Von Freizeitaktivität zu Profisport
Es ist für niemanden eine Neuigkeit, dass Sport nicht nur der körperlichen, sondern auch der mentalen Gesundheit viele Vorteile bringt. Verbesserte Muskelkraft und Ausdauer, Koordination und Balance, gesteigertes Selbstwertgefühl und bessere akademische Leistungen, sowie Sozialkompetenzen und Kommunikation, sind nur ein paar wenige Beispiele was körperliche Aktivität einem Individuum bringen kann. Doch auch auf gesellschaftlicher Ebene hat Sport eine große Reichweite, um Gruppen von Menschen zusammenzubringen und in weitestgehend friedlichem Wettkampf ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Diesen Effekt machten sich bereits die alten Griechen zu Nutze, indem sie alle vier Jahre die Olympischen Spiele veranstalteten und das war auch der Grund, weshalb sie nach hunderten von Jahren wiedereingeführt wurden (1). Doch nicht nur Europa hat eine alte Vergangenheit im Bezug auf Sport.
Zu traditionellen Sportarten in Ruanda gehören vorwiegend Hochsprung, Stockkampf und Fußball. Bei letzterem (Umupira w'Amaguru) ist es ein wenig unklar, ob dieser Sport von den Europäern in das Land gebracht wurde, oder ob die ruandische Version mit einem Ball aus Bananenblättern bereits vorher über den Hügeln Kindern und Erwachsenen Freude gebracht hat. Hochsprung (Gusimbuka Urukiramende) galt als eine Disziplin in der junge Männer ihre Agilität und Stärke demonstrieren konnten, indem sie über gestapelte Gegenstände, beziehungsweise einen horizontal montierten Stock sprangen.
Als Beweis von Stärke und Männlichkeit galt es sich im Stockkampf (Kwerekana Ubugabo) zu behaupten. Abgesehen von körperlicher Geschicklichkeit und Mut, hatte diese Aktivität zudem den praktischen Nutzen, dass Hirten so trainieren konnten, um im Ernstfall ihre Kuhherde zu verteidigen. Hochsprung und Stockkampf in der traditionellen Form finden heutzutage nicht mehr als groß aufgelegter Wettkampf statt, wie es früher der Fall war. Dennoch kann man diese Disziplinen auch heute noch zum Spaß an der Freude ausführen. Ich selbst hatte bereits mehr als einmal die Gelegenheit, als ich die Partner meines Heimatdorfs in Rutsiro besucht habe. Das Team um das Bitenga Basecamp stellt diese Aktivitäten nicht nur zur Show, sondern bietet den Besuchern auch die Gelegenheit sich selbst auf die Probe zu stellen.In unserem aktuellen Zeitalter, hat auch Ruanda viele der international beliebten Sportarten für sich entdeckt. Außer Fußball sind auch Basketball und Volleyball sehr beliebt und alle drei haben in Kigali jeweils ein großes Stadium für nationale und internationale Wettkämpfe. Doch auch in anderen Städten des Landes, wie Huye und Gisenyi gibt es Stadien, die regelmäßig Spiele auf nationaler Ebene, aber auch zwischen anderen ostafrikanischen Mannschaften abhalten. Das Amahoro Stadion wurde in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut und entspricht jetzt Fifa-Standards, sodass dort auch internationale Spiele abgehalten werden können. BK Arena ist nicht nur die größte Indoor-Arena in Ruanda, sondern in ganz Ostafrika. Neben einer Kulisse für wichtige Basketballspiele, bietet sie zudem eine Bühne für Konzerte, wie zum Beispiel das jährlich stattfindende Move Africa Festival. Das Volleyball Satidon Petit-Stade ist, wie der Name schon impliziert, der kleine Bruder in diesem Trio. Alle drei Stadien wurden nebeneinander in Remera errichtet, nicht allzuweit vom Kigali Airport entfernt. Von hier starteten auch die ersten Rennen der Individual Time Trials der diesjährigen UCI Rad-Weltmeißterschaft. (2)
Schon eine ganze Weile lang hat sich Ruanda Schritt für Schritt immer weiter zu einer Fahrradnation auskristalisiert. Das Rad ist hier nicht nur ein Sportgerät, sondern ein tägliches Transportmittel für Menschen, Möbel und Lebensmittel. Seitdem die ursprünglich auf lokaler Ebene veranstaltete Tour de Rwanda 2009 offizielle Anerkennung von der Union Cycliste Internationale (UCI) erhielt, erschien Ruanda als Radsportnation auch das erste Mal auf der internationalen Bühne. Dem Sahnehäubchen wurde schließlich noch die Kirsche aufgesetzt, als Ruanda dieses Jahr im September die Weltmeisterschaft austragen durfte. Es markierte das erste Mal in der Geschichte der UCI, dass dieses Event auf dem afrikanischen Kontinent stattfand und ich war hautnah dabei, wie Ruanda dem internationalen Publikum ein unvergessliches Erlebnis bescherte.
Bereits einen Tag bevor die ersten professionellen Athleten und Athletinnen auf ihr Zweirad stiegen, bekamen die Sportsfreunde in Kigali die Möglichkeit selbst einmal die vorgesehene Strecke zu testen. Was für ein Spektakel das war! Mit Iddi und Mico schwang ich mich an jenem Samstag aufs Rad und kämpfte mich über Kigalis erbarmungslose Hügel kraxelte den steilen Hang hinter dem Golf-Club Gelände hinauf, wo ich sonst immer joggen gehe, und gab mir auf den letzten Metern noch den respektlosen Anstieg auf Kopfsteinpflastern in Kimihurura.
Und weil's so schön war, noch einmal! Eine Ehrenrunde drehte ich noch und da die meisten Fahrer nach der ersten Runde Feierabend machten, genoss ich dieses Mal absolut leere Straßen. Keine Autos oder Motos, keine Fahrradfahrer, nur ich, mein Fahrrad und der Asphalt der in der Sonne glitzerte und gelegentliche Fußgänger die mich vom Straßenrand beobachteten oder ihren täglichen Aufgaben nachgingen. Soviel zu meiner Aussage vom Anfang des Jahres, ich wolle im hügeligen Ruanda kein Fahrrad fahren.
Am nächsten Tag waren dann die Profis an der Reihe. Die ganze Woche fanden jeden Tag ein oder zwei Rennen statt. Athleten flogen über Ruandas Hügel als säßen sie auf einem e-Bike und sprinteten die Steigungen hinauf an denen ich selbst quälend langsam empor gekrochen war. Man hat eine ganz andere Anerkennung für die Leistung dieser Sportler und Sportlerinnen, wenn man weiß wie sich dieselbe Strecke anfühlt. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf den meisten Straßen Ruandas liegt bei 60 km/h, mit ein paar wenigen Ausnahmen bei denen man 80 km/h fahren darf. Zu jeder anderen Zeit hätten die Fahrer und Fahrerinnen der UCI Weltmeisterschaft einen Strafzettel verdient, wenn sie mit annähernd 100 km/h durch die Stadt rasten.
Abgesehen davon, dass es auch vom Straßenrand sehr aufregend war ein Spektakel wie dieses zu beobachten und die mir mittlerweile vertrauten Straßen Kigalis im Fernsehen zu sehen, war es angenehm Athlet*innen, Kommentator*innen und Zuschauer*innen so über das Land schwärmen zu hören. Hier verweise ich gerne wieder auf den Anfang dieses Artikels zurück, wo ich den gesellschaftlichen Nutzen von Sport erwähnt habe. Aus meiner Sicht war dieses Event so wichtig, nicht unbedingt nur für Ruanda, sondern für ganz Afrika, um der Welt auch diese Seite des Kontinents zu zeigen. Ruanda selbst hatte seinen Moment zu glänzen und war brilliant. Saubere Straßen, Sicherheit, logistisch fehlerfreie Exekution und Zuverlässigkeit, sowie die Gastfreundlichkeit zahlreicher Helfer und Helferinnen, haben die diesjährige Weltmeisterschaft der UCI zu einem vollen Erfolg gemacht.
Sport hat in Ruanda, besonders in Kigali, einen höheren Stellenwert, als ich vor meiner Zeit hier gedacht hätte. Eine Sorge, die ich vor jeder langen Reise ins Ausland habe ist, ob ich in der Lage sein werde meine Sportroutine beizubehalten und in meinen neuen Alltag einfließen zu lassen. In diesem Fall war es mir sogar möglich mehr als das zu erreichen. Durch regelmäßiges Wandern habe ich meine besten Freunde und Freundinnen in Ruanda kennengelernt und bereits drei der fünf Vulkane erobert, inklusive des höchsten Berges des Landes. Zudem hat die Teilnahme am Kigali Peace Marathon 2025 - hier bin ich erstmal nur den Halbmarathon gelaufen - ein neues Feuer in mir entzündet und mich dazu inspiriert, auf die vollen 42 km nächstes Jahr hin zu trainieren. Nichts und niemand hat mich zuvor in meinem Leben dazu motivieren können.Im Gegensatz zu Sportclubs, wie wir sie in Deutschland en-masse in jedem kleinen Hinterwäldler-Dorf haben, treffen sich die Leute hier in Kigali oft auf privater Basis um Sport zu treiben. Außer Steps to Wellness, gibt es noch andere Wandergruppen, die jedes Wochenende die Hügel der Stadt bezwingen. Zudem bin ich seit ein paar Wochen Mitglied in einer Radgruppe, die sich Bike Lovers nennt, sowie eine andere Gruppe die zweimal die Woche laufen geht. Jedoch habe ich kein eigenes Fahrrad und jogge lieber alleine oder mit maximal ein, zwei Freunden, daher bin ich jeweils nur in den WhatsApp Gruppen existent. Ich weiß jedoch dass es außer diesen noch weitere Gruppen gibt die sich privat treffen um sich an verschiedenen Sportarten zu vergnügen. So sehe ich oft, wenn ich Sonntag Morgens auf dem Weg zum Wandern durch die Stadt komme, eine größere Truppe an Leuten am Straßenrand, die Liegestütze auf dem Gehweg pumpen.
Es gibt zahlreiche Fitnessstudios in Kigali und aus eigener Recherche weiß ich, dass es auch einige Clubs für diverse Kampfsportarten gibt. Karate, Kung Fu, BJJ, Judu, ... you name it. Ich habe mich bereits in BJJ und Karate versucht. Leider konnte ich mich bis jetzt für keine Option wirklich entscheiden, da die Gebühren recht hoch sind und meine Arbeit Flexibilität erfordert, durch die ich vermutlich nicht das volle Angebot einer Mitgliedschaft nutzen könnte. Generell gilt jedoch: Wenn man selbst Sport-Fanatiker ist wird man zumindest in Kigali mit Sicherheit Gleichgesinnte finden, mit denen man seine körperliche und seelische Gesundheit instand halten kann, ohne hohe Club-Gebühren zahlen zu müssen. Auf dem Land sieht das ganze verständlicher Weise etwas anders aus. Klar, woimmer man etwas hat, das sich kicken lässt wird Fußball gespielt und Fahrräder sind im ganzen Land zu finden. Jedoch fehlt oft die Infrastruktur, Bälle sind teuer in Ruanda und Räder werden außerhalb der Stadt aus meiner Perspektive vorwiegend als Transportmittel verwendet. Sport hat im Alltag der Menschen oftmals keine Priorität, insbesondere wenn die Leute auf dem Feld arbeiten und somit ohnehin bereits den ganzen Tag körperliche Arbeit verrichten. Dies ist verständlich, jedoch kommt es so leider auch an Schulen leichter zur Vernachlässigung von körperlicher Aktivität, insbesondere an Zentren für Kinder mit Beeinträchtigung. Eine Kluft, die auch meiner Kollegin Jane vor einer Weile aufgefallen ist und aufgrund derer wir mit der Ausarbeitung und Vorbereitung eines neuen Projekts für unser Sugira Network begonnen haben. Dieses Unterfangen hat einen großen Beitrag in meiner Entscheidung geleistet, den Freiwilligendienst zu verlängern.
In dem Projekt sollen Erzieher und Lehrkräfte unserer Partnerzentren nicht nur über die Notwendigkeit von Sport für beeinträchtigte Kinder aufgeklärt werden. Sie sollen überdies eine ausführliche theoretische und praktische Schulung bekommen, welche Sportarten für welche Behinderungen geeignet sind, wie diese eingeführt und umgesetzt werden und wie man die Kinder in einem sicheren Umfeld dafür begeistert. Wo Material und Infrastruktur benötigt wird, möchten wir dies ebenfalls unter Abstimmung mit dem deutschen Geldgeber, zur Verfügung stellen. Auch die Eltern sollen sensibilisiert werden und unser Ziel ist es, dass wir in der Zukunft Wettbewerbe zwischen den verschiedenen Zentren organisieren können. Unterstützt werden wir in dem Projekt von einem Gentleman, der viele Jahre für Special Olympics gearbeitet hat und viel professionelle Erfahrung, sowie Kontakte in dem Gebiet hat. Aktuell arbeiten wir am Finanzierungsplan für das Projekt, denn der Antrag muss bis Ende dieses Monats abgeschickt sein. Ich persönlich hoffe sehr, dass ich die Durchführung dieses Unterfangens während meiner Zeit in Ruanda noch erleben darf.
Sport fördert nicht nur individuelle körperliche und mentale Gesundheit, sondern verbindet Menschen weltweit, inspiriert dazu Konflikte im freundschaftlichen Wettbewerb fallen zu lassen und die Sorgen der Welt für eine Weile zu vergessen. Dieses Bewusstsein besteht in Deutschland wie in Ruanda gleichermaßen, doch haben beide Länder verschiedene Ansätze den Sport im Alltag der Menschen zu verankern. Ich persönlich wurde neben meinen Eltern von Sportclubs großgezogen, habe wahrscheinlich mindestens 50% meiner Kindheit auf verschiedenen Sportplätzen und Wettbewerben verbracht und habe viele der besten Freundschaften meiner Jugend in meinem Hockeyteam geschlossen. Ich liebe es, dass man in Deutschland in jedem noch so kleinen Kartoffeldorf die Möglichkeit hat, sich einem Club anzuschließen und einem außer Fußball eine doch recht große Auswahl an verschiedenen Sportarten zur Verfügung steht.
Nichtsdestotrotz kann die Mitgliedschaft in einem Club sehr exklusiv wirken und nicht jeder möchte sich dauerhaft zu einer monatlichen Leistung verpflichten. Aus diesem Grund bin ich begeistert welche Möglichkeiten einem in Kigali eröffnet werden. Die Auswahl mag womöglich etwas eingeschränkter sein - von Feldhockey haben die meisten hier leider noch nichts gehört -, jedoch ist in der Stadt jeder ermutigt sich körperlich zu betätigen, auch wenn der Geldbeutel mal etwas schlanker ist. Öffentlich kostenlos nutzbare Einrichtungen, wie der Green Carpet (Laufstrecken in Kacyiru und Kimihurura), Gemeinschaftssport während Umuganda oder eben die zuvor erwähnten Gruppen, bringen den Menschen den Sport auf eine Weise näher bei der man sich zu nichts verpflichtet fühlen muss. Stattdessen liegt der Fokus auf dem was im Wettbewerb doch manchmal vergessen werden kann: Dem Körper, der Seele und der zwischenmenschlichen Interaktion und Freude am Leben.
(1) Ancient Olympic Games: https://www.olympics.com/ioc/pierre-de-coubertin/ancient-games-as-modern-inspiration
(2) Picture of Kigali's big stadiums: https://hobenews.com/amahoro-stadium-competes-for-best-stadium-in-the-world-award/
Es ist nicht einfach zu schreiben und dabei die Masse an verschiedenen Hintergründen und Meinungen aller Leser und Leserinnen zu berücksichtigen. Ich sehe es in meiner Verantwortung und bemühe mich immer so neutral, transparent und aufgeschlossen wie möglich über meine Erfahrungen in Ruanda zu berichten. Doch auch ich bin ein subjektives Wesen, mit meinen eigenen Ansichten, Werten und Normen, geprägt von meinem Umfeld wie jeder andere Mensch auch. Konstruktive Kritik ist daher essentiell, um Fehler zu erkennen, mein eigenes Verständnis zu verbessern und dir einen sichereren Raum zum Lesen bieten zu können.











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