Ruandas Grüner Daumen

Tausend Hügel erheben sich aus dem Morgennebel, wenn man Kigali verlässt. Bedeckt mit Grün, soweit das Auge reicht, werden sie lediglich von vereinzelten Flecken braunen Ackerlands unterbrochen. Wir begeben uns in die Nordprovinz Ruandas. Saftige Gräser erstrecken sich über mächtige Hügelketten, die von den Lehmhütten ihrer Bewohner geschmückt werden. Majestätisch thronen die fünf Vulkane über Musanze, deren Gipfel, in Wolken gehüllt, lediglich den heimischen Berggorillas, sowie tapferen Wanderern, die sie bezwingen, ihr Gesicht offenbaren. Unsere Reise führt uns in Richtung Westen nach Nyabihu und Rutsiro, wo idyllische Hügellandschaften in den Kivusee rollen, der in diesem Teil Afrikas einem Ozean gleichkommt. Kühe und Schafe begegnen uns unterwegs und aus den Wäldern Gishwati's beobachten uns Schimpansen und andere Primaten, von uns jedoch unentdeckt. Wir kommen nach Nyungwe im Süden des Landes. Mystische Urwälder erstrecken sich kilometerweit über das Land und bieten ebenfalls Schutz für unsere nächsten Verwandten. In der Ostprovinz, klingen die tosenden Wellen der Landschaft zu einem sanft schwingenden Meer aus grünem Gras- und Farmland ab. In Akagera sonnen sich Löwen in der Savanne. Zebras, Giraffen und Gazellen beobachten uns vom Wegesrand, während Elefanten uns den Weg zum Wasser zeigen, in dem sich die Flusspferde abkühlen. Unsere Reise findet ein Ende, doch Ruanda's Reise in Sachen Naturschutz hat gerade erst begonnen und befindet sich auf dem aufsteigenden Ast. 

Wie die meisten Länder der Erde waren auch die Flächen Ruandas einmal zum größten Teil mit Wäldern bedeckt. Und wie die meisten Gebiete, die von Menschen besiedelt wurden, litt auch Ruanda unter Abholzung und verzeichnet heute weniger als 30% Waldflächen. Doch das Land ist diesem Problem gegenüber nicht ignorant und hat in den vergangenen Jahren große und vereinzelt drastische Schritte zum Umweltschutz unternommen.

Ruanda gilt grundsätzlich als sehr sauberes Land, insbesondere innerhalb Afrikas. In allen Ecken und Winkeln des Landes, auch in ruraleren Regionen, begegnen einem überall kommunal angestellte Leute, meistens Frauen, die die Straßen, Städte und Dörfer bis aufs Gründlichste reinigen. Seit 2008 sind Einweg-Plastiktüten verboten. Stattdessen bekommt man in allen Geschäften und kleinen Shops Papiertüten, um seine Einkäufe einzupacken. Diese werden wiederum in einigen Haushalten - so auch bei mir - im Anschluss als Mülltüten genutzt. In Städten werden vermehrt Solarpanele verwendet und in Kacyiru, Kigali, gibt es das Green City Pilot Projekt. Dabei wird eine spezielle Gegend in der Stadt errichtet, um Ideen für zukünftig grünere Städte zu testen. Dazu gehören unter anderem die Nutzung von Sonnenenergie, das Sammeln von Regenwasser und die Errichtung umweltfreundlicher Häuser - auch wenn ich bei letzterem nicht sagen kann, was genau das bedeutet. Das Jagen in Ruanda ist verboten und die Wiederaufforstung ein gesamtstaatliches Projekt, welches sich das Land zum Ziel gesetzt hat. Selbst in Kigali werden hierfür ausgewählte Flächen wieder mit Bäumen bepflanzt. Die Wälder von Gishwati, in der Westprovinz, sind ein Paradebeispiel dafür, welche Erfolge dieses Unterfangen bereits erzielt hat. Bis in die 2000er war der Wald bis auf eine sehr kleine Fläche geschrumpft, mittlerweile kann man den neu angelegten Dschungel nicht mehr vom Urwald unterscheiden. Zudem ist die Abholzung Privatpersonen oder Unternehmen strengstens untersagt. Lediglich einige wenige Hersteller für Holzkohle haben eine spezielle Genehmigung Bäume zu fällen.

Ruanda hat vier Nationalparks. Der jüngste des Quartetts ist Gishwati-Mukura in Rutsiro, nahe des Kivusees. Er wurde der Sammlung bereits bestehender Nationalparks 2015 hinzugefügt und ist für seine große Biodiversität bekannt. In der Südprovinz findet sich Nyungwe, bestehend aus dichtem Regenwald. Der Park wurde 2004 zum Nationalpark erklärt und ist nicht nur Heimat verschiedener Primatenarten, sondern einstmals auch anderer Tierarten. Durch die Wiedereinführung ehemaliger Bewohner wie Waldelefanten und Gorillas in Nyungwe, soll in der Zukunft das ökologische Gleichgewicht der Region wieder hergestellt werden. Akagera im Osten des Landes besteht bereits seit 1934. Der Park grenzt über den Kagera-Fluss an Tansania an und bietet der heimischen Fauna Schutz vor Wilderern. (Fun Fact am Rande: Der Kagera mündet in den Victoriasee und gilt als der längste Quellfluss des Nils.) Zu den Bewohnern Akageras gehören nicht zuletzt alle Mitglieder von Afrikas Big Five: Elefanten, Löwen, Leoparden, Nashörner und Büffel. Der Älteste von Ruandas vier Nationalparks ist mein persönlicher Lieblingsort und feiert dieses Jahr seinen 100-jährigen Geburtstag. Der Volcanoes National Park in Musanze, Nordprovinz, bietet einen sicheren Hafen für die gefährdeten Berggorillas, sowie weitere Tiere zu denen auch Bergelefanten und Büffel gehören. 

Umusambi Village ist ein kleinerer Park im Osten Kigalis, der zu dem Zweck angelegt wurde, um aus der Gefangenschaft befreiten Graukronenkranichen ein Zuhause zu bieten. Aufgrund ihres eleganten Aussehens waren sie lange Zeit beliebte Gartendekoration, der die Flugfedern entfernt wurden, um sie an das Grundstück zu binden. Nachdem die Haltung dieser Vögel illegal wurde, wurde für sie ein ehemals zerstörtes Feuchtgebiet wiederhergestellt und ist abgesehen von verschiedenen Vogelarten heute ein Zuhause von mehr als siebzig heimischen Pflanzen. Trotz der Nähe zur Großstadt, ist man in dem Park in einer anderen Welt angekommen. Grüne und blühende Vegetation umgibt dich, stolze Kraniche marschieren durch hohe Gräser, während die Stille dieses Ortes dir ein angenehmes Lied singt. Wir (Prosper, Thomas und ich), verbrachten bei unserem Ausflug im Zuge des Kulturworkshops, über eine Stunde auf der Plattform im Zentrum des Parks und genossen die Ruhe und den Frieden. Eine willkommene Abwechslung von der immerzu geschäftigen Stadt. Das Team um Umusambi Village setzt sich überdies dafür ein, den Menschen die Notwendigkeit des Umweltschutzes durch verschiedene Events und Outreach-Programme, insbesondere für Schulkinder und Jugendliche, näher zu bringen.

Nichts ist perfekt und auch Ruanda hat noch Potential seine Bemühungen zur Erhaltung unserer Umwelt weiter auszubauen. Gemeinschaftsprojekte wie diverse Frauengruppen, Jugendprojekte und lokale Bauerninitiativen haben den Umweltschutz zum Ziel. Auch Umuganda ist eine international angesehene Tradition, bei der die Gemeinde einmal im Monat zusammenkommt und aufräumt (Mehr dazu erfährst du in einem zukünftigen Artikel). Wenn man jedoch auf das Individuum heranzoomt, so besteht oft eine andere Mentalität, als wir es womöglich aus Deutschland gewöhnt sind. Es kann zwar von jeder Person geahndet werden, wenn man jemanden dabei beobachtet, wie er oder sie Müll, insbesondere Plastik, einfach so auf die Straße oder in den Wald wirft. Sind allerdings keine Ordnungshüter in der Nähe, so macht man sich nach meinen Beobachtungen oft nicht die Mühe einen Mülleiner aufzusuchen, oder den eigenen Abfall einzustecken und mitzunehmen. Man ist sich hier allem Anschein nach den Sanktionen durch Verschmutzung bewusster, als der Gefahr durch Mikroplastik auf die Umwelt. Motorisierte Fahrzeuge werden oft nicht abgeschaltet, auch wenn man lange an einem Ort steht, sodass weiter Emissionen in die Umwelt gepumpt werden, private Mülltrennung gibt es nicht und auch das Tierwohl hat hier einen geringen bis gar keinen Stellenwert. 

Bei all dieser Kritik muss jedoch erwähnt werden, dass es einfach ist, von meiner privilegierten Position auf Leute herabzublicken, die einfach in einem anderen Umfeld mit anderen Prioritäten aufgewachsen sind. Zudem sind alle von mir aufgeführten Punkte Dinge, die auch in Europa nicht aus dem Nichts entstanden sind. Ein Bewusstsein für die Erhaltung der Umwelt entwickelt sich, wenn man die Kapazitäten dafür hat und aus meiner Sicht ist Ruanda bereits auf bestem Weg dahin. Umusambi Village ist ein gutes Beispiel für eine Organisation, die die Aufklärung der Bevölkerung anstrebt, angefangen bei den Jüngsten. Mülltrennung gibt es zwar nicht in einzelnen Haushalten. Jedoch gibt es Angestellte, die jede Woche den Hausrat nicht nur abholen, sondern auch vor Ort bereits sortieren. Zudem sind Partner, mit denen wir bei der Jumelage zusammenarbeiten, durchaus offen für Vorschläge, wie wir das Wohlbefinden ihrer Nutztiere verbessern können, damit sie ein gesünderes und insgesamt angenehmeres Leben führen können. So hat unsere Bauabteilung bei der Jumelage, auf meinen Vorschlag hin, ein Projekt gestartet bei dem sie mit einer inklusiven Partnerschule einen größeren und interaktiveren Kaninchenstall für ihre Zucht- und Therapietiere entwickeln.

Das Wohl der Umwelt ist in Ruanda kein vergessenes Thema. Das Land setzt sich sehr dafür ein, seine bestehende Artenvielfalt zu schützen, sowie die verlorene Natur zurückzugewinnen. Zwar fehlt nach meinen Beobachtungen auf individuellem Level noch das Bewusstsein für die Umwelt, einfach aufgrund dessen, dass Menschen in einem anderen Umfeld aufwachsen. Auf Gemeinschaftsebene, sowie im nationalen Kontext werden allerdings große Bemühungen gemacht, das zu ändern und Maßnahmen zur Erhaltung unseres Lebensraumes sind resolut und effektiv. 

Es ist nicht einfach zu schreiben und dabei die Masse an verschiedenen Hintergründen und Meinungen aller Leser und Leserinnen zu berücksichtigen. Ich sehe es in meiner Verantwortung und bemühe mich immer so neutral, transparent und aufgeschlossen wie möglich über meine Erfahrungen in Ruanda zu berichten. Doch auch ich bin ein subjektives Wesen, mit meinen eigenen Ansichten, Werten und Normen, geprägt von meinem Umfeld wie jeder andere Mensch auch. Konstruktive Kritik ist daher essentiell, um Fehler zu erkennen, mein eigenes Verständnis zu verbessern und dir einen sichereren Raum zum Lesen bieten zu können. 

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