God's Plan II - Titanic's Breaking Point

Zwei Monate waren vergangen, seit mein Squad und ich erfolgreich Mount Gahinga im Vulcanoes National Park von Ruanda erklommen hatten. Es war eine harte Schlacht gewesen, doch wir hatten uns mit fliegenden Fahnen gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt und sind körperlich ausgelaugt, jedoch mental stärker denn je von der Front zurückgekehrt. Gahinga war jedoch nur der Anfang gewesen. Im hohen Norden des Landes, wo tropische Temperaturen von kalten Winden weggetragen werden und Berggipfel bedrohlich wie Zähne aus der Landschaft herausragen, warteten vier weitere Vulkane darauf, von uns bezwungen zu werden. Den ersten Kampf hatten wir für uns entschieden, doch der nächste würde nicht so einfach werden. 

Berüchtigt als der tückischste und anspruchsvollste der fünf Geschwister, war Mount Muhabura kein Gegner, den man unterschätzen sollte. Regelmäßig erreichen aus Gruppen von 10 bis 15 Personen lediglich eine Handvoll den Gipfel, während der Rest vorher umkehren muss. Wir hatten von den Geschichten gehört, weswegen wir nach dem Kampf mit Gahinga nicht tatenlos herumsaßen, sondern frühzeitig begannen uns aufzurüsten. Während ein paar meiner Freunde gemeinsam joggen gingen, trainierte ich persönlich unter anderem am Kilimanjaro, um mich gegen Muhabura zu wappnen. Einen Monat körperliche und mentale Vorbereitung lagen schließlich hinter uns, als wir uns am frühen Samstagmorgen in Nyabugogo, Kigali, trafen, um uns auf den Weg zum Schlachtfeld zu begeben. 

Dem ursprünglichen Plan zufolge, wollten wir uns ein Auto mieten und damit nach Musanze ziehen, doch der Vormieter hatte leider das Gefährt nicht rechtzeitig wieder zurückgebracht. Folglich mussten wir auf unsere eigenen Pferde setzen: Den Hybridwagen eines Freundes von Albert und Micos Auto. Letzteres wurde inoffiziell auf den Namen Titanic getauft. Eine Hommage an die Prophezeiung, die uns auf unserem letzten Abenteuer begleitet hatte, nachdem das Fahrzeug bereits kurz hinter Kigali einem Motorschaden zum Opfer gefallen war. Nun war Titanic einige Zeit lang in der Werkstatt rehabilitiert worden und bereit für einen erneuten Angriff. 

Die Bäume zogen an uns vorüber als wir nach Musanze fuhren, in der Ferne schimmerten die Lichter einzelner Hütten wie Sterne in der Dunkelheit und schon bald wurden die Felder Ruandas vom ersten Licht des Morgens wachgeküsst. Ein sanfter Nebel lag in den Tälern, während sich die Silhouetten der Hügelkuppen darüber vor dem rosaroten Horizont abzeichneten. Wolkenformationen zogen am blassblauen Himmel entlang und vervollständigten das Bild zu einem dramatisch schönen Anblick. Voller positiver Energie blickten wir optimistisch der anstehenden Wanderung entgegen. Das Team vom letzten Mal, bestehend aus Mico, Iddi, Victor, Albert, Yvette und mir, wurde dieses Mal noch von Fatma, sowie dem neuen Rekruten Imad unterstützt.

Pünktlich für deutsche Verhältnisse, erreichten wir zehn Minuten zu früh das Hauptquartier des Volcanoes National Parks, um uns anzumelden und unseren Guide zugewiesen zu bekommen. Wir gönnten uns während des Wartens noch heiße Getränke und ein paar Snacks zum Frühstück und dann ging es los. Unser Bergführer war Foster, der sich zu uns ins Auto setzte, um uns von der Rückbank aus den Weg zum Nationalpark zu weisen. Vom Hauptquartier aus waren wir etwa eine Stunde auf Rädern unterwegs. Die Straßen wurden immer unwegsamer und irgendwann mussten wir Alberts Fahrzeug am Straßenrand zurücklassen und waren von nun an allein auf die Titanic und das Fahrzeug zweier anderer wagemutiger Bergsteiger angewiesen. Wir parkten auf einem kleinen Grünstreifen bei den Häusern der letzten Siedlung vor dem Nationalpark, wo sich Muhabura majestätisch über die Landschaft erhob und bedrohlich auf uns herabschaute. Vom Parkplatz liefen wir noch etwa zwanzig Minuten, bis wir den Eingang zum Park erreichten. Foster gab uns ein kurzes Briefing und dann betraten wir das Tor zwischen Himmel und Hölle.

Muhabura ist ein Berg, der nicht lange fackelt und gleich zur Sache kommt. Während man bei Gahinga allein bis zum Parkeintritt ein bis zwei Stunden unterwegs ist und man sich von dort aus lange Zeit durch flach ansteigenden Dschungel kämpft, beginnt man bei Muhabura direkt mit dem Klettern. Wurzeln, Äste und andere Pflanzen im Unterholz bieten einem die erste Hälfte des Weges vereinzelt Unterstützung dabei sich hochzuziehen, während die Füße über lose Steine und Erdbrocken kraxeln. Die Szene ist aufgebaut aus einer üppigen Vegetation mit Spuren verschiedener Tiere wie Büffel und Antilopen. Doch auch Elefanten und Gorillas sind in diesen Wäldern heimisch, auf Muhabura allerdings seltener gesehen. Foster erklärte mir, das liege darin begründet, dass vor langer Zeit Bienenzüchter einen Großteil des Waldes niederbrannten, wodurch die Fauna aus der Region flüchtete und sich vermehrt auf den anderen Bergen ansiedelte. Ich persönlich bin jedoch der Meinung, die Tiere hielten es nicht für nötig auf diesen respektlos steilen Vulkan zurückzukehren.

Der Soldat, der unsere Truppe ganz vorne anführte, marschierte wie eine Maschine unentwegt weiter, ohne Unterbrechung, ohne langsamer zu werden. Schon bald war ein Großteil der Gruppe bereits zurückgefallen und meine Kohorte setzte sich lediglich aus Albert, Andrew, seinem Kumpel Gérome und mir zusammen. Andrew war ein weiterer Bekannter, den ich durch die Steps to Wellness Gruppe kennengelernt habe und den wir an diesem Tag ebenfalls auf dem Berg getroffen hatten. Lange Zeit machten wir wenige bis keine Pausen. Ein- bis zweimal blieben wir kurz stehen und genehmigten uns einen Blick über die Ebene, welche dem Berg zu Füßen lag. Doch erst als wir die Vegetation verließen und uns durch die letzten Gräser vor der kargen Gesteinslandschaft schoben, legten wir eine echte Pause ein. Albert und der Soldat an der Spitze waren schon seit einer Weile aus unserem Blickfeld verschwunden. Wir beschlossen jedoch, dass die von Büschen umringte Fläche, mit ein paar großen Felsen in der Mitte, eine gute Stelle sei, um den Ort, an dem wir uns befanden, einmal mit allen Sinnen in uns aufzunehmen.

Am Fuße des Berges liegt eine weite Ebene, bedeckt mit zahllosen kleinen Hütten, die sich wie ein Flickenteppich über die Landschaft verteilen. In der Ferne wird diese Fläche von einer langen Hügelkette begrenzt, welche am Horizont die Wolken kämmt. Andrew zeigte mir die Grenze zu Uganda, die sich kaum sichtbar durch die Landschaft zieht und zu unserer Rechten konnte man die Twin Lakes von Burera und Ruhondo (Ruanda) erblicken. Es war ein beeindruckender Anblick. Ein wenig mulmig wurde es mir, als wir uns umdrehten und zum Gipfel des Muhabura hinaufblickten. Eine steile Felsenlandschaft, geschmückt von kargen Sträuchern, erhob sich vor uns wie eine riesige Wand. Der Gipfel kratzte am Himmelszelt und wirkte so unerreichbar, dass es unwahrscheinlich erschien, etwa die Hälfte des Weges bereits hinter uns zu haben. Mico und Victor schlossen bald zu uns auf, gefolgt von Imad, kurze Zeit später. Während Andrew und Gérome den Kampf gegen die Felsen begannen, verweilte ich einen Augenblick länger mit den anderen. Ich verteilte ein paar Lollis und Mico packte seine Profi-Kamera aus, um ein paar schicke Fotos zu knipsen. Als auch Iddi und Yvette den Halbzeitpunkt erreichten, setzten Victor, Imad und ich unseren Weg fort. Die Zeit war begrenzt, da wir aus Sicherheitsgründen um ein Uhr Mittags wieder umkehren müssten, sollten wir den Gipfel noch nicht erreicht haben. Ich stapfte in meinem eigenen Tempo weiter und befand mich bald allein auf weiter Flur. Nur die gelegentlichen Rufe meiner Teamkollegen in der Ferne durchbrachen die Stille des Berges und ich konzentrierte mich mental darauf meine physische Verfassung aufrechtzuerhalten.

Allerdings war meine Energie begrenzt und ich spürte, wie meine Kräfte langsam zu schwinden begannen. Immer öfter musste ich stehen bleiben, um durchzuatmen und die Beine zu entspannen, doch ich weigerte mich, den Rucksack von den Schultern zu nehmen, um etwas zu trinken oder zu essen. Zu viel Zeit würde dadurch verloren gehen und ich würde aus dem Rhythmus kommen. Zudem bedeutete jede Pause einen enormen Energieaufwand, sobald ich mich wieder in Bewegung setzte. Ein Fuß nach dem anderen, in kleinen Schritten zum Ziel. Quälend langsam schob ich mich den Vulkan hinauf, während sich ein unheilvoller Nebelschleier langsam an den Berg anschmiegte. Je höher ich kam, desto kälter wurde es und der eisige Wind schob die Wolke immer weiter um die Felsen herum. Hinter mir hörte ich Rufe und ich blickte den Weg zurück, den ich gekommen war. Foster joggte den Pfad hinauf und teilte mir mit, dass die Zeit den Gipfel zu erreichen bereits abgelaufen war, er uns jedoch noch weitere 20 Minuten drauflegen würde. Nicht unbedingt die Nachricht, die ich hören wollte, wenn ich bereits so nahe am Ende meiner Kräfte war. Ich sah wieder nach oben, wo es so schien, als ob das Ziel in wenigen Schritten erreicht sei. Gleichzeitig wusste ich, dass das eine Täuschung war. Hinter dieser Spitze würde sich eine neue Anhöhe erheben, dann noch eine und immer mehr. Ich fragte Foster wie viel mehr noch vor mir lag und er erwiderte in seinem Tempo wären wir noch ungefähr 15 Minuten unterwegs. Auch das war nicht sehr motivierend, da ich mit seinem Tempo beim besten Willen nicht mehr hätte mithalten können. Trotzdem war es keine Option den Gipfel nicht zu erreichen. Zu weit war ich bereits gekommen, zu sehr hatte ich mich gequält. Zu lange würde es mich verfolgen, wenn ich jetzt aufgeben würde. Ich würde also meine Grenzen neu austesten müssen und diese Entscheidung hätte an diesem Tag genauso gut mein Todesurteil sein können.

Das ist jetzt alles ein wenig dramatisch dargestellt und macht womöglich aus einer Mücke einen Elefanten. Gleichzeitig weiß ich, wie schnell und unberechenbar sich die Bedingungen auf einem Berg verändern können, sei es aufgrund des Wetters oder körperlichen Versagens. Zwar war diese Unternehmung bei Weitem nicht das Gefährlichste, das ich in meinem Leben bis dahin getan hatte. Allerdings glaube ich, meine körperlichen Grenzen noch nie zuvor so weit überschritten zu haben, wie an jenem Tag. Da es mir heute prima geht und nichts passiert ist, kann ich im Nachhinein darüber lachen. Doch das Ganze hätte auch anders ausgehen können.

Es begann zu regnen, erst leicht, dann stärker. Ich bemühte mich schneller den Berg hinaufzuhasten, weniger Pausen einzulegen und die Spitze so schnell wie möglich zu erreichen. Mein Atem wurde schwerer und ich presste die Luft über die Stimmbänder aus den Lungen, woduch mit jedem Ausatmen ein verzweifeltes Stöhnen über meine Lippen kam. Immer wieder fragte ich Foster wie weit es noch war. Nur noch drei Minuten. Hinter dieser Anhöhe. Nur noch zwei Minuten. Leider hatte ich das Gefühl, dass er mir das bereits seit einer halben Stunde sagte. Meine Erschöpfung begann in Verzweiflung umzuschwingen, als der Regen von Hagel abgelöst wurde und meine Fragen nach der verbleibenden Strecke wurden zu verärgerten Beschwerden über die Unendlichkeit dieses Berges. Nur noch ein kleines Stück. Kämpf dich weiter durch. Hör auf Pausen zu machen, das kostet dich nur Zeit. Ich feuerte mich innerlich an, während mir Foster von Außen zuredete, dass ich es fast geschaft hätte. Als ich die wirklich letzte Böschung hinaufkroch kamen mir Albert, Andrew und der Soldat entgegen, die sich aufgrund des Wetters an den Abstieg machten und mich zum Endspurt anfeuerten. Und dann sah ich es. 

Das steinerne Schild, welches den Gipfel Muhaburas kennzeichnet erschien mir in dieser Einöde mehr wie ein Grabstein, doch das war irrelevant. Gegen den Wind stolperte ich auf den Stein zu, während Hagelkörner mich von der Seite attackierten, bis es sich anfühlte, als würde mein Gesicht zerschmettert. Doch auch das war mir egal, als ich auf die Knie sank und mich hinter den Stein kauerte, in dem verzweifelten Versuch mich vor der Wut des Sturmes zu schützen. Als ich wieder ein wenig zu Atem gekommen war, hob ich vorsichtig den Kopf. Foster beugte sich über mich und drängte mich, meine Jacke anzuziehen. Ungeschickt bemühte ich mich meinen Rucksack zu öffnen, doch meine Hände waren bereits taub und ich konnte die Finger nicht bewegen. Unser Guide half mir dabei die Jacken nacheinander aus der Tasche zu holen und anzuziehen, bevor er mich vor dem Schild positionierte, um für mich noch eine kleine Erinnerung meines Elends zu bewahren (Ich bin ihm ganz unironisch sehr dankbar dafür!). Dann hieß es, so schnell wie möglich den Rückweg anzutreten. Wir waren bereits unterkühlt und auf der Spitze des Berges tobte der Sturm ungebremst. 

So schnell wie der Guide es gerne gehabt hätte, schaffte ich es nicht die steile Senkung hinabzuschlittern. Mit dem Abstieg ließen sowohl Regen, als auch Wind nach und mit der Schwerkraft nun auf meiner Seite, musste ich mich nur noch darauf konzentrieren, dass ich meine Füße richtig setzte. Meine Hände waren nach wie vor taub und ich zitterte von der Nässe, die die kalte Kleidung eng an meinen Körper klebte, doch ich war in Bewegung. Der Abstieg war nicht einfach, erforderte jedoch weniger Energie und ich musste nicht alle paar Meter eine Pause einlegen. Dennoch merkte ich, dass meine Batterien auf Stromsparmodus liefen und ich begann mir Gedanken zu machen, wann meine Kräfte mich endgültig verlassen würden. Aus diesem Grund fragte ich Foster, ob wir an der Stelle eine Pause einlegen könnten, wo wir auch beim Aufstieg schon Fotos gemacht hatten. Ich ließ mich erschöpft auf dem Fels nieder, in vollem Bewusstsein, dass ich nicht zu lange sitzen durfte, da ich sonst weiter unterkühlen würde. Ich brauchte allerdings dringend Wasser und etwas zu Essen. Mit leblosen Fingern und Zähnen öffnete ich Reiswaffeln und Kekse, teilte ein paar mit den anderen Anwesenden und begann dann meinen eigenen Tank aufzufüllen. Victor und Mico hatte ich mittlerweile wieder eingeholt, sowie zwei der Porter, die uns begleiteten. Nach der kurzen Pause stiegen wir weiter den Berg hinunter und Stück für Stück taute ich wieder auf. Auch meine Stimmung hob sich und ich begann mich mit Foster über Berge und Länder zu unterhalten (Außerdem entschuldigte ich mich für mein lächerlich kindisches Verhalten kurz vor Erreichen des Gipfels). Die nassen Klamotten waren etwas unangenehm, doch eine Lektion die ich bei unserem letzten Abenteuer auf Gahinga gelernt hatte war, trockene Wechselsachen mitzunehmen, die ich im Auto gelassen hatte.

Die Vegetation wurde wieder üppiger, man konnte bereits den Kirchenchor aus dem Ort hören und ich begann mit Mico und Victor über diesen verfluchten Vulkan zu scherzen. Wir erreichten schließlich den Eingang des Nationalparks, wo die anderen bereits auf uns warteten. Sie waren aufgrund der Zeit und des Wetters bereits früher umgekehrt, was wahrscheinlich sowohl die vernünftigere, als auch die würdevollere Entscheidung gewesen war. Ich verteilte alle Snacks, die wir auf der Spitze nicht zu uns nehmen konnten und wir machten uns auf den Weg zum Auto. 

Erschöpft, verkatert und nass erreichten wir den Parkplatz, wo das Fahrzeug der anderen Abenteurer bereits nicht mehr stand. Sie hatten wohl schon recht früh beschlossen, dass Muhabura ein zu starker Gegner sei. Hier standen wir also, umringt von einer Traube schaulustiger Locals, frierend und ohne Fahrzeug. Nein, Titanic war durchaus noch da. Was fehlte war der Autoschlüssel. Dieser schien wie vom Erdboden verschwunden und hatte womöglich irgendwo unterwegs den Weg aus dem Rucksack gefunden, um eigenständig die Wildnis Ruandas zu erkunden. Alberts Auto hatten wir auf der Strecke zurücklassen müssen und die trockenen Kleider von Mico, Iddi und mir befanden sich hinter verschlossenen Türen. Alles etwas unpraktisch, doch nicht umsonst ist der Name unserer Gruppe God's Plan. Es geht nicht darum was schiefgeht, sondern darum, wie man es löst.

Die Lösung präsentierte sich relativ schnell. Mico besaß noch einen Ersatzschlüssel in Kigali. Sein Mitbewohner würde diesen in einem Expresstaxi nach Musanze kutschieren lassen und während wir warteten, würden wir versuchen in die Stadt zu kommen und etwas zu essen. Wie kamen wir in die Stadt? Ein Lastwagen, der vermutlich Geröll oder Ähnliches geladen hatte (ich habe keinen Blick auf die Ladung werfen können), bot Albert und mir eine Mitfahrgelegenheit zu seinem Auto. Dort angekommen zog sich Albert um, während wir auf Nachricht von den anderen warteten. Nach einer Weile kam Yvette vorbei, die mit Foster ein Moto gefunden hatte, und teilte uns mit, dass Iddi und Mico ebenfalls Zweiräder nehmen würden, um nach Musanze zu kommen. Albert und ich sollten Fatma, Victor und Imad ein Stück die Straße aufwärts abholen - sie waren bis dorthin gelaufen. Wir taten also wie geheißen, trafen die drei, die sich ebenfalls in trockene Schale schmissen und versuchten dann unseren Weg aus dem kleinen Örtchen zu finden. Etwa eine halbe Stunde später erreichten wir das Restaurant, in dem wir uns treffen wollten.

Ein kleiner sauberer Laden an einer Tankstelle mit offenen Wänden. Letzteres war etwas unbequem, da die Hälfte von uns keine warme und die andere keine trockene Kleidung hatte. Doch man arrangierte sich, wir teilten uns die zwei paar Slipper, die vorhanden waren und saßen auf unseren nackten Füßen. Yvette und Iddi warteten bereits auf uns und informierten uns darüber, dass Mico den Schlüssel erhalten hatte und auf dem Weg war, die Titanic abzuholen. So saßen wir nun da, tranken unseren Tee, aßen unseren Reis und lachten über God's Plan, der doch immer wieder ein neues spannendes Abenteuer für uns bereithielt. Mico kam zurück, kurz nachdem wir das Essen beendet hatten und nahm seine eigene Mahlzeit zu sich, während ich schnell um die Ecke huschte, um mich umzuziehen. Die Sachen die ich trug, waren zwar weitestgehend trocken, es war aber dennoch ein besseres Gefühl etwas Frisches zu tragen. Wir bezahlten die Rechnung und machten uns bald auf den Heimweg. Es war spät, wir waren alle erschöpft und sehnten uns nach unserem Bett. 

In Musanze haben wir uns dem stärksten der fünf Vulkane des Volcanoes National Parks gestellt. Wir hatten uns gut darauf vorbereitet und waren in bester Verfassung, diese Schlacht zu beschreiten. Von acht Kriegern und Kriegerinnen erreichten zwei den Gipfel. Der Rest musste sich vorerst geschlagen geben. Ein Team-Erfolg bleibt es nichtsdestotrotz und auch wenn die meisten der Gruppe sich Muhabura erneut stellen möchten, verzichte ich gerne darauf. Ich habe meinen persönlichen Soll erfüllt und den Berg bezwungen. Meinen Stolz beschämt es ein wenig, dass ich beim letzten Teil meines Aufstiegs die innere Ruhe etwas verloren habe und nicht einmal in der Lage war, mir eigenständig die Jacken anzuziehen. Manche Siege sind eben glorreich, andere eher hässlich, doch auch wenn ich meinen in letztere Kategorie einordnen würde, so bin ich dennoch zufrieden. 

Ich bin in jeder Hinsicht sehr stolz und dankbar Teil dieser Chaos-Gruppe zu sein. Wie bereits das erste Mal, waren wir mit einer unerwarteten Herausforderung konfrontiert gewesen, als der Autoschlüssel verschwunden war. Erschöpft und unterkühlt hätte dieser Abend mit einer anderen Konstellation von Menschen ziemlich schnell in eine tiefere Kluft abrutschen können. Nicht jedoch mit Team-Titanic. Es gab keinen Augenblick in dem irgendjemand die gute Laune verlor. Ohne Umschweife wurde eine Lösung gefunden, an der alle gemeinsam mitgearbeitet haben. Eine aussichtslose Situation wurde so gedreht, dass sie als weiteres spannendes Abenteuer in die Sagen und Legenden von God's Plan eingeht. Fürs erste werden wir uns zurückziehen und unsere Wunden lecken, aber es ist noch nicht vorbei. Der nächste Riese wartet schon auf uns. Karisimbi ist der große Bruder aller anderen Vulkane in Ruanda und auch diesen sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber wir sind stark, wir sind motiviert und werden im Juli umso stärker zurückschlagen. 

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.

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