Umuganda - Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen


[1] Umuganda ist ein Programm in Ruanda bei dem alle Bürgerinnen und Bürger dazu aufgefordert sind, gemeinnützige Arbeit zum Wohl ihrer Mitmenschen, aber auch der Umwelt zu leisten. Es ist Teil der ruandischen Kultur und findet regelmäßig am letzten Samstag des Monats, zwischen 8 und 11 Uhr Morgens, statt. Die Aktivität, die an diesem Tag ausgeführt werden soll, wird am Tag zuvor in der entsprechenden Nachbarschaft verkündet und es wird erwartet, dass alle daran teilnehmen. 

In meinen früheren Artikeln hatte ich diese Tradition bereits mehrfach erwähnt und dieser Text wartet nun bereits seit über einem Jahr darauf veröffentlicht zu werden. Ich habe prokrastiniert und aufgeschoben und wollte ihn erst teilen, sobald ich selbst einmal an Umuganda teilgenommen habe. 

Historischer Hintergrund

Umuganda ist keine Neuheit in Ruanda. Bereits zur Zeit der Könige wurden regelmäßige Zusammenkünfte abgehalten, bei denen beispielsweise eine neue Straße gebaut wurde, um die Infrastruktur der Gemeinschaft zu verbessern. Im Gegensatz zum klar strukturierten und organisierten Ablauf des Programmes, wie es heute zu beobachten ist, lief das Ganze damals jedoch ein wenig spontaner ab. Wenn lokale Ämter feststellten, dass es ein Problem oder einen Mangel gab, den es zu beheben galt, riefen sie die Einwohner einer Gemeinde zusammen um gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Selbstverständlich erforderte dies in einer Zeit vor dem Telefon, geschweige denn dem Internet, eine laute Stimme, die die Bürgerinnen und Bürger versammeln konnte. Auch wenn das gemeine Volk selbstverständlich nicht die Autorität besaß, persönlich eine solche Versammlung auszurufen, so konnten die Menschen, wenn sie eine Idee hatten, persönlich zu den örtlichen Behörden gehen und ihr Anliegen vorbringen. In der Übergangszeit von der Monarchie zu einer präsidialen Regierung wurde Umuganda nicht praktiziert. Erst in den 90er Jahren, nach dem Genozid 1994, wurde es wieder eingeführt, was neben dem Allgemeinwohl auch dabei half, bestehende Konflikte in der Bevölkerung zu überwinden.

Aktivititäten von Umuganda

Die Aktivitäten die im Zuge von Umuganda ausgeführt werden, sind ebenso vielfältig wie umfangreich. Vom Kürzen des Grases am Straßenrand, über das Reinigen der Stadt durch Sammeln von Müll, bis zur Rennovierung und Konstruktion von Schulen, Straßen und anderer Infrastruktur, ist alles dabei. Nachbarn können entscheiden, dass sie ihre älteren Mitbürgern und –bürgerinnen gerne bei der Feldarbeit unterstützen möchten, es gibt Malariapräventionskampanien, Bäume werden gepflanzt und andere natürliche Ressourcen geschützt. Es profitieren also nicht nur die Menschen, insbesondere marginalisierte Gruppen, von Umuganda, sondern auch die Umwelt.  

Den Leuten der ruandischen Bevölkerung wird während Umuganda weiterhin die Möglichkeit bereitet, ihre Sorgen und Wünsche auszudrücken oder Rückmeldung bezüglich lokaler Entwicklungsprojekte zu geben. Bürgerinnen und Bürger werden über gemeinschaftliche Bedürfnisse aufgeklärt und diskutieren kommunale Brennpunkte und Regierungsrichtlinien. Dieses partizipative und responsive System der öffentlichen Verwaltung ermöglicht es sinnvolle Lösungen für Gemeinschaftsprobleme zu finden. Solche Diskussionen dauern auch gerne über die vorgesehenen drei Stunden hinaus an.

Zugrundeliegende Inspiration

Im Vordergrund von Umuganda steht selbstverständlich die Entwicklung der Gemeinschaft, sowie die Erhaltung und Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, insbesondere benachteiligter Gruppen. Auch die nationale Einheit der Bevölkerung soll durch das Programm gefestigt werden, besonders in Anbetracht der leidvollen Geschichte des Landes.

Auch Schulen und Universitäten organisieren oftmals Veranstaltungen für Umuganda. Durch die aktive Beteiligung von Jugendlichen an der Arbeit, entwickeln sie nicht nur nützliche Softskills, wie Teamwork und Führungsqualiten, sondern auch praktische Fertigkeiten im Bauwesen. Die kulturelle Verantwortung zur Gemeinschaftserhaltung wird der nächsten Generation so schon früh mit auf den Weg gegeben. Neben Umuganda gibt es in Ruanda zudem Urugerero. Dies ist ein- ein bis zweiwöchiger Workshop für Schulabsolventen und –absolventinnen, in denen sie über nationale Werte lernen und ebenfalls Gemeinschaftsarbeit ableisten. Urugerero wurde erst vor wenigen Jahren eingeführt und ersezt den zuvor dagewesenen Militärdienst, der über mehrere Wochen abgehalten werden musste.

Positive Nebenwirkungen

Neben den offensichtlichen Beweggründen von Umuganda, hat dieses Programm, insbesondere nach dem Genozid viele positive Nebeneffekte mit sich gebracht. Versöhnung und Vertrauensaufbau innerhalb der Bevölkerung nach dem Völkermord war nicht der Zweck, ist jedoch ein Resultat der wiedereingeführten Tradition. Mit einem gemeinsamen Ziel kamen verschiedene Bevölkerungsgruppen, unabhängig ihrer Hintergründe, zusammen und schafften es gemeinsam ihr Land von grund auf wiederaufzubauen. Geteilte Werte einer kollektiven Verantwortung und wechselseitige Kooperation, ermöglichten es den Menschen von Ruanda, bemerkenswerte ökonomische und soziale Transformationen in den Jahren nach 1994 zu erreichen. Ein großer Anteil der Infrastruktur des Landes wurde durch Umuganda aus dem Boden gestampft.

Die Beteiligung lokaler Regierungen und höherer Führungsämter ermöglicht überdies einen gezielten Einsatz von Ressourcen für kommunale Prioritäten wie Straßenerhaltung, Bildung oder Gesundheit. Durch die regelmäßige Organisation des Programms, haben örtliche Behörden die Verantwortung über Defizite bescheidzuwissen und diese zu beheben.

Auch international ist das Konzept von  Umuganda anerkannt und wurde in manchen Ländern sogar in angepasster Weise übernommen. Uganda und Kenia, beispielsweise, haben ähnliche von Ruanda inspirierte Modelle aufgenommen und internationale Organisationen haben Umuganda bereits als Vorbild für gemeinschaftsorientierte Entwicklung hervorgehoben, besonders in Ländern die an der Aufarbeitung ehemaliger Konflikte und dem Ausbau der ökonomischen Entwicklung arbeiten.

Beteiligung aller Bürger und Bürgerinnen

Zwar ist die Teilnahme an Umuganda nicht unbedingt ganz freiwillig. Insbesondere auf dem Land, wo jeder jeden kennt, kann es passieren, dass jemand an deiner Türe klopft und dich zur Rede stellt, wenn du nicht erscheinst. Auch ist es empfohlen sich nicht auf der Straße sehen zu lassen, wenn man nicht vorhat, sich an der Gemeinschaftsarbeit zu beteiligen, da man auch von örtlichen Beamten darauf angesprochen werden kann. Besonders kommunale Führungskräfte, Politiker und Politikerinnen, Beamte und Militärs sind dazu angehalten sich zu beteiligen. Selbst vom Präsidenten höchstpersönlich gibt es Bilder, wie er sich mit Spaten in den Händen an der Konstruktion von Infratruktur und anderen Aktivitäten beteiligt [2]. 

Das wurde mir zumindest so mitgeteilt, als ich diesen Text kurz nach meiner Ankunft in Ruanda vor über einem Jahr so verfasste. In der Realität sind es jedoch überwiegend ältere Leute, zumindest in der Stadt, die an Umuganda teilnehmen. Von allen Leuten die ich hier im vergengenen Jahr kennengelernt habe, kenne ich nur eine Person die laut eigener Aussage hin und wieder an Umuganda teilnimmt. Ich selbst habe vierzehn Monate gebraucht um endlich einmal selbst die Initiative zu ergreifen. 

Es war zwei Monate vor meinem Abschied und der letzte Monat an dem ich in der Lage war teilzunehmen. Es passte so perfekt in meinen Zeit- und Wochen- und Monatsplan, dass ich schon fast glaubte es sei höhere Gewalt, dass ich es zuvor noch nicht geschafft hatte Umuganda persönlich zu erfahren. Es sollte alles auf diesen letzten Samstag im Mai 2026 hinauslaufen. Doch dann änderete die höhere Gewalt ihre Meinung und ich steckte in der Stadt, hinter gesperrten Straßen, ohne Werkzeuge, fern von meiner Nachbarschaft in Kacyiru fest und beobachtete andere Gruppen aus der Ferne, wie sie sich singend und Machete schwingend daran machten das dichte Gestrüpp der umliegenden Grünflächen in der Nachbarschaft zu trimmen. 

Fazit

Umuganda ist eine wundervolle Idee die Bevölkerung zusammenzubringen und gemeinsam auf das Ziel hinzuarbeiten ihre Umgebung lebenswert zu machen. Auch wenn meiner Beobachtung nach viele Leute, zumindest in Kigali, den letzten Samstag im Monat lieber dazu nutzen den Stress der Woche wegzuschlafen, da während der Zeit ohnehin alle Hauptstraßen gesperrt und Läden geschlossen sind, werden Aktivitäten während Umuganda von der Regierung und anderen Autoritäten resolut angetrieben. Ohne den Zwang zur Partizipation, jedoch mit dem nach wie vor erfolgreichen Ziel reger Beteiligung, starker Gemeinschaftsförderung, fundermentaler Verbesserung der Lebensbedingungen von allen und dem Vorantreiben der Entwicklung des ganzen Landes.

[1] Umuganda, a path to self-reliance of Rwandans (04.06.2026, 16:00 Uhr)

[2] President Kagame, First Lady Join Rwandans in Umuganda - KT PRESS (04.06.2026, 16:03 Uhr)

Es ist nicht einfach zu schreiben und dabei die Masse an verschiedenen Hintergründen und Meinungen aller Leser und Leserinnen zu berücksichtigen. Ich sehe es in meiner Verantwortung und bemühe mich immer so neutral, transparent und aufgeschlossen wie möglich über meine Erfahrungen in Ruanda zu berichten. Doch auch ich bin ein subjektives Wesen, mit meinen eigenen Ansichten, Werten und Normen, geprägt von meinem Umfeld wie jeder andere Mensch auch. Konstruktive Kritik ist daher essentiell, um Fehler zu erkennen, mein eigenes Verständnis zu verbessern und dir einen sichereren Raum zum Lesen bieten zu können. 

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