Die Sache mit dem Geld


Der Mai ist vorüber und mit dem Juni kommt eine neue Jahreszeit. Wobei Sommer und Winter hier in Ruanda natürlich eine geringere Bedeutung haben und Jahreszeiten nicht durch Kalt- und Warmzeiten, sondern durch Regen- und Trockenzeiten definiert sind. Allerdings lässt das aus meiner Sicht einiges an Interpretationsspielraum. Es regnet nämlich auch ordentlich während der Trockenzeit und in der Regenzeit hatten wir zum Teil einige Tage spottenden Sonnenschein, der nur darauf wartete, mir sein Brandzeichen auf die Haut zu brennen. Fair, es gab das ein oder andere Gewitter, das uns glücklicherweise den Baum vor unserem Büro noch nicht durchs Fenster geworfen hat. Doch abgesehen davon ist der einzige Unterschied, den ich zwischen Trocken- und Regenzeit so richtig dokumentieren könnte, dass uns seit einigen Wochen ein ordentlicher Wasserdruck beim Duschen das Badezimmer flutet, während ich mir zuvor die Haare, auf dem Boden kniend, mit einem Rinnsal waschen durfte. Bevor du jedoch verstehen kannst, was diese ganze Geschichte mit Geld zu tun hat, empfehle ich dir stattdessen aufs Dach zu steigen und Elektrizität in einer Plastiktüte einzufangen.

Ich tänzle ein wenig um das Thema herum, da ich drauf und dran bin, ein unausgesprochenes Tabu meines Heimatlandes zu brechen. Wir reden nicht über Geld. Ich rede nicht über Geld. Vielleicht ist es da, vielleicht nicht, vielleicht ist diese Person reich, vielleicht aber auch einfach nur clever in ihrer Secondhand Kleiderwahl. Grundsätzlich geht es niemanden etwas an, welche Lügen mir mein Kontostand erzählt, außer mich, meinen Geldbeutel und womöglich noch meine Finanzberaterin, die ich mir vielleicht, vielleicht auch nicht, leisten kann. 

Es lässt sich nicht leugnen, dass Geld heute ein essenzieller Bestandteil des Lebens ist, ohne welches man in der Gesellschaft nicht leben kann. Wobei es einem schon lächerlich vorkommen muss, dass ein abgenutzter Papierschein, eine fünf Gramm leichte Plastikkarte oder verpixelte Zahlen auf einem Bildschirm denselben Wert haben sollen wie ein Auto, ein Haus oder gar die Versicherung eines menschlichen Lebens. In einer globalen Gesellschaft ist ein quantitativ messbares Tauschsystem für den Handel, den Erwerb von Produkten und Dienstleistungen und somit das Stillen grundlegender Bedürfnisse des Menschen, allerdings unerlässlich. Geld beeinflusst Stände innerhalb eines Landes, sowie die Verteilung von Reichtum zwischen Staaten und Kulturen, was es zu einem relevanten Thema für meinen Blog macht. Insbesondere, da mich mein eigener finanzieller Status vor allem in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat. Also lass mich einen kurzen Atemzug tun, die Ärmel hochkrempeln und das Ungeheuer bei den Hörnern packen. Let's talk about money!

Wenn nicht anders angegeben, werde ich mich bei der Verwendung der Wörter "arm" und "reich" auf finanzielle Mittel beziehen. Im weiteren Sinne sind jedoch beides Adjektive, die relativ betrachtet werden können, in Abhängigkeit davon, welche Lebensqualitäten für ein Individuum bedeutungsvoller sind. 

Ich persönlich wurde in eine Familie hineingeboren, die weder von enormem Reichtum geprägt ist, noch am Rande der Armut lebt. Wir spielen im Grunde im stabilen Mittelfeld, wobei ich mir auch da nicht sicher sein kann. Meine Eltern sind schließlich Deutsche, folglich haben sie selten bis nie mit mir und meinen Geschwistern über ihr genaues Einkommen und die Ausgaben gesprochen. Ich bin in einem Haus von komfortabler Größe aufgewachsen (wofür ich auch meine Eltern hart arbeiten sehe) und habe zu meinem Geburtstag immer zufriedenstellende Geschenke bekommen. Ich habe lernen müssen, dass ich nicht alles haben kann, was ich will und anstatt schicke Fotos von exotischen Ländern zu präsentieren, habe ich nach den Ferien in der Schule stolz vom gemütlichen Familienurlaub an der deutschen Nordsee oder dem Besuch bei Verwandten im Westerwald erzählt. Für all das, was mir meine Eltern seit fast 25 Jahren ermöglichen, bin ich dankbar und habe bereits in der Schule angefangen für mein eigenes Geld zu arbeiten, um mir meine Träume weitestgehend selbst finanzieren zu können. Zu Beginn meines Studiums habe ich mir nebenbei drei Jobs organisiert, mein Auslandssemester wurde von einem Erasmus-Stipendium unterstützt und nach meiner Rückkehr habe ich das Vollzeit-Studium parallel zu einer Teilzeitstelle beendet. 

Ich wurde nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren und habe für meinen Unterhalt hart gearbeitet. Dennoch besitze ich alleine durch meine Herkunft etliche Privilegien, die mir einen weiten Vorsprung vor Leuten aus anderen Ständen und Ländern der Welt gegeben haben und auch heute nach wie vor Sicherheit bieten. Ich nehme das Gegebene nicht als selbstverständlich an und bin sowohl dankbar für alle Türen, die mir offen standen, als auch für jene, die ich selber zu öffnen lernen durfte. Wir ignorieren die Löcher in der Wand, wo ich versucht habe, mit dem Kopf durchzurennen. 

Damit sind wir wieder in der Gegenwart und stehen vor einer Frage, die mich schon eine ganze Weile belästigt: Wie genau quantifiziert man Armut oder Reichtum, im internationalen Kontext, auf ein einzelnes Individuum projiziert? Klar, wenn der Otto mit dem Privathubscharauber zur Schule gebracht wird, kann man davon ausgehen, dass es seinen Eltern ganz gut geht. Ebenso gibt es genug Menschen, die eindeutig nicht genug materiellen Besitz haben, um sich selbst, geschweige denn eine Familie zu versorgen. Doch dazwischen gibt es auch eine Grauzone. Mein Einkommen liegt, seitdem ich nach meinem Schulabschluss von zu Hause ausgezogen bin, unter der deutschen Armutsgrenze. Das würde bedeuten, dass ich seit sechs Jahren arm bin. Doch dieser Fakt wurde mir erst vor sechs Monaten klar, als ich ein YouTube Video gesehen habe und mich infolgedessen einmal darüber informiert habe.

Als Freiwillige bekomme ich aktuell zwar kein Gehalt, muss jedoch nicht für die Unterkunft bezahlen und auch für Essen und Transport zur Arbeit bekomme ich ein kleines monatliches Taschengeld als Unterstützung, von meiner Entsendeorganisation in Deutschland. Die Endlichkeit der mir zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel ist in meinem Kopf allgegenwärtig und mein innerer Taschenrechner läuft auf Hochtouren, wann immer ich Geld in irgendeiner Form ausgebe, unabhängig vom Betrag. Das bedeutet nicht unbedingt, dass meine Lebensqualität darunter leidet. Es macht die Vorurteile jedoch nicht weniger unangenehm, die mir hier in Ostafrika begegnen.

Ich bin in Ruanda, wo ich, wie auch in Deutschland, Zeugin von Armut und von Reichtum wurde. Durch die Arbeit unternehme ich viele Ausflüge aufs Land. Dort leben die Menschen oft in bescheidenen Lehmhütten, die über die Hügel Ruandas verstreut sind. Menschen hier sind unheimlich kreativ, was den Transport verschiedener Waren wie Lebensmittel und Möbel angeht. Was mechanisch irgendwie aufs Rad passt, wird darauf geschnürt und den Berg hoch gekarrt, unabhängig von Gewicht und Größe und es werden keine Ausreden gesucht, weshalb ein Auto oder sogar Anhänger nötig wäre. Aus dem einfachen Grund, weil diese Mittel nicht zur Verfügung stehen. 

Gestern Abend wurde ich von einer Bekannten eingeladen, sie zu einem Public Viewing des Champions League Finales zu begleiten, mit Tickets, die sie über die Arbeit bekommen hat. Dresscode: Casual chick. Was auch immer das bedeuten mag. Ein unheimlich schickes Event, gesponsort vom Bierhersteller Heineken, bei dem ich mir so unfassbar fehl am Platz vorkam.

Ende März war ich auf einer Art Gartenparty. Ich wurde von einem Kumpel spontan eingeladen, dessen Freund dort seinen Geburtstag feierte. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das eine Privatveranstaltung, oder eine Bar mit exklusivem Eintritt war, auf jeden Fall benötigten wir Tickets. Ein sehr luxuriöser Pool schmückte den Hinterhof und ein ordentlich gepflasterter Weg führte zur modern eingerichteten Bar, offen zum Pool hin und gefüllt mit Leuten, die dort saßen, lachten und sich unterhielten. In meinem Aufzug kam ich mir etwas schäbig vor, so wie sich die meisten Leute dort aufgebrezelt hatten. Als wir die anderen Gäste des Geburtstagskindes trafen, waren die meisten von ihnen bereits gut angetrunken. Wir setzten uns dazu und ich wurde sofort in verschiedene Unterhaltungen verwickelt. Aufgrund der Preise verzichtete ich darauf, mir ein Getränk zu kaufen. Einer meiner Sitznachbarn war ganz interessiert daran, sich mit einer Deutschen zu unterhalten. Ich war die erste weiße Person, mit der er sich jemals richtig unterhalten hatte, wie er mir erzählte. Überzeugt berichtete er davon, wie alle Weißen reich sind und für körperliche Arbeiten lieber andere Leute engagieren, als sie selber zu verrichten. Es war mir nicht möglich, mit dieser Person über etwas anderes zu reden, als die Privilegierung von Weißen. Selbst wenn wir uns nicht mehr unterhielten, wurden hin und wieder witzige Kommentare eingeworfen, wenn es zum Beispiel zu dem unerwarteten Ereignis kam, dass eine weiße Frau dabei half, einen Tisch wieder aufzustellen, nachdem das Tischbein weggeklappt war. Allerdings war das Einzige, das mich wirklich an diesen Sticheleien frustrierte, dass diese Person scheinbar keine Scherze machte oder mich ärgern wollte, sondern heiß und innig von den Aussagen überzeugt war, egal welche Bemühungen ich machte, um das Ganze zu relativieren. 

Insignifikant wie diese Begegnung gewesen sein mag, löste sie in mir doch etwas aus, das mich zuvor nur unbewusst, doch seit dem auch immer bewusster beschäftigte. Habe ich in der Privilegierung durch meine Herkunft überhaupt ein Recht darauf, genervt zu sein, wenn mich Leute auf der Straße nach Geld fragen, oder mir bei Markt und Moto höhere Preise angeboten werden? 

Ich bin sehr bedacht auf meine Ausgaben. Dennoch habe ich vor allem in den vergangenen Monaten viel Geld in Reisen durch Tansania und Kenia, sowie diverse Aktivitäten mit Freunden in Kigali investiert (was mich durchaus auch ein wenig bluten lässt). Den ganzen Spaß finanziere ich mir nicht durch mein monatliches Taschengeld, sondern aus den endlichen Rücklagen, die ich durch Arbeit über die Jahre habe ansparen können, insbesondere bei einem Farmjob während des ersten Corona-Lockdowns. Wie ist es jedoch mit meinem Gewissen zu vereinbaren, dass ich diese Dinge unternehme, während andere Freunde finanzielle Engpässe erleiden? Mit welchem Recht kann ich behaupten nicht genug Geld zu haben, wenn die finanzielle Lage von anderen doch so viel schlechter ist? 

Was für Luxusprobleme das doch sind mit denen ich mich hier herumschlage, ohne das eigentliche Armutsproblem anzusprechen. Um darüber zu berichten fehlt mir jedoch das nötige Fachwissen und ich würde nur weitere Vorurteile schüren. Zudem sehe ich es als eine nicht zu vernachlässigende Baustelle, dass der Reichtum aller Weißen so tief in den Köpfen der Menschen verankert zu sein scheint, unabhängig von ihrem eigenen materiellen Besitz. Es ist schwierig dieses Konfliktthema von meiner Position aus zu kritisieren, schließlich betrachte auch ich die Welt von meinem hohen Ross aus. Diese Gedanken mit der Öffentlichkeit zu teilen fühlt sich folglich eher wie eine Rechtfertigung meines Lebensstiles an, was durchaus nicht auszuschließen ist. Doch ich habe das Gefühl, es sollte angesprochen werden, sei es auch nur um ein Bewusstsein für interkulturelles Konfliktpotential zu schaffen.

Die Sache mit dem Geld ist ein Dilemma, mit dem man als weiße Person in Ruanda, aber auch in anderen afrikanischen Ländern (wie zumindest meine Erfahrungen aus Tansania und Kenia zeigen) konfrontiert wird. Möglicherweise teile ich diese Sorgen nur mit dir, um mir selbst zu bestätigen, wieso es in Ordnung ist, dass ich im letzten Monat schon wieder mein Budget gesprengt habe. Aber möglicherweise ist kultureller Austausch auch keine Einbahnstraße. Es gehört nicht nur dazu, Vorurteile über den globalen Süden, sondern auch über Menschen des globalen Nordens genauer unter die Lupe zu nehmen. Nicht alle Afrikaner sind arm und nicht alle Europäer sind reich. Diese Stereotype sind nicht nur Relikte aus dem Kolonialismus. Eurozentristisches Denken ist auch heute noch weltweit verbreitet und es wird nicht genug getan, um Animositäten zwischen globalem Süden und Norden auszuräumen.

Kommunikation funktioniert nur in beide Richtungen. Wenn wir die andere Seite verstehen wollen, muss ihr auch ein Einblick in unsere Perspektive gewährleistet werden. Das verstehe ich unter Augenhöhe und ist letztendlich auch der Grund, weshalb ich mich hier nackt ausgezogen und das Tabu der Rede über Geld gebrochen habe. 

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.

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