God's Plan IV - Smooth Sailing on the Titanic
Mount Bisoke ist wohl mit Abstand der beliebteste Vulkan in Ruanda's Volcanoes National Park. Er ist weder der kleinste, noch der größte, hat die höchsten Besucherzahlen und seine Beliebtheit geht wahrscheinlich auf den Kratersee zurück, der seinen Gipfel schmückt. Auch Mount Muhabura hat einen solchen Kratersee, doch es ist nicht schwer zu verstehen warum dieses absolut respektlose Monster von einem Berg nicht so beliebt ist wie die kleine Schwester. Für Team Titanic war Bisoke der vierte auf der Liste der fünf Vulkane in Ruanda, den wir erklimmen wollten. Jedoch rückt das Jahresende näher, alle sind sehr beschäftigt, oder haben andere Gründe aus denen sie nicht verfügbar sind. Aus diesem Grund wählte God's Plan dieses Mal einen Weg, den lediglich drei von ihnen bestreiten würden: Albert, Iddi und meine Wenigkeit. Wir drei trugen die Last der ganzen Titanic, doch wir waren entschlossen den Rest des Teams nicht zu enttäuschen.
Wir starteten, wie immer nach dem Fiasko unseres ersten Abenteuers, am frühen Samstag morgen. Albert stellte auch dieses Mal wieder sein Auto zur Verfügung, da weder Iddi, noch ich mit einem Gefährt für drei Personen behilflich sein konnten. Die Fahrt nach Musanze war angenehm und verlief ohne unvorhersehbare Vorkommnisse. Ich saß auf der Rückbank und betrachtete staunend die Wolken, die sich unter uns durchs Tal schlängelten, wie Wasser durch Fjorde, während wir uns über den Hügelkamm bewegten und ab und zu in das dichte Nebelmeer eintauchten.
Nachdem wir uns in Musanze ein klein wenig verfahren hatten, erreichten wir die RDB (Rwandan Development Board) Anmeldung für den Nationalpark in letzter Minute. Es war kurz vor acht Uhr und wir hatten noch ein paar Minuten Zeit bevor die offizielle Anmeldung schließen würde, also beeilten wir uns unsere Ausweise und Parkeintrittsgenehmigungen zur Registrierung zu bringen. Wir alle gingen nochmal für kleine Jungs und Mädchen und kamen zurück auf einen leeren Parkplatz. Eben noch hier, hatten sich unsere Mitwanderer heimlich weggeschlichen, als wir nicht hingesehen hatten und waren ohne uns aufgebrochen. Alles halb so wild. Wir ließen uns die Telefonnummer von unserem Guide geben, schnappten uns einen Fahrer und machten uns ohne Umschweife auf den Weg um die anderen einzuholen. Noch etwa drei Kilometer vom eigentlichen Startpunkt unserer Wanderung entfernt, mussten wir unsere betagte Kutsche zurücklassen, da sie die Straßenbedingungen voraussichtlich nicht überstanden hätte. Also galt es fußläufig unsere Verspätung wett zu machen. Da wir jedoch alle drei mittlerweile erfahrene Wanderer waren, hatten wir die Meter in null Komma nichts zurückgelegt und trafen den Rest der Gruppe, der noch dabei war sich auf die anstehende Herausforderung vorzubereiten.
Auf dem Weg zum Parkeingang liefen wir, wie immer, über die Felder der ansässigen Bauern, winkten den Kindern, die uns aufgeregt hinterherriefen und genossen die trockenen Füße, solange wir sie nutzen konnten. Die Wettervorhersage sah alles andere als sonnig aus und es waren Gewitter von elf Uhr Morgens bis drei Uhr Nachmittags angesagt. Ich bereitete mich also innerlich bereits auf das Schlimmste vor, während Iddi voller Überzeugung war, es würde nicht regnen. Die Strecke zum Nationalpark war überdies nicht sonderlich herausfordernd, doch ich merkte bald, dass zwei Amandazi und ein Becher Tee an Nahrung nicht ausreichten, um mir genug Energie für den Vulkan zu bieten.
Wir erreichten die Grenze zwischen Farmland und Wald, wo wir über die kleine Holzbrücke in den Ring steigen würden, um den Berg zu bezwingen. Bei unserem damaligen Kampf gegen Muhabura hatte ich meine Lektion bezüglich der Aufrechterhaltung meiner Energiereserven gelernt, also kramte ich nach den Snacks in meinem Rucksack, während wir auf den Rest unserer Wandergesellschaft warteten - Team Titanic krönte natürlich die Front der Truppe. Es gab wieder eine kurze Einführung und gegen zehn Uhr betraten wir den Park um Bisoke zu erklimmen.
Ich muss gestehen, dass es mir schwer fällt den Aufstieg an diesem Tag zu beschreiben. Er war so schnell vorbei, dass ich nicht sehr viel mitbekam. Es war durchaus ein angenehmes Workout und ich möchte nicht respektlos oder arrogant wirken (was ich wahrscheinlich dennoch tue), indem ich sage, Bisoke ist einfach zu besteigen. Wir kamen durchaus gut ins schwitzen mit einigen recht anstrengenden Streckenabschnitten. Jedoch wurden diese immer wieder von angenehmeren Distanzen über flacheren Grund unterbrochen, während denen man sich ausruhen konnte, ohne stehen zu bleiben.
Ursprünglich war meine Aufmerksamkeit noch auf die Stiefel des Porters vor mir gerichtet. Gedankenlos folgte ich jedem seiner Schritte und weigerte mich zurückzufallen. Der Mann marschierte jeden Tag irgendeinen Berg hoch und wusste genau welche Wege er wählte und wo er seine Füße hinsetzte. Diese effiziente Methode erleichterte mir den ersten Teil des Anstiegs. Mit der Zeit zog sich auch unsere kleine Titanic Gruppe an der Spitze etwas auseinander und ich begann nun meine eigenen Schritte zu wählen. Ich ließ mich allerdings regelmäßig von unserem Porter Simon beraten, der mir die besten Pfade zeigte und mich an steileren Stellen die Wurzeln der Bäume hinaufzog.
Es war elf Uhr, als mir Simon auf Nachfrage hin mitteilte, dass wir noch etwa eine Stunde vor uns hatten, bevor wir den Gipfel erreichen würden. Das war bereits überraschend genug, doch komplett verdutzt stand ich da, als er nach einer halben Stunde sagte noch zehn Minuten und fünf Minuten später rauschte ich in gewisser Weise durch den Nebel in das Schild: "Bisoke Vulcano Summit". Natürlich war es mal wieder sehr neblig, weshalb wir den Kratersee, für den Bisoke so beliebt war, nicht sehen konnten.
Albert hatte das Ziel einige Minuten vor mir erreicht und Iddi folgte kurze Zeit nach mir. Alle drei waren wir ein wenig verwirrt, wo denn dieses Schild plötzlich herkam. Wir hatten den Gipfel in anderthalb Stunden erreicht, was nach Monstern wie Muhabura oder dem Giganten Karisimbi, wohl doch ein wenig unterwältigend erschien. Ich möchte Bisoke nicht kleinreden: wie erwähnt hatte auch dieser Berg seine Ecken und Kanten und durchaus anstrengende Abschnitte. Außerdem hatten wir den Abstieg noch vor uns und es begann jetzt erst zu regnen.
Iddi und ich einigten uns auf unentschieden in unserer inoffiziellen Wette bezüglich des Wetters. Schließlich wurde es erst nass, als wir bereits auf dem Rückweg waren. Wir trafen beim Abstieg viele Leute, die den Gipfel noch nicht erreicht hatten und ich fühlte ihr Leid, hatte sich doch Team Titanic in derselben Situation wiedergefunden, als wir uns im März desselben Jahres dem ersten Vulkan, Gahinga, annahmen. Es war nass und matschig. Insbesondere matschig. Auch auf Gahinga wateten wir durch zahlreiche Schlammpfützen und tauchten in ihnen nach Gold. Doch auf einer Skala von nass bis schmutzig, lag Gahinga wahrscheinlich noch mehr im feuchten Bereich - nicht zuletzt wegen vieler Flüsse, die bei Bisoke fehlten - , während Bisoke scheinbar versucht war unsere Füße in einer unendlichen braunen Masse zu verschlingen.
Ich störte mich zunächst nicht sonderlich daran, schließlich hatte ich bereits damit gerechnet. Wie ein trotteliges Kleinkind stolperte ich den Berg hinab, meinem eigenen Kopf folgend, Simon immer bemüht mich aufzufangen, wenn ich über meine eigenen Füße fiel, jedoch nicht immer erfolgreich. Mehr als einmal landete ich Face-first im Gebüsch und es ist mal wieder ein Wunder, dass ich mir nicht meine Nase brach. Gut dass unser treuer Porter mir meinen Rucksack abgenommen hatte, andernfalls hätte das Regencover wahrscheinlich auch nicht mehr viel gebracht.Im Gegensatz zum ernüchternd kurz wirkenden Aufstieg, zog sich der Abstieg mal wieder unendlich in die Länge und die Schlitterpartie durch den ununterbrochen knöcheltiefen, feucht-viskosen Schlamm begann mir auf den Keks zu gehen. Die Schuhe waren bereits von einer hoffnungslos dicken braunen Schicht ummantelt und dennoch war man bemüht den Schlammfeldern so gut wie möglich auszuweichen, da man nie wusste, was darunter verborgen schlummerte. Wir erreichten unseren ersten Pausenplatz vom Aufstieg und warteten auf Iddi und einen anderen Porter. Ich entdeckte einen Bachlauf - wahrscheinlich der einzige am ganzen Berg - und begann mir mit dem schmutzigen Wasser mühselig meine Schuhe und Hose abzuspülen. Absolut nutzlos, wie sich herausstellte.
Mal wieder hatte ich die restliche Distanz zum Parkausgang unterschätzt und nach wenigen Minuten sahen meine Füße aus, wie zuvor. Doch alles Leid hat ein Ende und so erreichten wir schließlich die Grenze zum anliegenden Farmland, wo wir uns einen Augenblick sammelten und dann unseren Rückweg zu den Autos antraten. Wir erreichten den Treffpunkt, gerade als es wieder zu regnen begann und unsere beiden südafrikanischen Mitstreiter, die mit Team Titanic die Bisoke-Truppe angeführt hatten, waren so nett und boten uns eine Mitfahrgelegenheit zu unserem eigenen Fahrzeug, nachdem wir die Porter bezahlt hatten.
Wir fuhren zurück zum RDB Treffpunkt, wo wir einen Wachmann überzeugten uns die Dusche aufzuschließen, damit wir uns waschen und warme trockene Kleidung anziehen konnten. Anschließend ging es wie gewohnt nach Musanze, um uns unser verdientes Abendessen zu gönnen.
Eine dezimierte Titanic hatte sich Rwanda's beliebtesten Vulkan angenommen. Ohne Probleme und in kürzester Zeit hatten wir die Spitze erreicht, während wir beim Anstieg von Gahinga noch halb verzweifelt waren. Bisoke bietet ein gutes Workout für moderat erfahrene Wanderer, ist jedoch keine Herausforderung, die man mit Titanen wie Muhabura oder Karisimbi vergleichen kann. Es ist schade, dass wir den Kratersee nicht sehen konnten, doch andererseits ist die Blindheit auf der Spitze mittlerweile ein Teil der Titanic geworden. Alles in allem war die Erklimmung Bisokes ein angenehmer Seitenabstecher zum Ende des Jahres gewesen, der uns zeigte wie weit wir seit Beginn des Jahres gekommen waren. Herausforderungen sind Routine geworden und was uns im März noch in die Knie zwang, wurde im November mit Leichtigkeit überwunden. Nun gilt es zu hoffen, dass der letzte der fünf Vulkane in den nächsten Monaten die Bauarbeiten neuer Wanderpfade abschließt, sodass Team Titanic das Quest beenden kann, bevor ich meine Heimreise nach Europa antrete.
Es ist nicht einfach zu schreiben und dabei die Masse an verschiedenen Hintergründen und Meinungen aller Leser und Leserinnen zu berücksichtigen. Ich sehe es in meiner Verantwortung und bemühe mich immer so neutral, transparent und aufgeschlossen wie möglich über meine Erfahrungen in Ruanda zu berichten. Doch auch ich bin ein subjektives Wesen, mit meinen eigenen Ansichten, Werten und Normen, geprägt von meinem Umfeld wie jeder andere Mensch auch. Konstruktive Kritik ist daher essentiell, um Fehler zu erkennen, mein eigenes Verständnis zu verbessern und dir einen sichereren Raum zum Lesen bieten zu können.





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