Igisoro - Das Spiel das Kühe schützt und Kultur stützt

Igisoro ist ein strategisches Brettspiel, das tief in der ruandischen Kultur verwurzelt ist. Es besteht aus einem Brett mit 32 Mulden, angeordnet in vier Reihen und acht Spalten. In den meisten Fällen ist das Brett aus Holz. Zwei Personen spielen gegeneinander, jede besetzt zwei Reihen von Mulden auf ihrer jeweiligen Seite des Bretts. Zu Beginn des Spiels sind die inneren beiden Reihen jeweils mit vier Steinen oder Pflanzensamen pro Mulde gefüllt, die Inka genannt werden (Deutsch: Kühe). Sie „Kühe" zu nennen, ist nicht willkürlich, denn Kühe sind ein integraler Bestandteil der ruandischen Kultur und symbolisieren Wohlstand und Einheit. Für das Spiel selbst ist es wichtig, dass man seine Kühe in Sicherheit bringt und sie um jeden Preis beschützt.

Das Spiel beginnt damit, dass beide Spieler alle Inka aus einer ihrer eigenen Mulden nehmen und sie gegen den Uhrzeigersinn aussäen, wobei sie in jede Mulde ihrer beiden eigenen Reihen einen Samen fallen lassen. Wenn der letzte in eine Mulde fällt, in der bereits andere Inka liegen, nimmt der Spieler sie alle wieder auf und setzt seinen Zug gegen den Uhrzeigersinn fort. Wenn der letzte Samen in eine leere Mulde fällt, beendet der Spieler seinen Zug und der Gegner ist an der Reihe. Ein Spieler darf nur dann einen Zug machen, wenn sich mindestens zwei Inka in einer Mulde befinden. Gibt es nur eine Inka, kann sie nicht zum Ziehen verwendet werden und der Spieler muss eine andere Mulde mit zwei oder mehr Samen finden.

Um den Gegner zu besiegen, muss man ihm seine Inka stehlen und die eigenen schützen. Wenn der eigene Zug damit endet, dass die letzte Inka in eine Mulde der inneren Reihe fällt und diese Mulde direkt gegenüber von zwei Mulden des Gegners liegt (einer in dessen innerer, einer in dessen äußerer Reihe), die beide Samen enthalten, erbeutet man alle Kühe aus beiden gegnerischen Mulden. Man nimmt die Inka des Gegners und beginnt den nächsten Zug von derselben Mulde aus, von der man den vorherigen Zug begonnen hat. Zwei bestimmte Mulden auf dem Brett erlauben es, in die entgegengesetzte Richtung (im Uhrzeigersinn) zu ziehen, wenn dieser Zug ermöglicht, die Kühe des Gegners zu stehlen. Das Spiel geht so lange weiter, bis einer der Spieler nicht mehr genug Inka hat, um einen Zug machen zu können. Der Spieler, der seine Kühe erfolgreich beschützt hat, gewinnt das Spiel.

Ich erinnere mich, wie ich dieses Spiel noch im Kindergarten gespielt habe. Wir hatten eines dieser Holzbretter mit 4 x 8 Mulden und spielten mit kleinen roten und grünen Plastiksteinchen anstatt Samen. Ich hatte dieses Spiel, das ich vor 20 Jahren gespielt hatte, längst vergessen. Doch als ich es zum ersten Mal nach meiner Ankunft in Ruanda wieder vor Augen hatte, kam es mir sofort wieder in den Sinn. Natürlich hatte ich damals keine Ahnung, woher dieses Spiel ursprünglich stammte. Ich war mehr an den glänzenden Steinen und dem charakteristischen Klicken interessiert, wenn ich sie in die Mulden fallen ließ. Heute betrachte ich das Spiel mit einem Gefühl der Nostalgie und sehe die tiefen Wurzeln, die sich mit Ruandas lebendiger und vielschichtiger Kultur verflechten.

Das Wissen um Igisoro reicht weiter zurück als das 16. Jahrhundert – lange bevor die ersten Europäer ruandischen Boden betraten. Es wird erzählt, dass das Spiel vom König gespielt wurde, der auch als derjenige gilt, der es erfunden hat. Die wahren Ursprünge von Igisoro sind jedoch in Gerüchte und Spekulationen gehüllt. Ähnliche Spiele tauchten in anderen Ländern des afrikanischen Kontinents auf, noch bevor offizieller Kontakt zwischen verschiedenen Völkern dokumentiert wurde. In Ruanda verbreitete sich Igisoro unter König Ruganzu II Ndoli, der es in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts populär machte. Auch heute noch findet man die charakteristischen Einmeißelungen in Felsen verschiedener Regionen Ruandas. Ich selbst fand ein altes in Fels gehauenes Brettspiel in Rutsiro, auf Ackerland nahe dem Gishwati-Mukura National Park. [1, 3]

Im Jahr 2023 wurde Igisoro erstmals in den Umurenge Kagame Cup aufgenommen. Dieser „Wettbewerb ist seit 2006 eine wichtige Plattform für Gemeinschaften, um Talente zu zeigen und gute Regierungsführung sowie sozialen Zusammenhalt zu stärken" [4]. Es wurde festgestellt, dass vor allem Erwachsene von diesem Spiel angezogen werden und junge Menschen sich mehr für digitale Spiele und westliche Popkultur interessieren, während ihre eigenen Traditionen und Spiele als veraltet angesehen werden [1, 2, 3, 4].

Kulturexperten machen sich Sorgen, dass die ruandische Jugend sich immer mehr von ihrem kulturellen Erbe entfremdet. Deshalb hat die Rwanda Cultural and Heritage Academy (RCHA) in Partnerschaft mit der Jumelage ein Projekt gestartet, um Igisoro in ruandische Schulen einzuführen. Im Jahr 2026 fanden mehrere Schulungen für Lehrer aus dem ganzen Land statt, bei denen sie nicht nur lernten, das Spiel zu spielen, sondern auch über seine kulturelle Relevanz und seine kognitiv positiven Auswirkungen, besonders für junge Menschen. Igisoro erfordert mathematische Berechnungen und Strategie. Es soll den Schülern strategische Planung, Geduld und Konzentration sowie schnelle Entscheidungsfindung und Verantwortungsbewusstsein beibringen. [2, 3]


Neben der Lehrerschulung fand ein nationaler Schülerwettbewerb für Sekundarschüler an drei verschiedenen Orten im Land statt: Im Umweltmuseum im Karongi Distrikt, im Nationalen Ethnografischen Museum in Huye und im Rwanda Art Museum in Kicukiro, Kigali [2]. Das bietet den Schülern nicht nur einen Raum, um physisch mit Gleichaltrigen aus verschiedenen Regionen zu interagieren und sich gegenseitig herauszufordern. Indem sie zu verschiedenen Museen reisen, in denen sie möglicherweise noch nie zuvor waren, setzen sie sich auch mit anderen Aspekten ihrer eigenen Kultur auseinander. Schüler, die an diesem Wettbewerb teilnahmen, haben bereits die positive Auswirkung des Spiels auf ihre schulische Leistung festgestellt, seitdem es an ihrer Schule eingeführt wurde [2].


Nicht nur ruandische Schüler profitieren vom Igisoro-Spiel. Durch die Jumelage-Partnerschaft haben bereits mehrere Brettspiele ihren Weg nach Rheinland-Pfalz gefunden, wo deutsche Schüler etwas über die ruandische Kultur lernen. Wir hoffen, in Zukunft internationale Wettbewerbe abhalten zu können, um die Partnerschaft zwischen Partnerschulen beider Länder weiter zu stärken. [3]

Es ist für jedes traditionelle Spiel schwer, mit unserer schnellen, modernisierten Welt Schritt zu halten. Das gilt besonders, wenn ein Spiel verlangt, dass man sich für eine unbestimmte Zeit auf einen Hocker setzt und auf dasselbe Holzbrett starrt, während man Samen darauf herumschiebt. Es ist etwas heuchlerisch von mir zu sagen, wir müssten etwas langsamer leben und die Vorteile dieses geistigen Spiels zu schätzen lernen. Schließlich möchte ich selbst nicht mehr lange auf meinen vier Buchstaben sitzen, um UNO zu spielen, wenn jemand es vorschlägt. Dennoch hoffe ich, dass die ruandische Jugend Igisoro nicht so vergisst, wie ich es getan habe. Indem ich nach zwei Jahrzehnten der Entfremdung erneut damit in Kontakt kam, habe ich viel mehr gelernt als nur die Regeln des Spiels. Wie Schach ist es ein strategisches Spiel, das viele Anwendungen auch im echten Leben hat. Und wie Schach hoffe ich, dass es über nationale Grenzen hinaus bekannt werden kann und die Tür zu dieser reichen und farbenfrohen Kultur eines kleinen Landes in Zentralostafrika öffnet.

Es ist nicht einfach zu schreiben und dabei die Masse an verschiedenen Hintergründen und Meinungen aller Leser und Leserinnen zu berücksichtigen. Ich sehe es in meiner Verantwortung und bemühe mich immer so neutral, transparent und aufgeschlossen wie möglich über meine Erfahrungen in Ruanda zu berichten. Doch auch ich bin ein subjektives Wesen, mit meinen eigenen Ansichten, Werten und Normen, geprägt von meinem Umfeld wie jeder andere Mensch auch. Konstruktive Kritik ist daher essentiell, um Fehler zu erkennen, mein eigenes Verständnis zu verbessern und dir einen sichereren Raum zum Lesen bieten zu können. 

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