Die Ruandische Küche

Diesen Post habe ich nun eine Weile vor mir hergeschoben und versucht wegzuprokrastinieren. Doch vor einiger Zeit hat ein lieber Freund aus Deutschland den Wunsch geäußert, dieses Thema einmal zu behandeln. Leider ist es ein sehr passendes Thema, wenn man die Kultur eines fremden Landes kennenlernen möchte. Aus diesem Grund habe ich nicht länger eine Ausrede dieses Kapitel nicht anzustoßen und wünsche dir viel Spaß mit dem heutigen Artikel.

Ich bin absolut kein Fan vom Kochen. Ich mag Essen und probiere auch gerne allerlei Neues aus. Sich für ein Grundbedürfnis, welches mir das Überleben sichert, jedoch zwei Stunden an den Herd stellen zu müssen, den Topf beim Kochen zu beobachten, nur um den Bums in zwei Minuten herunterzuschlingen, erscheint mir als eine ungerechte Entscheidung der Natur, verglichen mit unseren tierischen Freunden, die sich diesen Aufwand ersparen können. Dennoch ist es ein notwendiges Übel, wenn man, an den Parasiten vorbei, die kostbaren Nährstoffe ausschöpfen möchte, die unsere Zeit auf Erden ein wenig erträglicher machen. In meinen Augen lediglich ein Mittel zum Zweck, bin ich entsprechend unkreativ, wenn es darum geht neue Rezepte und Kreationen auszuprobieren. Doch andere Länder, andere Lebensmittel. Man muss sich eben anpassen und aus diesem Grund musste auch ich, als ich nach Ruanda kam, wohl oder übel mit ein paar Gewohnheiten brechen und mein kreatives Denken, mehr oder weniger erfolgreich, auf das Kochen umschulen. Da dabei bei mir im Kopf jedoch eine Blockade existiert, war es gut, dass ich im Wald nicht allein stehen gelassen wurde. 

Ende April veranstaltete Prosper für Thomas und mich den nächsten Teil der Reihe an Kultur-Workshops. Wie du sicherlich bereits erraten hast, ging es diesmal um traditionelle Gerichte Ruandas. Keine Sorge, die vier Monate zuvor habe ich nicht gehungert, ich habe mir sporadisch irgendeinen Matsch zusammengekleistert, der mich bis dahin über Wasser gehalten hat. Allerdings habe ich nun ein paar neue Ideen, mit denen ich arbeiten kann, wenn ich mich dazu überwinden kann, mir die Arbeit zu machen. Es ist schon spannend, dass meine Faulheit genau in der Sache am stärksten ausgeprägt ist, wo es in gewisser Weise wirklich um mein Überleben geht. 

Luisa - eine nigerianische Freundin von STW - hat sich darüber beschwert, dass sich ruandisches Essen nicht Gericht schimpfen soll, wenn es lediglich irgendetwas Gekochtes ist, welches ohne Sinn, Verstand und Zusammenhang auf dem Tisch präsentiert wird. Ganz unrecht hat sie nicht, wenn man bedenkt, dass man bei "traditionell ruandischen Gerichten" meistens ein Buffet mit Bohnen, Kartoffeln, Reis, Gemüse und gelegentlich noch Kochbananen und Rind- oder Hühnerfleisch vorfindet. Alles in verschiedenen Töpfen, zumeist ohne viele Gewürze außer Salz. Diese "Gerichte" werden dann randomisiert zu einem kleinen Berg auf dem Teller aufgetürmt und jeder genießt das üppige Essen.

Das klingt jetzt alles sehr negativ und abwertend, jedoch stellt diese Schilderung lediglich eine Sichtweise dar, wie man die ruandische Küche betrachten kann. Für meine knöchelhohen Ansprüche ist diese Art von Essen jedoch vollkommen ausreichend. Wie du eben vielleicht schon herausgelesen hast, bin ich da recht pragmatisch und brauche kein aufwendiges 5-Sterne Menü, um satt zu werden. Ruandisches Essen lässt sich sehr gut mit den Wörtern simpel und nährreich beschreiben. Zudem hat auch hier jeder seine oder ihre ganz eigenen Techniken und Methoden der Zubereitung und wenn man es richtig anstellt, schmeckt das Ganze, meiner Meinung nach, dann auch sehr gut. 

An jenem Tag im April trafen wir uns am Morgen in Nyabugogo, Kigali, um dort den Markt zu besuchen und die nötigen Zutaten von der Einkaufsliste zu besorgen. Für den kulinarischen Workshop, den Prosper organisiert hatte, bekamen wir Unterstützung von Claudette, die selber eine begnadete Köchin ist und sich auf dem Markt zurechtfindet wie in ihrer eigenen Westentasche. Gefühlt jede Person, an jedem Stand, an dem wir vorbeikamen, kannte sie und freute sich sie zu sehen. Sie erzählte uns, dass sie früher einmal als Lieferantin gearbeitet hatte und dafür in Nyabugogo immer die Waren besorgt hat. 

An diesem Ort befindet sich nicht nur der große Busbahnhof der Stadt, der nationale und internationale Busse aus allen Richtungen empfängt und weiterschickt. Nyabugogo ist außerdem Zentrum für frische Lebensmittel direkt aus den verschiedenen ländlichen Regionen rings um die Hauptstadt, von dem aus sich die meisten anderen Märkte, aber auch Supermärkte, Restaurants oder Hotels in Kigali beliefern lassen. Entsprechend gibt es eine große Auswahl und vermutlich die günstigsten Preise der ganzen Stadt. Wir besuchten an dem Tag zwei verschiedene Märkte, kauften unterschiedliches Gemüse, Bohnen, Reis und gelbes Maismehl und machten uns dann auf den Weg nach Kacyiru. Beim Fleischer besorgten wir noch Rind und Hühnchen und begannen dann im Haus von Thomas das Festmal zuzubereiten.

Wir hatten bis 12:30 Uhr Zeit, dann würden die Kollegen zum Mittagessen ankommen und etwas zum Beißen auf dem Tisch erwarten. Das bedeutete, dass uns die Zeit etwas im Nacken saß und wir machten uns ohne zu zögern an die Arbeit. Ehrlich gesagt, war ich so sehr damit beschäftigt Gemüse zu waschen, zu schälen und zu zerschnipseln, dass ich letztendlich keine Ahnung hatte, was Claudette wie kombinierte und wie sie schließlich ein paar sehr gelungene "Gerichte" gezaubert hatte. Netterweise setzten wir uns ein paar Tage später noch einmal für eine Stunde zusammen, in der sie uns erläuterte, was genau passiert war. 

Das erste Gericht war Reis, verfeinert mit angerösteten Zwiebeln und grüner Paprika. Ich glaube, hier muss ich zur Zubereitung nicht viel erklären. Ähnlich ist es mit den Bohnen, die gemeinsam mit Süßkartoffeln und Manioc das zweite Gericht bildeten und auch die Amatete Wurzeln wurden einfach in Wasser mit Salz gekocht, bis sie durch waren und eigenständig serviert. Hierzu muss ich jedoch sagen, dass mich die verschiedenen Knollengewächse nach wie vor etwas verwirren. Maniok wird auf Englisch "Cassava" genannt und es ist relativ klar, welches Gewächs damit gemeint ist. Amatete ist Kinyarwanda für das englische "Yam", was auf Deutsch weiter mit "Süßkartoffel" übersetzt wird. Die Dinger sehen ungekocht aus wie braune Babyelefantenfüße, sind jedoch nicht dieselbe Pflanze wie die Süßkartoffeln, die es zu den Bohnen gab. Diese Süßkartoffeln unterscheiden sich wiederum von den orangen Wurzeln, die in Europa mehr und mehr an Beliebtheit gewinnen. Vielmehr schmecken sie wie unsere Maronen, die es auf dem Weihnachtsmarkt zu knabbern gibt. Du siehst, ein blankes Chaos in meinem Kopf, für das ich dankbar wäre, wenn es jemand aufräumen könnte. Fürs Erste einigen wir uns darauf, dass wir irgendwelche Wurzeln gegessen haben.

Die nächste Verwirrung kommt mit dem gelben Maisbrot. Hier ist mir die deutsche Sprache, aber auch die englische Version mit "yellow maize bred" ganz lieb, da sie klar und unverwechselbar den Klumpen aus gelbem Maismehl beschreiben, den Prosper in wenigen Minuten in kochendem Wasser angerührt hat. Gehen wir jedoch zu den lokalen Namen über, dreht sich in meinem Kopf wieder alles. Als ich in Nairobi für eine Woche bei Linda und ihrer Familie gelebt habe, gab es fast jeden Abend Ugali zum Abendessen. Ein geschmacksneutraler Teigklumpen aus Maismehl, welches in kochendem Wasser angerührt wird, bis es zu einer festen Masse wird, die von der Konsistenz her ein wenig an unsere Kartoffelknödel erinnert, nur weniger klebrig, etwas fester und leichter zu brechen. Man isst es im Regelfall mit den Händen, gemeinsam mit allen möglichen Beilagen, auf die man gerade lustig ist. Ugali in Ruanda ist das Gleiche, jedoch mit Maniok-Mehl, anstatt Mais. Ist es aus Maismehl, unabhängig ob gelber oder weißer Mais, dann heißt es Kawunga. Dann gibt es noch Fufu, welches besonders in Westafrika verbreitet ist und lediglich ein anderes Wort für entweder Ugali oder Kawunga ist. Jedoch weiß ich an diesem Punkt absolut nicht mehr wo oben und wo unten ist und ob Fufu nun aus Mais oder Maniok, oder sogar aus beidem oder entweder/oder, gemacht wird. Die oben beschriebenen Dinge wurden mir so mitgeteilt, doch wenn ich Dr. Google frage, um etwas Licht in die Widersprüche zu bringen, weiß ich immer noch nicht welche Bezeichnung in welchem Land für welches Mehl korrekt ist. Was ich weiß ist, dass es in jedem Fall ein nettes Grundnahrungsmittel ist, welches man zu allen möglichen warmen Speisen anstelle von oder zusätzlich zu Reis zubereiten kann. Ich persönlich bevorzuge die Version mit Maismehl, da sie noch ein wenig mehr Eigengeschmack hat und ich auch die rauere, etwas trockenere Konsistenz etwas lieber mag. Doch auch die Maniok-Variante bekommt von mir eine solide 7 von 10.

Bei dem ganzen Durcheinander ist einem das nächste Gericht ganz lieb, welches keinen schnieken Namen hat, sondern einfach nur heißt, was es ist: Gemischtes Gemüse. Brokkoli, Blumenkohl, Karotten, Zwiebeln, grüne Paprika und Tomaten nacheinander zusammen in den Topf geschmissen, kochen gelassen und ein wenig Salz dazu, et voilà. Ein sehr schmackhafter Gemüsetopf brachte etwas Frische in die bis dahin recht trockenen Grundgerichte Reis, Wurzeln und wie auch immer der Teigklumpen genannt wird. Unterstützt wurde das Hasenfutter dabei von in Zwiebeln und Knoblauch mariniertem Hühnchen mit grüner Paprika und einer Art Rindfleischeintopf mit Tomaten und ebenfalls grüner Paprika.

Damit kommen wir auch schon zum großen Finale dieses Kochkurses, mit viel Kochen und ohne Kurs: Isombe. Ein grünes matschflüssiges Etwas, auf dem Markt mit Mörser und Stößel angemischt, aus Maniok-Blättern mit Spinat, AubergineLauch, Knoblauch, Zwiebeln, Korreander und Basilikum. Die ganze Pampe wird dann mindestens drei Stunden lang mit Rindfleisch auf Holzkohle gekocht. Manche Leute warten auch den ganzen Tag, doch Claudette sagte, sie findet es so besser. Die Nutzung eines kleinen Holzkohleherds ist in erster Linie die ökonomischere Variante, da die Alternative auf dem Gasherd nach ein paar Stunden die Flasche geleert hätte. Manche Zunge mag jedoch auch behaupten, der Geschmack der Kohle sei dem des Gases überlegen. 

Als unsere Kollegen schließlich, pünktlich für African Time eine halbe Stunde später, eintrudelten, war das Isombe noch fröhlich am köcheln und wir beglückten unsere Freunde stattdessen mit dem Rest. Auch das war immerhin eine Menge an Essen. Um die traditionelle Küche Ruandas von Vergangenheit bis Gegenwart zu vervollständigen und weil wir selbstverständlich unseren Kollegen während der Arbeitszeit keinen Alkohol anbieten konnten, verzichteten wir auf das Bananenbier und servierten stattdessen Milch, Trinkjoghurt und Fanta. Das Isombe wurde einige Tage später in kleiner Runde vom Koch-Team (Claudette, Prosper, Thomas und mir) bei Claudette vertilgt. Drei Stunden gekocht und vier Tage gereift, zusammen mit Reis und Ugali (das mit Maniok), war es ein vorzügliches Mittagessen.

Selbstverständlich war das in über vier Monaten nicht das erste Mal, dass ich landestypische Speisen zu mir nahm. Auf der Arbeit begleite ich Kollegen hin und wieder zu einer Bekannten (wir nennen sie Mama Isimbi), die ehemals ein Restaurant besaß und nun jeden Mittag für einen kleinen Betrag für uns kocht. Dort gibt es zuverlässig jeden Tag Reis, Kartoffeln, Süßkartoffeln (die die nach Maronen schmecken), rote Bohnen, Kochbananen und Dodo (ähnlich zu Spinat, nur meiner Meinung nach etwas geschmacksintensiver). Ansonsten findet man hier an jeder Straßenecke kleine Shops die unter anderem verschiedene Teigwaren verkaufen, deren Namen ich nicht alle kenne, doch die, zumindest für Ostafrika, relativ typische Snacks sind. 

Erwähnenswert sind Sambousas. Dreieckige Teigtaschen, gefüllt mit Fleisch, Gemüse, oder Kartoffeln, die einem auch unter anderem am Busbahnhof in Nyabugogo durchs Fenster gereicht werden, bevor man die Reise aus der Stadt antritt. Auf unserem Zwischenseminar in Kibuye wurde uns von einer ruandischen Veranstalterin empfohlen diese (vom Busbahnhof) nicht zu kaufen, da es sein könne, dass sich auch Hunde- oder Katzenfleisch darin befindet oder das Fleisch nicht mehr gut sei. Ich würde das jedoch zunächst einmal als Mythos abstempeln, denn die Sambousas, die sich andere Freiwillige dort gekauft hatten, waren Mogelpackungen, in denen sich überhaupt nichts befand, außer ein paar Krümelchen in einer der Ecken. Ansonsten war es nur Teig.

Auf keinen Fall vergessen darf ich zum einen Avocados, die ich hiernach nie wieder in Europa essen möchte, sowie Chapati, in die ich mich schon beim ersten Mal verliebt habe. Ähnlich zum asiatischen Naan, sind diese nicht nur typisch in Ruanda, sondern in vielen afrikanischen Ländern und das nicht ohne Grund. Ich habe auf jeden Fall eine Sucht entwickelt und sollte darauf achten, meinen Chapati-Konsum ein wenig zurückzufahren und mich besser zum Frühstück von gesünderen Dingen zu ernähren.

Ich kratze hier mit meinem Bericht mit Sicherheit nur an der Spitze des Eisbergs. Allein was Obst und Gemüse angeht gibt es in Ruanda eine so manigfaltige Auswahl, dass ein kreativer Kopf hier das Schlaraffenland entdeckt hätte. So einer bin ich jedoch leider nicht, daher versuche ich zumindest die einfachen Ideen, die uns Claudette und Prosper mit auf den Weg gegeben haben, im Hinterkopf zu behalten und so zu überleben. Vielleicht überkommt mich ja irgendwann auch der Kochwahnsinn. Ich habe immerhin schon genug Leute kennengelernt, die sehr gerne und gut kochen und wohl sicherlich dazu bereit wären, mir den ein oder anderen Zaubertrick beizubringen.

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.

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