus hatte hier bereits eine Weile gestanden. Hatte ich die Sache mit dem Expressbus falsch verstanden und ich musste doch Fahrzeuge wechseln? Wenn ja, würde ich den Anschluss dann noch erwischen, oder hatte ich ihn durch meine Trödelei bereits verpasst? Ich sammelte meine Taschen, stopfte Kopfhörer, Ladegerät und Wasserflasche in meinen Rucksack und sprintete zur Türe, als mich der Fahrer aufhielt. Wir waren scheinbar noch nicht am Busparkplatz angekommen. Halb erleichtert, halb beschämt, aufgrund meiner plötzlichen Panik, schlurfte ich zurück zu meinem Platz und starrte aus dem Fenster.
Während das Fahrzeug die letzten Meter zu seiner Endstation zurücklegte, begannen sich weitere Zweifel in mir breit zu machen. Saß ich doch im falschen Bus? Würde mich mein Ticket dennoch bis nach Kigali bringen? Hatte ich beim Ticketkauf mal wieder nicht ordentlich zugehört? Oder wurde ich abgezogen? Letzteren Gedanken schob ich widerwillig von mir fort. Es gab garantiert eine logische Erklärung dafür und mit Sicherlich hatte ich einfach etwas falsch verstanden oder mich einfach nicht ausreichend informiert. Da ich einen Expressbus gebucht hatte, würde ich bestimmt direkt bei meiner Ankunft an einer Station in das anschließende Fahrzeug dirigiert werden und die Reise würde weitergehen.
Doch dem war nicht so. Ich stieg aus dem Bus aus, doch anstelle zu einem anderen Fahrzeug, wurde ich zu einem der Büros geführt, welche den Parkplatz umrahmten. Verwirrt suchte ich mein Ticket, Dar es Salam nach Kigali, in meiner Bauchtasche, erinnerte mich jedoch, dass ich dieses ja zu Beginn der Fahrt abgegeben hatte. Stattdessen hielt ich nun eine Quittung in der Hand, die mir im Gegenzug überreicht wurde. Departure: Dar es Salam. Arrival: Kahama. Total: 65.000 TZS. Moment mal, ich hatte doch wesentlich mehr für den Bus gezahlt! Und wo stand auf diesem Beleg, dass ich nach Kigali weiterfahren musste?
Ich atmete erleichtert auf, als mir der Mann ein neues Ticket ausstellte, ohne nach Geld zu fragen. Das hieß, die Weiterfahrt war gewährleistet. Doch weshalb nur bis nach Rusumo? Und aus welchem Grund stand auf dem Ticket keine Uhrzeit, wann der Bus abfahren würde. An diesem Punkt war ich mir sicher, dass hier ein Missverständnis vorliegen musste. Da der Ticketmaster nicht sehr sicher in der englischen Sprache war, rief er auf meine Bitte hin einen anderen Kollegen, dem ich versuchte zu schildern, dass ich einen Expressbus bezahlt hatte und nicht verstand, weshalb ich nun hier aufgehalten wurde. Er fragte nach meinem Ticket, doch ich konnte ihm lediglich den Beleg, sowie den neu ausgestellten Fahrschein nach Rusumo vorzeigen. Die Nummer, die der Verkäufer in Dar es Salam auf die Rückseite geschrieben hatte, besaß ich leider auch nicht mehr, jedoch hatte Harrison am Vortag für mich bei ihm angerufen, als wir mein Gepäck am Büro abholen wollten. Leider konnte ich diesen in dem Moment nicht erreichen. Der Kollege, dem ich mein Dilemma schilderte, versicherte mir, dass er sich um mich kümmern würde und ich sollte einfach im Büro warten. Dann verschwand er im Getümmel des Busparkplatzes.
Ich wartete einige Minuten, die sich anfühlten wie Stunden und nach und nach sickerte die unschöne Wahrheit zu mir durch: Ich war betrogen worden. Es war kein Missverständnis gewesen. Mir wurde wörtlich gesagt, es gäbe „Compound-Busses“, bei denen ich den Bus wechseln musste und „Express-Busses“, die durchfuhren. Mir wurde ein Fahrschein zu einem höheren Preis als herkömmliche Bustickets verkauft, unter dem Vorwand eines größeren Komforts und einer kürzeren Reisezeit. Doch diese Versprechen wurden nicht erfüllt. Stattdessen hatte sich die Schlange mein Geld in die Tasche gesteckt und mich auf den Weg geschickt.
Als der Herr der sich „um mich kümmern würde“ immer noch nicht zurückgekehrt war und ich immer unruhiger wurde, nahm ich meine Taschen und suchte den Bus mit dem ich nach Kahama gekommen war. Selbstverständlich war er nicht mehr da. Ich fragte einen Herr, ob er mir sagen könne, wo ich Mitarbeiter der Busgesellschaft Linah Luxury finden könnte und er führte mich zu ihrem Büro. Mittlerweile war ich nicht mehr so verärgert wie zuvor und erklärte ruhig und bestimmt meine aktuelle Situation. Ich hoffte irgendwie doch noch an das alte Ticket zu kommen, damit ich Beschwerde einreichen konnte. Zu dem Zeitpunkt hatte auch Harrison mir geantwortet und mir die Telefonnummer geschickt, die wir nun im Office versuchten zu erreichen. Die Dame sprach mit dem Rezipienten, doch als sie mir den Hörer reichte, legte er auf. Von da an konnten wir ihn nicht mehr erreichen. Mir wurde mitgeteilt, dass er nicht einmal für Linah Luxury arbeitete, sondern Agent für ein anderes Unternehmen war. Und Expressbusse von Dar es Salam nach Kigali? So etwas gab es überhaupt nicht.
Ich hatte bereits mit der Hoffnung abgeschlossen, mein Geld wiederzusehen. Weder hatte ich das Originalticket, noch einen Zahlungsbeleg und auch kein Unternehmen, bei dem ich mich hätte beschweren können. Ich hatte lediglich eine tansanische Telefonnummer, mit der ich niemanden erreichen konnte. Ich fokussierte mich also auf das naheliegende Problem: Wie weit würde ich nun mit dem bezahlten, doch physisch abwesenden Fahrschein kommen und wann fuhr der nächste Bus?
Wurde man an jedem Punkt einer Reise bereits vor dem Aussteigen aus dem Fahrzeug von einer Menschentraube umringt, so fand ich plötzlich niemanden mehr der mir Auskunft geben konnte. Ich sah den Mann noch einmal, mit dem ich zuvor geredet hatte, er setzte mich wieder in das ursprüngliche Büro und widerholte, dass er mir bescheid geben würde. Dann verschwand er und ward nie wieder gesehen.
Ich sprach einen Polizisten an, der für die Registrierung der ein- und ausfahrenden Busse verantwortlich war und fragte, ob er mir sagen könne wann und wo der Bus abfahren würde. Er erwiderte, der Bus komme bald und ich könne in seinem Office platznehmen und dort warten, also tat ich das. Er war schließlich Polizei. Meine Augen verfolgten aufmerksam das Treiben außerhalb des Büros und der Polizist bot mir ein Kaugummi an. Er fragte mich nach meiner Telefonnummer. Unsicher aus welchem Grund er diese benötigte schrieb ich ihm meine ruandische Nummer auf. Falls es etwas Wichtiges war – zum Beispiel bezüglich des Scams – so könnte er mich später erreichen, ohne dass ich ihm meine deutsche Hauptnummer für WhatsApp mitteilen musste.
Nach einer Weile kam ein anderer Mann, holte sich eine Unterschrift und mir wurde mitgeteilt, dass er mich zum Bus nach Rusumo bringen würde, also folgte ich ihm, froh darüber, dass endlich etwas passierte. Ich wurde in den Bus gesetzt – wieder solch ein Teufelsgefährt bei welchem, anstatt eines Sicherheitsgurtes, Knie und Hüfte zwischen dem eigenen und dem Vordersitz eingeklemmt werden – und kurz darauf rollte er los. Er war noch sehr leer, also war ich nicht überrascht, als er kurze Zeit später, immer noch in Kahama, auf einem anderen Parkplatz hielt, wo wieder gewartet wurde. Ich zeigte den Schein, der mir bei meiner Ankunft ausgestellt wurde und bekam einen neuen ausgestellt um zu bestätigen, dass ich im Bus war und auch bezahlt hatte. Immerhin etwas Positives.
Während ich versuchte dem jungen Mann klarzumachen, dass ich ihm meine Nummer nicht geben würde, versuchte er mir auf Nachfrage hin zu erklären, um wie viel Uhr der Bus denn losfahren würde. Er sagte um zwei. Ich fragte um zwei Uhr Mittags? Er sagte nein, um zwei Uhr Morgens würde er in Rusumo ankommen. Ich fragte wann der Bus den Parkplatz verlassen würde. Er sagte um acht Uhr. Ich fragte, ob wir sieben Stunden hier warten würden. Er sagte nein. Ich fragte ob wir in 30 Minuten oder einer Stunde aufbrechen würden und er sagte wir würden um zwei Uhr Morgens ankommen. Wir bewegten uns in Kreisen und erst als ich auf Papier die Abfahrt und Ankunft eines Busses schematisch darstellte, konnte er mir eine zufriedenstellende Antwort auf meine Frage geben: Der Bus würde um zwei Uhr Mittags losfahren und um zwei Uhr Morgens in Rusumo ankommen (Zwölf Stunden erschien mir zwar etwas lang für die Strecke, aber in dem Moment war es mir wichtiger zu wissen, wann wir uns in Bewegung setzen würden, also stellte ich es nicht infrage). Die Acht war angeblich Suaheli für die Zwei? Eine ähnliche Zeitangabe hatte mir der Polizist zuvor schon gegeben, doch ich habe bis jetzt leider nicht verstanden, weshalb die Acht in Suaheli für die Zwei stehen sollte. Das war vermutlich die erste Situation auf meiner Reise, bei der es wirklich hilfreich gewesen wäre, die Sprache verstehen zu können, da bereits die Busdurchsagen auf dem Weg nach Kahama lediglich auf Suaheli getätigt wurden und auf dieser Strecke leider wenige Personen anwesend waren, die ihrerseits sicher genug in Englisch wären und für mich hätten übersetzen können.
Zwei Uhr Mittags. Das hieß noch etwa eine halbe Stunde warten. Während die Zeit vorantickte und der Zeiger sich immer weiter hinter die Zwei-Uhr-Marke schob, tönten wieder und wieder Mzungu-Rufe aus verschiedenen Richtungen und Händler versuchten mir ihre Waren zu verkaufen. In meiner Brust baute sich ein zunehmender Druck auf und ich spürde, wie meine Stimmung immer weiter eutrophierte, bis sie kurz vorm Umkippen stand. Ich verschänkte meine Arme vor mir, senkte die Stirn auf meine Unterarme und vergrub mein Gesicht im groben Stoff des Rucksacks, der auf meinem Schoß saß. Ich nahm einige tiefe Atemzüge und in meinem Kopf wiederholte ich einen Satz wie ein Mantra: Ich bin hier, ich bin in Sicherheit. Ich bin hier, ich bin in Sicherheit. Die Ungeduld und die Scham, aufgrund meiner Naivität um eine gute Menge Geld erleichtert worden zu sein, zerrten an mir, doch es war weiter nichts Tragischeres passiert. Ja, ich hatte Geld verloren und ja, ich würde noch eine Weile unterwegs sein. Doch Letzteres war ohnehin der ursprüngliche Plan gewesen. Die Sache mit dem Geld war natürlich ärgerlich, doch ich hatte auch schon wesentlich schlimmere Geschichten gehört. Ich war nicht pleite und hatte noch alle Mittel und Wege irgendwie nach Ruanda zu kommen. Ich hatte meine Lektionen gelernt und das nächste Mal würde ich mich anders verhalten: Ich würde einem fremden Menschen nicht blind vertrauen, wenn ich mich zuvor bereits selbstständig schlau gemacht hatte. Ich würde in Zukunft immer ein Foto von den Bustickets machen, die ich kaufte und mir den Kontakt aufschreiben. Und ich würde mir den Beleg, den ich im Gegenzug für den Fahrschein erhalte direkt anschauen, um mögliche Fehler bereits frühzeitig identifizieren zu können.
Ich atmete noch einmal tiel ein und aus und hob dann wieder meinen Kopf. Die ausgeblendeten Rufe von den Leuten um mich herum drangen wieder bis in mein Hörzentrum durch und als mich wieder jemand mit Mzungo ansprach lächelte ich und erwiderte, mein Name sei nicht Mzungo, sondern Hannah. Einer der Jungs sprach zwar kein Englisch, machte mir jedoch mit Gestiken verständlich, dass er gerne ein Foto mit mir machen würde. Da wir ohnehin noch nicht losfuhren beschloss ich also auszusteigen – so konnte ich wenigstens auch meine Beine vor der langen Fahrt nochmal strecken – und ließ uns mit dem Handy eines Kollegen von ihm ablichten. Ich scherzte wie viel er mir dafür bezahlen würde, indem ich Daumen und Zeigefinger aneinander rieb und nacheinander auf ihn und auf mich zeigte. Jedoch hielt ich ihn schnell davon ab, mir tatsächlich einen 10.000 Schilling-Schein zu geben und verabschiedete mich von ihm und seinen Kollegen.
Es war kurz nach drei Uhr, als der Bus sich dann tatsächlich in Bewegung setzte und die Richtung nach Rusumo einschlug. Im Gegensatz zum Hinweg kam mir die Fahrt dieses mal wesentlich kürzer vor. Was sie vermutlich auch war. Wir fuhren dieses Mal in den Abend hinein und entfernten uns vom Zentrum des Landes, folglich waren die Stopps unterwegs kürzer und womöglich auch weniger. Außerdem verbrachte ich einen Teil der Fahrt damit den klaren Sternenhimmel aus dem Busfenster zu bestaunen und einen anderen damit ein kleines Mädchen zu unterhalten. Genesis war wahrscheinlich zwischen zwei und drei Jahren alt und reiste mit zwei jungen Frauen, die auf den beiden Sitzen vor mir saßen. Schon vor der Ausfahrt aus Kahama, hatte mein Gesicht sie zum Lachen gebracht, als sie auf dem Schoß ihrer Mutter stand um nach hinten zu sehen. Als ich ihr während der Fahrt dann zuwinkte und begann Grimassen zu schneiden, hob besagte Mutter sie plötzlich und ohne Vorwarnung hoch und reichte sie über ihren Kopf nach hinten. Überrascht nahm ich das Kind und hockte es vor mich auf den Rucksack, der wiederum auf meinem Schoß lag. Für einen Augenblick starrte ich das Kind verdutzt an. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Sie lachte erfreut und ich zuckte mit den Schultern. Der harte Sitz unter meinem Podex, die Lehne im Rücken, die Knie im Vordersitz und Rucksack und Kind auf dem Schoß. So saß ich da also, eingeklemmt von allen vier Seiten und bespaßte nicht nur Genesis, sondern den gesamten Bus, wenn sie lachte und mit mir auf Suaheli sprach, während ich meinerseits englische Kommentare beisteuerte. Niemand von uns verstand die andere, doch letztendlich war das Kind glücklich und schlief auf meinem Rucksack ein, bevor ich sie ihrer Mutter zurückgab.
Wir erreichten Rusumo etwa gegen zehn Uhr Abends. Die letzte Hürde war es nun herauszufinden wie, wann und wo ich den Bus nach Kigali erwischen würde. Wieder tummelten sich hier, ungewohnter Weise, keine Menschen, die einem zeigten wo ich als nächstes hinmusste, doch das lag wahrscheinlich an der Uhrzeit. Ich fragte den jungen Busfahrer – dessen Art mich sehr stark an einen anderen Charakter aus Kigali erinnerte – und nahm auf seine Empfehlung hin ein Boda zum Immigration Office, wo trotz der späten Stunde noch viele Menschen Schlange standen. Die Beamten waren effizient und stempelten die Ausweise der Einreisenden wie am Fließband ab. Immer noch verwirrt und verloren auf weiter Flur trottete ich in Richtung der Menschenmenge, die sich am Gate versammelte. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass hier noch einmal eine manuelle Gepäckkontrolle durchgeführt wurde, bevor die meisten in einen Bus nach Kampala und wir anderen in das kleinere Gefährt nach Kigali gelotst wurden.
Ich lief zu dem kleinen Bus, erleichtert Ruanda endlich erreicht zu haben. Und da war er. Der Sitz auf den ich seit drei Wochen gewartet hatte. Ein Einzelplatz am Fenster direkt vor der Türe. Keine Wand vor einem, kein anderer Sitz. Nicht einmal Boden, da sich vor mir die Stufe zum Ausgang befand. Nichts als Freiheit für mein an dem Punkt ziemlich verkümmertes Fahrgestell. Ab jetzt würde alles gut werden.
Wir warteten noch bis die letzten Menschen von der Taschenkontrolle kamen und sich der Bus füllte. Dann setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Wir fuhren sehr langsam und ich wunderte mich über das merkürdige Geräusch, welches vom Motor kam, wagte jedoch nicht diesen Gedanken zuende zu führen. Zu viel hatte ich in den letzten Tagen bereits gejinxt. Wir hatten es beinahe den Hügel hinaufgeschafft, als der Bus neben einem anderen zum Stehen kam. Wir mussten Busse wechseln. Ich seufzte. Wenigstens stand direkt ein Ersatzbus zur Verfügung und wir mussten lediglich auf den Fahrer warten, der sich nach dem Umladen von Gepäck und Passagieren draußen unterhielt. Unterdessen wurden die Tickets bezahlt. Das galt auch für mich. Das heißt, letztendlich war es nicht nur der Expressbus, den ich nicht bekam, sondern auch das Ticket deckte nicht den ganzen Weg der Strecke ab.
Als wir dann endlich mit dem neuen Bus starteten (ich hatte wieder den Premium-Sitz an der Türe ergattern können) dauerte es noch eine Weile, bis wir richtig in Fahrt kamen, da der Fahrer alle paar Meter aus Gründen die ich nicht kannte, wieder anhielt und auch auf dem Weg nach Kigali wurden an verschiedenen Orten Leute eingesammelt und rausgeschmissen. Doch an diesem Punkt rührten meine Verärgerung und Ungeduld lediglich von meiner Müdigkeit und Erschöpfung her. Es war eine lange aufregende Reise gewesen und ich war froh, als der Bus in Nyabugogo einbog, ich mir ein Moto suchte und endlich zu Hause ankam.
Mein Urlaub war fast zuende, doch zwei Tage hatte ich noch, bevor ich wieder auf der Arbeit antanzen musste. Ich verbrachte den Samstag Morgen mit schlafen, kümmerte mich dann um meine Wäsche, den Einkauf und nachdem ich noch ein Backup aller meiner Bilder gemacht hatte genehmigte ich mir einen gemütlichen 13km Lauf zum Sonnenuntergang. Sonntag ging es dann natürlich wieder wandern. Es war das zehnte Mal, dass ich mich der Gruppe anschloss und wie bei meiner ersten Wanderung, erklommen wir Mount Jali, doch dieses Mal kletterten wir auf einer anderen Route den Berg hinauf. Mit dem anschließenden Treffen am Pool wäre es eine perfekte Tagesaktivität für das Ende meiner Ferien gewesen. Daher ignorieren wir die Tatsache, dass am Vormittag ein Kammerjäger im Haus gewesen war, um sich um unser Rattenproblem zu kümmern und wir, nachdem wir das Haus wieder betreten konnten, über zehn Stunden non-stop damit beschäftigt waren, die Chemikalien aus dem Gebäude zu waschen.
Epilog
Solo-Urlaube waren für mich noch nie eine Quelle der seelischen und schon gar nicht der körperlichen Entspannung gewesen. Wie ich bereits zu Beginn dieser Mini-Serie erwähnt habe, so sehe ich diese Art von Reise viel mehr als die Gelegenheit neue Erfahrungen zu sammeln und Dinge nicht nur über die Welt, sondern auch über mich und andere Menschen zu lernen. Eher Bildungs- als Entspannungsurlaub, wodurch man den Alltagstrott in den man zurückkehrt mit offenen Armen begrüßt. Ich glaube, die wichtigste Lektion, die ich in den vergangenen drei Wochen gelernt habe, bestätigt mir die Motivation, aus der ich beschlossen habe, in ein afrikanisches Land zu ziehen: Mache dir dein eigenes Bild von der Welt und lebe nicht in den Erzählungen anderer Menschen und Medien.
Einige Leute haben mich vor meiner Reise nach Tansania und Kenia gefragt, ob ich nicht nervös sei, als weiße Frau alleine in diesen Ländern unterwegs zu sein. Selbstverständlich war ich nervös. Ich habe viele Geschichten von Leuten gehört, die negative Erlebnisse mit Korruption, Abzocke oder Überfällen hatten. Man wird gewarnt vorsichtig zu sein, tu dies, tu das, lass jenes lieber bleiben und geh dort nicht hin. Es ist gut und wichtig, dass man Warungen nicht ignoriert und sie insbesondere ernst nimmt, wenn sie von Leuten kommen, die persönliche Erfahrungen gemacht haben. Auch ich habe, wie du gelesen hast, weniger gute Erfahrungen auf dieser Reise gemacht. Doch der Lügner, der mir ein falsches Ticket verkaufte war die einzige Person auf der gesamten Tour, die mir aktiv Unrecht getan hat. Beinahe alle anderen Menschen, mit denen ich interagiert habe waren nichts als freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit gewesen. Eine selbstlose Mentalität, die man nicht überall auf der Welt findet, doch von der seltener berichtet wird. Die dunklen Geschichten machen leider häufiger die Schlagzeilen als einzelne kleine Nettigkeiten. Aus diesem Grund möchte ich meinen Rückblick auf diese Nettigkeiten fokussieren.
Sowohl in Arusha, als auch in Nairobi wurde ich von Familien mit Kindern in ihrem Zuhause aufgenommen. Sie kannten mich nicht und wussten nicht das Geringste über diese fremde Person, nur dass ich die Freundin von Bekannten der Verwandten von Freunden bin. Nicht nur das, sie haben mich beraten und mir dabei geholfen meine Zeit mit aufregenden Aktivitäten zu füllen. Als ich in Mombasa ohne Bargeld dastand, war es die bedingungslose Hilfsbereitschaft zweier Menschen, die nichts im Gegenzug verlangten, die es mir ermöglichte, mir an diesem Abend noch Essen und Unterkunft leisten zu können. Und in Dar es Salam habe ich am Abend vor meiner Abreise nur wenige Sätze mit jemandem gewechselt, was gereicht hat, dass diese Person extra den umständlichen Weg bis zum Busterminal auf sich genommen hat, nur um mich dort zu verabschieden. Diese Taten sind aus meiner Sicht nicht durch Höflichkeit, sondern durch Vertrauen und Herzensgüte motiviert. Eigenschaften, die in anderen Gesellschaften leider immer weniger gesehen sind.
Ignoriere Warnungen nicht. Sei vorsichtig und aufmerksam, doch vergesse niemals, die Welt ist bunt. Sie besteht aus hellen und dunklen Farbtönen, niemals nur aus schwarz und weiß, und eines, das alle Farben gemeinsam haben, ist, dass sie nicht existieren können, ohne Licht.
Mit dieser kitschigen Abschlussnote verabschiede ich mich und hoffe, ich habe dir ein paar spannende Einblicke in zwei weitere ostafrikanische Länder bieten können.
Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das
Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn
Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt
werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem
Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser
oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback
und konstruktive Kritik.





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