Medien(in)kompetenz
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Bereits bei unserer Ankunft wurden wir - mein Kollege Richard und ich -, von Obed begrüßt und ohne Umschweife in die traditionelle Hirtentracht gekleidet. Wir bekamen eine kurze Tour durch die kleine Hütte, wobei uns erklärt wurde, wie das Leben einer Familie hier ausgesehen hat (Um mehr über dieses Thema zu erfahren, schaue gerne mal bei meinem Artikel über ethnografische Hintergründe vorbei: Rwanda - Igihugu Cy'imisozi Igihumbi: Ethnographische Hintergründe). Uns wurde frisch geschüttelter Milchjoghurt in Holzkrügen mit Salz- und Süßkartoffeln, sowie in Flammen gebrannte Maiskolben serviert. Am Abend gab es dann mehr Essen in Form von Maniok mit Bohnen und Kürbis, alles an einem gemütlichen Lagerfeuer vor dem traditionell ruandischen Haus. Während wir kauten, beobachteten wir andere Besucher dabei, wie sie sich mit Freude - und auch recht erfolgreich - am Hochsprung und gemeinsamen Seilspringen beteiligten. Bei letzterem versuchte auch ich mein Glück. Dafür, dass ich das seit 15 Jahren nicht mehr getan hatte, würde ich sogar behaupten, habe ich es ganz gut hinbekommen. Abgesehen von den Sprunggeschichten, konnten sich die Schaulustigen auch im Stockkampf beweisen und die Damen durften sich als Braut ausgeben und sich in Stoff gehüllt von vier jungen Männern in einer Bahre zur Hütte tragen lassen. Auch ich wurde aufgefordert, einmal eine Hochzeit nachzuspielen, während mich die restliche Truppe singend und tanzend begleitete. Es war ein heiteres Event. Ruander und Kongolesen, die aus der angrenzenden Stadt Goma herüber schwemmten, um sich das Spektakel anzusehen, waren gleichermaßen entzückt von dieser kulturellen Darbietung. Erst am nächsten Tag sollte ich auf ein Thema aufmerksam gemacht werden, welches mich als Schreiberling schon seit meinem ersten Post aus Ruanda beschäftigt.
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Abbildung 1 |
In der Euphorie des Augenblicks hatte ich bereits am Abend Bilder und Videos vom Festival in meinen WhatsApp Status hochgeladen. Es dauerte nicht lange, bis ich amüsierte Kommentare von Freunden und Bekannten zu meinen Inhalten bekam. Doch dann machte mich eine Person auf etwas aufmerksam, das ich sowohl auf WhatsApp, als auch in meinem Blog in der Regel penibel versuche zu vermeiden. Ich wurde darauf hingewiesen, dass das Video, in dem ich als weiße Frau von vier schwarzen Männern getragen werde, ein wenig problematisch aufgefasst werden könnte. Zu Zeiten des Kolonialismus war diese Art der Fortbewegung bei weißen Unterdrückern nicht unbeliebt gewesen. Ein solches Video auf einer Social Media Plattform zu teilen, könnte als respektlos, beziehungsweise unsensibel erachtet werden. Mit dieser Erkenntnis entfernte ich das Video aus meinem Status. Da ein relativ großes Publikum es jedoch bereits gesehen hatte, schrieb ich einen kurzen Text, in dem ich knapp den Hintergrund des Events schilderte und mich entschuldigte, sollte ich jemandem zu nahe getreten sein. Damit war die Diskussion eröffnet.
Es gab verschiedene Reaktionen auf meinen neuen Post. Einige Menschen sendeten befürwortende Emojis, andere erkundigten sich empört, wer sich denn von dem gelöschten Video beleidigt gefühlt habe und warum. Letzteres machte mich selbst stutzig. Ich hatte nicht sehr tiefgründig darüber nachgedacht, als ich das Video postete, in dem ich getragen wurde. Doch die Kritik hatte ich ebenso unreflektiert hingenommen und den Beitrag wieder entfernt. Nun stand ich also vor drei Kernfragen:
- War der Inhalt meines WhatsApp-Posts angemessen, in Anbetracht des vorhandenen Kontexts?
- Was ist eigentlich die genaue Definition von "kultureller Aneignung" und "Kultursensitivität"?
- Und wer bestimmt diese Definitionen und entscheidet, wann etwas unter eine dieser Kategorien fällt?
1. Die Botschaft des Mediums
Wie erwähnt, zeigte das Video, welches ich auf WhatsApp hochgeladen hatte, wie ich von vier ruandischen jungen Männern auf einer Bahre getragen wurde, während die anderen Anwesenden uns singend und tanzend folgten. Betitelt hatte ich diese Aufnahme mit "I had a wedding [Braut-Emoji]" (dt.: "Ich hatte eine Hochzeit"). Im Anschluss war ein weiteres Video zu sehen, in dem eine andere junge Dame in der Bahre vor dem größeren Publikum auftreten durfte, mit der Unterschrift: "Then I was replaced [Lach-Emoji]" (dt.: "Dann wurde ich ersetzt"). Versuchen wir das Ganze jetzt einmal zu analysieren:
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Abbildung 2 |
Ich will mich hier gar nicht rechtfertigen, sondern versuche die Dinge lediglich so objektiv wie möglich zu beleuchten. Nach der Beweislage zu urteilen, würde ich folglich behaupten, der vorhandene Kontext sei ausreichend gewesen, um mich bei diesem Event von kolonialistischen Assoziationen zu differenzieren. Aber nur fast. Denn allein dass eine Person darauf aufmerksam wurde, zeugt davon, dass mir diese Differenzierung nicht gänzlich gelungen ist. Social Media, zu denen auch WhatsApp gehört, werden im Regelfall dazu genutzt, Inhalte möglichst schnell und ohne viel Aufmerksamkeit zu konsumieren. In diesem unaufmerksamen Scrollen kann der Kontext einzelner Posts leicht herausgefiltert werden, sodass nur noch das zentrale Element der weißen Frau zurückbleibt, die von vier schwarzen Männern getragen wird.
War der Inhalt meines WhatsApp-Posts in Anbetracht der geschilderten Hintergründe also angemessen? Meiner Meinung nach, ja. War das Medium, welches ich zum Teilen dieses Erlebnisses gewählt habe das Richtige? Offensichtlich nicht. Ich stehe also zu der Entscheidung, dass es gut war, das Video wieder zu entfernen.
2. Kulturelle Aneignung und Kultursensitivität
Dennoch war ich fasziniert von den verschiedenen Reaktionen, die ich im Anschluss erhielt. Positive Kommentare, in Form von fröhlichen oder dankenden Emojis, jedoch ohne viel Text, bekam ich von Leuten sowohl aus Deutschland, als auch aus Ruanda. Mit Verständnislosigkeit begegneten mir lediglich Freunde und Bekannte afrikanischer Herkunft und sie wollten wissen, was falsch daran sei, Interesse an ihrer Kultur zu zeigen.
Aufgrund dieser Empörung, fragte ich mich, ob ich den Entschuldigungstext nicht ebenfalls zu voreilig und unreflektiert geschrieben hatte. War die Identifizierung meines Vergehens als kulturelle Aneignung gerechtfertigt, oder war es doch eher kulturell unsensibel gewesen, das Video auf diese Weise zu teilen? Und was ist genau der Unterschied? Mir wurde bewusst, dass ich mir überhaupt nicht so bewusst über die Bedeutung mancher Begriffe bin, wie ich es eigentlich sein sollte.
Kulturelle Aneignung beschreibt die Übernahme von Elementen einer Kultur durch eine andere, meist dominantere. Die Bedeutung dieser Elemente wird dabei in der Regel oft missachtet, beziehungsweise wenig bis gar nicht respektiert [1, 2, 3, 4, 5].
Kultursensibilität bedeutet aufgeschlossen und respektvoll gegenüber einer anderen Kultur zu sein. Verständnis und Akzeptanz kultureller Unterschiede spielen dabei eine zentrale Rolle. Fehlendes Bewusstsein für die Besonderheiten einer anderen Kultur kann also als kulturell unsensibel angesehen werden [6, 7, 8, 9, 10].
[1] Kulturelle Aneignung - Wikipedia
[2] Kulturelle Aneignung: Definition, Beispiele | StudySmarter
[3] Cultural appropriation - Definition, History, Meaning, & Examples | Britannica
[4] Cultural Appropriation - Cambridge English Dictionary
[5] Cultural Appropriation - Definition and Explanation
[6] kultursensibel - Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft | Duden
[7] Kultursensibilität - Caritas Forum Demenz
[8] Cultural sensitivity - Wikipedia
[9] Cultural sensitivity - Definition and Explanation - The Oxford Review - OR Briefings
[10] Navigating Classroom Conflict: Cultural Insensitivity | Graduate College
Auf Grundlage dieser Definitionen kann man also sagen, dass es keine kulturelle Aneignung war, dass ich mich von den jungen Ruandern auf einer Bahre tragen ließ. Es war schließlich ein Event, welches mir ihre Tradition näherbringen sollte. Respektlos wäre es, wenn überhaupt, gewesen, wenn ich diese Einladung abgelehnt und mich dem guten Willen meiner Gastgeber verschlossen hätte. Kulturell unsensibel war es wohl zu einem gewissen Grad, da ich mir historisch kontroverse Assoziationen mit der Darstellung in meinem Post nicht bewusst gemacht habe. Andererseits ist es nicht kulturell unsensibel, an den Aktivitäten teilzunehmen, geschweige denn diese Tradition mit der Welt zu teilen. Denn wie kann man Aufgeschlossenheit demonstrieren oder eine Kultur verstehen, wenn man lediglich am Rande steht und das Ereignis von außen beobachtet?
Diese meine Analyse darf natürlich weder als unparteiisch, noch vollständig objektiv betrachtet werden. Dennoch würde ich argumentieren, dass weder meine Handlungen auf der Kivu Beach Expo, noch das Teilen meiner Erfahrungen mit Freunden und Bekannten, in ihrem Kern respektlos oder unsensibel gegenüber der Kultur waren. Stattdessen war es vielmehr ungeschickt, WhatsApp als Medium zur oberflächlichen Darstellung dieses Ereignisses zu wählen. Das Delikt ist also nicht das nicht-Respektieren einer Kultur, sondern mediale Inkompetenz.
3. Sensibilisierung oder Bevormundung?
Vor meiner Ausreise, Anfang diesen Jahres, nahm ich an interkulturellem Training teil, wo ich, zusammen mit anderen angehenden Freiwilligen, dafür sensibilisiert wurde, aufmerksam und reflektiert darüber zu entscheiden, was ich auf welche Weise mit Familie und Freunden in der Heimat teile. Das Sprache ein mächtiges Werkzeug ist, wenn es darum geht eine kollektive Denkweise zu formen, war für mich keine Neuigkeit. Dennoch wurde ich mir durch die Einheiten dieses zweiwöchigen Seminars bewusst wie sehr ich Floskeln, Phrasen und Alltagssprache trotzdem noch unterschätzt hatte.
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Abbildung 3 |
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Abbildung 4 |
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Abbildung 5 |
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Abbildung 6 |
Ich setze die Fragezeichen hier mit Absicht, denn ich habe von meinem hohen Ross aus wohl kaum ein Recht zu urteilen, ob sich jemand durch mein Video beleidigt fühlt oder nicht. Schließlich bin ich nicht die Betroffene. Ich fühlte mich durch die Kommentare ein wenig inspiriert neue Perspektiven auszuprobieren. Ganz überzeugt bin ich davon aber selber nicht. Versucht man nämlich die Assoziation mit dem Kolonialismus zu eliminieren und zu ersetzen, würde man sich in gewisser Weise schuldig machen, diesen Teil der Geschichte zu verdrängen, kleinzureden, oder gar zu leugnen. Man sollte sich in jedem Fall immer gut überlegen, was man mit der Welt teilt, wie man es teilt und auch wo man es teilt. Letztendlich kommt es doch immer auf den Kontext an.
Fazit
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Abbildung 7 |
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Abbildung 8 |
Ich weiß selber nicht genau, wo ich mit diesem Artikel hinwollte. Meine "Infragestellung" überzeugt nicht einmal mich selber vollständig, da ich fest der Überzeugung bin, man sollte immer genau darauf achten, was man wie veröffentlicht. Dabei muss man sich bewusst sein, dass nicht jeder der Rezipienten denselben Wissensstand hat und Inhalte unterschiedlich aufgenommen werden. Fehler können jedem passieren, aber dann muss man sie auch klarstellen. Der Text erschien mir allerdings zu einseitig, zu moralisch korrekt und in meinem Kopf kam ich mir vor wie die Streberin, die im Schulgebäude den anderen Schülern hinterherruft, in den Gängen dürfe nicht gerannt werden, um sich bei den Lehrkräften einzuschleimen. Ich hatte allerdings schon zu viel geschrieben, um abzubrechen und folglich bin ich jetzt hier angekommen mit verwirrenden Denkansätzen, die ich nicht zufriedenstellend zu Ende formulieren kann. Die verschiedenen Reaktionen auf meinen Post empfand ich als sehr spannend und dachte, darüber könnte man wohl gut diskutieren. Jedoch nicht im Kopf einer einzelnen Person mit festgefahrener Meinung, sondern besser in einer Gruppe Menschen verschiedener Hintergründe und Ansichten. Setzen wir das also fürs Erste auf die Bucket-List für mein zukünftiges Ich. Dir rede ich jetzt einfach ein, das Ganze soll meinen Lesern und Leserinnen ein wenig Gedankenfutter liefern, um sich etwas intensiver mit reflektierter Mediennutzung im Alltag auseinanderzusetzen.
Bildbeschreibungen für mobile Endgeräte:
- Der nachgestellte Hochzeitszug trägt mich in der Bahre zur Hütte, um mir diese Tratition so authentisch wie möglich zu demonstrieren.
- Félix‑Jean Gauchard, 19. Jhd., "Travelling in Madagascar"; Ein Mann in Madagaskar wird in einer Sänfte auf den Schultern von vier Männern getragen. (https://wellcomecollection.org/works/qsdqfqe6, 23.07.2025, 10:20)
- Delegierte der deutschen Partnerstadt des Distrikts Kirehe waren zu Besuch in Ruanda. Sie besichtigten Projekte, besprachen zukünftige Zusammenarbeit und hatten bei der Gelegenheit auch Geschenke für ihre Partner mitgebracht. Zu denen gehörte unter anderem auch das Early Child Development Center (ECD), Kigina, für welches es neue Spielsachen gab.
- Eine Freundin der STW Gruppe zeigt Kindern, die wir unterwegs treffen, die Bilder, die sie von ihnen geschossen hat.
- Eine Baustelle beim Kimisagara Markt, in der Nähe meiner aktuellen Unterkunft. Zu sehen ist der Stand des Hausbaus bei meiner Ankunft im Januar. Mittlerweile ist es augenscheinlich fast fertig und steht solide und anmutig mehrere Stockwerke hoch.
- Da wir keine Waschmaschine haben, habe ich zu Beginn immer von Hand meine Klamotten gewaschen. Mittlerweile nutze ich meistens die Maschine der Jumelage, habe aber auch Freunde, die mir bereits angeboten haben, dass ich ihre Maschine verwenden kann.
- Auf einer Wanderung mit STW kamen wir an ein paar Hütten vorbei. Die Eltern beobachteten uns von der Haustüre aus, während die Kinder draußen zwischen den Bananenbäumen spielten.
- Beim Abbiegen ist das Auto in die Abflussrinne für Regenwasser am Straßenrand geraten. Da das Auto jedoch Allradantrieb hat, konnte es sich schnell wieder, unter Anweisungen eines hilfreichen Passanten, befreien und zog weiter seines Weges.
Es ist nicht einfach zu schreiben und dabei die Masse an verschiedenen Hintergründen und Meinungen aller Leser und Leserinnen zu berücksichtigen. Ich sehe es in meiner Verantwortung und bemühe mich immer so neutral, transparent und aufgeschlossen wie möglich über meine Erfahrungen in Ruanda zu berichten. Doch auch ich bin ein subjektives Wesen, mit meinen eigenen Ansichten, Werten und Normen, geprägt von meinem Umfeld wie jeder andere Mensch auch. Konstruktive Kritik ist daher essentiell, um Fehler zu erkennen, mein eigenes Verständnis zu verbessern und dir einen sichereren Raum zum Lesen bieten zu können.







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