Die Kunst des Lebens
Ruandas Kultur ist stark von verschiedenen Kunstarten geprägt. Diverse Handarbeiten, Historik in moderner Straßenkunst und insbesondere Musik und Tanz sind bis heute tief verwurzelt in der Gesellschaft. Heute nehme ich dich mit in die unheimlich facettenreiche Kunstwelt, welche einem in allen Aspekten des Alltags begegnet.
Hand gewobene Körbe und Tonarbeiten, Perlenschmuck und Kitenge-Fashion, sowie Arbeiten aus Holz und Pflanzenfasern, zum Beispiel in Form eines Fußballs aus Bananenblättern, sind nicht nur traditionelle Kunstarbeiten. Es sind nützliche Aufbewahrungsmittel, Alltagskleidung und Werkzeuge, die weitestgehend auch heute praktisch überall noch Anwendung finden und aus dem alltäglichen Leben kaum wegzudenken sind. Ich persönlich habe mich sehr in die bunten und variationsreichen Ketten und Armbänder verliebt, die nicht nur von Touristen mit Stolz getragen werden. Auch den bunten Kitenge-Stoffen, die vorwiegend aus Tansania importiert werden, konnte ich nicht lange widerstehen. Bereits wenige Wochen nach meiner Ankunft in Kigali habe ich mir auf dem Markt in Kimironko einen solchen Stoff gekauft und mir bei einer Freundin von Claudette ein traumhaft schönes Kleid maßschneidern lassen. Und das auch noch zu einem sehr günstigen Preis, in Anbetracht der Tatsache, dass ich in Deutschland beinahe 100€ bezahle, nur um den Reißverschluss einer Jacke reparieren zu lassen. Kitenge wird in Ruanda (aber auch in Tansania und Kenia, wie ich auf meiner Reise gesehen habe) sehr verbreitet getragen. Hauptsächlich von Frauen, sowohl in der Stadt, als auch auf dem Land. Obwohl es hier zur Alltagskleidung gehört, habe ich mich bisher nicht getraut, mein neues Kleid anzuziehen. Wer mich kennt weiß, dass Röcke eher für besondere Anlässe in meiner Garderobe zustauben und ich bin einfach zu schüchtern, dieses Kleid ohne guten Grund zu entweihen.
Trommeln und andere handgemachte Instrumente findet man hier an vielen Schulen. Musik und Tanz ist in Ruanda ein so integraler Teil der Kultur, dass selbst ich, renomierter Körperklaus, mich dem Spektakel nicht immer entziehen kann. Zwar hat Ruanda selbstverständlich auch eine reiche Auswahl an modernen Tanz- und Musikstilen, doch die Tradition findet vor allem bei offiziellen Anlässen, wie etwa Hochzeiten, oft Anwendung.
Traditionelle Tänze sind dabei gespickt mit verschiedenen spirituellen Symbolen. Die zu einem V über dem Kopf ausgestreckten Arme stellen so zum Beispiel die Hörner der heiligen Kuh, Inyambo, dar, während das rhytmische Auftreten mit den Füßen die Kommunikation mit der Erde ermöglicht. Männer und Frauen haben zudem unterschiedliche Bewegungsmuster und Schrittfolgen. Ein Tanz für Männer, der Thomas und mir von Prosper in diesem Teil unseres Workshops vorgestellt wurde, kann beispielsweise in drei Abschnitte unterteilt werden: Gucunda (mit Freude schütteln), Gutemba (fließen) und Kugwa Munka (ins Feuer fallen). Für die Frauen gibt es zwei Abschnitte, mit verschiedenen Schrittfolgen: Umushagiriro (jubeln, anfeuern) und Gucurira Icumu (den Speer ausrichten).
Moderner Tanz und Musik in Ruanda ist weitgehend mit anderen afrikanischen Stilen vergleichbar. Einen großen Einfluss nehmen dabei Künstler aus Ländern wie Nigeria und Südafrika. Dennoch werden auch Stile aus anderen Teilen der Welt mit traditionellen Elementen aus Ruanda dekoriert und der eigenen Kultur einverleibt. So ist Kinyartrap die ruandische Version des amerikanischen Trap und Afrogako ist eine Mischung aus dem hier sehr beliebten westafrikanischen Musikstil Afrobeats und ruandischen Einflüssen.
So viel zum Theorieunterricht, doch man kann nicht über Bewegung und Handarbeiten sprechen, ohne auch selber Hand anzulegen. Das Imigongo hatte ich bereits in früheren Artikeln dieses Blogs erwähnt (Rwanda - Igihugu Cy'imisozi Igihumbi: Ethnographische Hintergründe). Dabei wird eine Leinwand, oder sogar ganze Wand, mit Kuhdung beschichtet und dieser in dekorative Muster geformt und mit in der Regel natürlich hergestellten Farben bunt angemalt. Nun war es an Thomas und mir, ein solches Kunstwerk auch selber zu erstellen.
Prosper hatte für uns einen Termin im Azizi Life Studio vereinbart, welches sich nicht weit entfernt von unserem Büro befindet. Die Kooperative hat noch weitere Standorte in anderen Teilen von Ruanda, wo über Handarbeiten wie Imigongo oder Korbwebereien auch andere Aktivitäten wie Kochkurse angeboten werden.
Bevor wir begannen mit Exkrementen zu spielen, bekamen wir noch einen kleinen Einblick in die Entstehungsgeschichte von Imigongo. Wie ein Prinz des Königreichs auf die Idee kam, den zur Dämmung, beziehungsweise als eine Art Putz verwendeten Kuhdung zu formen und anzumalen. Der Dung wird dabei mit Asche gemischt, da dies wohl nicht nur den Geruch neutralisiert, sondern auch gegen Bakterien und Keime wirken soll. Aufgrund der Ähnlichkeit der Muster zur menschlichen Wirbelsäule, nannten die Leute diese Kunst Imigongo (kiny. umugongo [Sg.; Pl. imigongo] = dt. „Rückgrat“ bzw. „Wirbelsäule“). Und dann machten wir uns an die Arbeit. Wir begannen mit Kreide unsere Ideen auf ein Holzbrett zu zeichnen. Mein Gehirn wählte natürlich, als Muster für mein erstes Imigongo, ein Gorillagesicht. Nicht über das ganze Brett, sondern schön filigran in einen kleineren Teil der Fläche, damit ich es mir extra schwer machte. Entsprechend brauchte ich auch eine Weile länger für meinen zerknautschten Gorilla. Prosper und Thomas, die im Gegensatz zu mir harmonische symmetrisch simple und ordentliche Kunstwerke erstellten, schickte ich irgendwann nach Hause. Sie mussten nicht mit ansehen wie ich den Kampf gegen den Kot unnötig in die Länge zog.Am nächsten Tag ging es darum, das verdaute Stroh in Gold zu verwandeln - beziehungsweise etwas goldähnliches. Mit Schleifpapier bearbeiteten wir die am Vortag erstellten und nun getrockneten Muster, um eine glattere Basis zum Auftragen der Farben vorzubereiten. Die Auswahl dieser Farben - nach zweifachem Auftragen des weißen Grunds - war für mich mal wieder eine spezielle Herausforderung, da ich es ja nicht so mit Entscheidungen habe. Besonders wenn sie keine existentielle Bedeutung haben. Glücklicherweise hatte ich mein Muster bereits mit einer bestimmten Farbidee im Kopf erstellt.
Ich schnappte mir also den schwarzen Behälter und begann mit zittrigen Händen und rasendem Puls die dunkle Flüssigkeit aufzutragen. Es ist gruselig mit schwarzer Farbe zu arbeiten, besonders in Nachbarschaft heller Flächen. Ein falscher Pinselstrich und es ist nahezu unmöglich, den Fehler wieder ungeschehen zu machen. Das sah man meinem Kunstwerk später auch an. Zwar bemühte ich mich am Anfang noch ganz penibel darum, die Linien in HD-Qualität zu erwischen. Doch spätestens als Thomas und dann auch Prosper wieder fertig waren und sich ins Wochenende verabschiedeten, wurde ich ungeduldig. Ich hatte endlich die Hälfte mit dem Gorillagesicht beendet - welches mittlerweile eher einer Genmutante aus Wildschwein und Chihuahua mit Aggressionsstörung ähnelte - als mir gesagt wurde, ich müsse die Farben zweimal auftragen. Ernüchtert protestierte ich, während sich der Pinsel in meiner Hand selbstständig daran machte, die zweite Schicht Schwarz auf das Brett zu kleistern. Ich machte mir schon keine Gedanken mehr darüber, welche Farben ich für die abstrakteren Muster verwenden sollte und schnappte mir einfach die nächstbesten Chemikalien, die in Reichweite auf dem Tisch standen. Aus zeitlichen Gründen, hatten wir für unsere Arbeit keine natürlichen Farben angerichtet. Auch die bunten Farben wurden zweimal aufgetragen, gefolgt von schwarzen Trennlinien. Doch spätestens hier ging es leider nur noch bergab. Meine Motivation war im Sturzflug, ich gab mir nicht mehr ausreichend Mühe, war dann im Anschluss unzufrieden mit dem Ergebnis und begann alles weiter zu verschlimmbessern.
Es dauerte mindestens eine weitere Stunde, bis ich endlich einsah, dass es keinen Sinn hatte weiter an den Linien herumzuschrauben. Ich gab auf, stellte das Imigongo auf die Fensterbank und versicherte, ich würde es nach dem Wochenende abholen. Es war mir nicht möglich nun auch noch die Geduld aufzubringen, zu warten, bis die Farben getrocknet waren.So negativ das alles klingt, war es alles nicht. Ich bin einfach eine unverbesserliche Perfektionistin was Dinge wie Zeichnungen und Malereien angeht und erwarte schon beim ersten Mal ein Werk wie Picasso abzuliefern. Doch das ist für mich das Spaßige an der Kunst: der Versuch aus wenig etwas Schönes zu schaffen. Und was ist ein besseres Beispiel dafür als aus Exkrementen wertvolle Wanddekoration zu kreieren? Für mich ist das der Inbegriff von Kreativität, mal abgesehen vom Nachhaltigkeitsaspekt aufgrund maximaler Ressourcenausschöpfung.
Ruandische Kunst ist untrennbar mit der Kultur verwoben und begegnet einem in allen möglichen Aspekten des alltäglichen Lebens. Nicht ohne Grund war einer der ersten Eindrücke, den ich bei meiner Ankunft Anfang des Jahres, hatte, dass Ruanda ein unheimlich buntes Land ist. Musik, die zum tanzen einlädt, originell geschneiderte Kleider und funktionale Kunst in Form dekorativ gestalteter Werkzeuge, Instrumente oder Möbelstücke eröffnen einem Werte und Lebensweisen einer reichen und langlebigen Kultur.
Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.










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