Freiwilligendienste und interkulturelle Erfahrungen


Nun sind es bald schon zwei Monate, die ich in Ruanda verbracht habe. Der Februar fühlte sich wesentlich kürzer an als der Januar. Das könnte zum einen daran liegen, dass er schlicht weniger Tage hat. Zum anderen habe ich jedoch das Gefühl, je länger ich hier bin, desto mehr nimmt die Zeit an Fahrt auf und beginnt mit exponentiell steigender Geschwindigkeit an mir vorbeizuziehen. Es stand nun die Woche für das Zwischenseminar des Freiwilligendienstes an. 

Die vergangene Woche habe ich mit einer Gruppe anderer Freiwilliger aus Deutschland in Kibuye verbracht. Unsere Unterkunft war das Home Saint Jean, welches traumhaft auf einem der grünen Hügel thront und über den Kivu See wacht. Von der Terasse des Restaurants fällt der Blick direkt auf ein großes weißes Anwesen, welches mich sehr an ein Märchenschloss, ähnlich dem Schloss Neuschwanstein, erinnert. Diese Festung wirkt ein wenig surreal in einem Land, welches doch geographisch so fern der Heimat liegt. 
Die Gegend um Kibuye besitzt im Allgemeinen viele wohlhabende und moderne Anwesen, Ferienwohnungen oder Event-locations (wie z.B. das weiße Schloss). Zudem ist man hier der Natur sehr nahe und fern von dem Trubel der immer geschäftigen Stadt Kigali. Mit Vollverpflegung, einem schicken Hotelzimmer und Bootstouren, würde ich beinahe soweit gehen dieses Zwischenseminar des Freiwilligendienstes, als kleinen Luxusurlaub zu bezeichnen. Doch selbstverständluch sind wir nicht nur zum Spaß hierhin bestellt worden. Ähnlich wie bei dem interkulturellen Training, welchem wir vor Beginn unseres Aufenthalts in Ruanda beigewohnt haben, wurden auch auf dem Workshop in Kibuye viele wichtige Themen im Umgang mit unserem Leben und der Arbeit in einem fremden Land aufgegriffen und behandelt.

Die Reise begann am Dienstag, als ich morgens gegen acht Uhr am Busbahnhof in Nyabugogu ankam. Die anderen Freiwillgen, die von Kigali aus aufbrachen, hatten mir zum Glück einen Sitzplatz auf der Rückbank freigehalten, denn um und in dem kleinen Bus tummelten sich bereits viele Leute, die dieselbe Richtung zum Ziel hatten. Da war ich an dem Tag nicht früh genug gewesen mein Handtuch auf den Sitz zu werfen und ich hoffte, dass niemand meinetwegen nun nicht hatte mitfahren können
Ungefähr drei bis vier Stunden waren wir unterwegs. Nach der Ankunft lief ich mit zwei Mitfreiwilligen von der Busstation zum Hotel (die anderen gönnten sich Motos) und nach etwa 20 Minuten kamen wir an der Unterkunft an. Nach einem üppigen Mittagessen und einer Einführungsrunde in der jeder seine Einsatzstelle einmal vorstellte, saßen wir am Abend auf gemütlichen Booten und schwebten gemächlich in den Sonnenuntergang. Nachdem das andere Boot unterwegs einen Motorschaden erlitt, kuschelten wir uns alle zusammen auf das übrige und setzten unsere Tour fort. Unser Ziel war eine Lodge, etwa zwei Stunden entfernt vom Home Saint Jean, wo wir vom Besitzer und seinem Hund mit frischen Getränken und Früchten begrüßt wurden. 


Am nächsten Tag begann dann das Programm richtig. Samstag Vormittag besprachen wir die emotionalen Erfahrungen, die wir bis zu desem Zeitpunkt in Ruanda gesammelt hatten. Sprich, jeder kreierte eine Stimmungskurve über dem Verlauf der Zeit und stellte diese dann anschließend der Gruppe vor. Im Vergleich zu meinen Mitfreiwilligen war meine Kurve selbstverständlich noch recht übersichtlich und ich hatte mich auf mehr Details konzentriert. Alle anderen waren hingegen bereits ein halbes Jahr früher gekommen und hatten vereinzelt wesentlich einschneidendere Erlebnisse zu teilen, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass ein paar von ihnen zur heißen Phase im Ost-Kongo-Konflikt ihre Einsatzstadt Gisenyi verlassen mussten. Dementsprechend war es faszinierend anhand der Stimmungskurven zu sehen, welche Ereignisse den Aufenthalt der anderen Freiwilligen geprägt haben. Dennoch gab es in ein paar Aspekten Parallelen zu meinen eigenen Erfahrungen. Ich scheine zum Beispiel nicht die Einzige zu sein, die ab und zu unter chronischer Unterarbeitung leidet. Das machte mich nachdenklich und ich fragte mich, nicht zum ersten mal, wie man einen Freiwilligendienst rechtfertigt, wenn so viele von uns oft nicht richtig arbeiten können.

Mit solchen Zweifeln habe ich mich bereits zuvor auseinandergesetzt. Doch im Laufe der folgenden Tage würde mir ein wenig klarer werden, dass der vorrangige Zweck nicht zwangsläufig in der absoluten Auslastung der Freiwilligen lag. Vielmehr unterstützen Programme wie der Nord-Süd-, aber auch der Süd-Nord-Austausch interkulturellen Austausch, wodurch Vorurteile und eurozentristische Denkweisen überarbeitet und überwunden werden können. Auf der anderen Seite steht zudem die Stärkung der partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Ländern des globalen Südens und Nordens als wichtige Säule von Freiwilligendiensten, wie sie durch Programme wie Weltwärts ermöglicht werden. Dies ist meiner Meinung nach ein unheimlich wichtiger Punkt, wenn man eine Zukunft anstreben möchte, in der sich beteiligte Parteien auf Augenhöhe begegnen. Es ist in dem Sinne verständlich, dass nicht immer alles rund läuft und manchmal eine freiwillige Person nicht auf Anhieb optimal in eine Einsatzstelle eingeführt werden kann. Das Ganze ist ein Lernprozess, in dem beide Partner herausfinden müssen, wie die Zusammenarbeit am besten funktioniert.
In meinem Fall ist die ganze Sache mit der Unterarbeitung wohl auch ein persönliches Problem. Ich bin ein chronischer Workaholic, der aus einem 4-jährigen Studium mit diversen Nebenjobs kommt, weshalb es sich unnatürlich anfühlt, nun ab und zu einfach mal verschnaufen zu können. Daran kann ich jedoch arbeiten und ich habe mir, nach einem hilfreichen Gespräch mit meinem freiwilligen Jumelage-Kollegen Thomas, einige Dinge vorgenommen, um meine Kapazitäten sinnvoller für die Arbeit nutzen zu können

Im Anschluss an eine kurze Session zu DOs und DON'Ts  in Ruanda, wo bereits vorhandenes Wissen noch einmal aufgefrischt wurde, redeten wir am Nachmittag lange darüber, wie sich unsere Position in der ruandischen Gesellschaft anfühlt. Alle sollten sich anhand einiger Leitfragen überlegen, wie man sich in die Gesellschaft integriert fühlt. Auch hier gab es ein paar Dinge, in denen die meisten von uns ähnliche Unsicherheiten emfanden wenn es darum ging Freundschaften zu schließen, oder als Muzungu alleine durch die Straßen oder über den Markt zu laufen. Insbesondere die vermeintlich enorme Aufmerksamkeit ist etwas mit der einige von uns zeitweise etwas zu kämpfen haben. Doch hier stellt sich im Gespräch mit Menschen aus umliegenden afrikanischen Ländern heraus, dass dies eine spezielle, möglicherweise historisch bedingte, Eigenschaft der Ruander und Ruanderinnen zu sein scheint, alles und jeden sehr aufmerksam zu beobachten. So wichtig sind wir ja schließlich doch nicht. 

Der Sonntag war schwer beladen mit ernsten Diskussionen und herausfordernden Auseinandersetzungen. Am Morgen stellten wir unsere Erfahrungen mit den Einsatzstellen vor, wobei ich in der Vorbereitungsphase mit Thomas über das Arbeitspensum von Freiwilligen in der Jumelage diskutierte und mir von ihm Rat geben lies. In der großen Gruppe thematisierten wir die Ausübung von Gewalt an Kindern - in Ruanda offiziell verboten -, sprachen über Kontroversen der Entwicklungshilfe, wie unter anderem das "White-Saviour"-Narrativ und Abends saßen wir dann um das erste Lagerfeuer herum. Es herrschte leicht bedrückte Stimmung. Allem Zugrunde lag die Idee, sich zu überlegen, was in unserem bisherigen Freiwilligendienst nicht hätte passieren sollen. Viele hatten sich etwas auf Zettel geschrieben, die sie nacheinander ins Feuer verbannten. Wie bei den Stimmungskurven, sorgten auch hier Ereignisse wie zum Beispiel die Kriegshandlungen im Westen, für betrübte Gesichter.

Nach diesem recht emotionalen Wochenende führte uns der Beginn der neuen Woche auf eine weitere Bootstour zur Napoléon Insel. Warum Napoleon, fragst du? War Ruanda nicht deutsche und belgische Kolonie? Hatte der Kollege nicht seine Finger lediglich in Nordafrika, in Ägypten, im Spiel? Das ist richtig, aber die Insel sieht aus wie sein Hut.

Auf dem Hinweg stoppten wir kurz auf der Affeninsel wo uns ein kleiner Freund aufs Boot hüpfte, sobald er feststellte, dass wir mehr Bananen hatten. Leider konnte der kleine Kerl nicht mitkommen und wir mussten unsere Reise schweren Herzens ohne ihn fortsetzen. Auf dem Hut angekommen, erklommen wir seine Spitze, marschierten unterwegs durch Batmans Höhle voller Flughunde, jedoch ohne Höhle und meine Volunta Gruppe (Thomas, Helena und ich) und Bruno (ein anderer Freiwilliger) schaffte es erfolgreich sich davor zu drücken, ein Interview für unsere Einsatzstellen aufzumehmen. Ein professionelles Gruppenfoto, ein Abstieg, erneut durch die überirdiche Bat-Höhle und dann hatten wir uns eine längere Pause zum Schwimmen, essen und Entspannen verdient. Ich selbst hielt mich lieber vom Wasser fern und machte es mir in einer Baumkrone bequem. Bilharziose war dieser Tage mehr als einmal Gesprächsthema, unter anderem am Essenstisch, gewesen und ich konnte ganz gerne auf das Risiko einer solchen Wurminfektion verzichten.


Nach unserer Rückkehr, welche der Großteil der Gruppe dazu nutzte noch ein wenig zu dösen, wurden wir einer kurzen Einheit zu Medienkompetenz unterzogen. Da dies in Anbetracht meines Blogs für mich ein sehr wichtiges Thema ist, werde ich darauf später noch einmal eingehen.

Der Dienstag war ein etwas entspannterer Tag. Dies ist nicht zuletzt dadurch begründet, dass ein Großteil der Gruppe von den vergangenen Programmpunkten bereits ziemlich gerädert war. Morgens beschäftigten wir uns ein wenig mit unserer Rückkehr nach Deutschland zur Mitte des Jahres und Mittags wurde uns eine etwas längere Pause gegönnt, die ich nutzte, um meine Wäsche zu waschen. Wir beschäftigten uns Nachmittags mit den Hintergründen und dem Zweck des Weltwärts-Programms, das es uns allen ermöglicht in Ruanda unseren Freiwilligendienst zu führen. In Zweierteams bekamen wir Hüte unterschiedlicher Farben aufgesetzt und sollten uns, je nach Rolle, in einer inszenierten Diskussionsrunde verschiedene Argumente für und gegen das Weltwärts-Programm an den Kopf werfen. 

Um den Abschluss kümmerte sich Eliphaz, mit einer ausführlicheren Geschichtsrunde, auch um uns für die Hintergründe des Genozids, sowie des Ost-Kongo-Konflikts zu sensibilisieren. Ich verweise an dieser Stelle gerne auf meine beiden Artikel in denen ich diese Themen bereits ansprach und zudem ein paar Quellen vorschlug, damit du dich selber weiter informieren kannst:
Auch wenn ich mich mit einigem das erzählt wurde bereits auseinandergesetzt hatte, war es eine sehr informative Einheit, die mir einige neue Fakten und Perspektiven noch näher brachte. Der Umgang mit dem Konflikt in vielen Medien frustriert mich, da oft eine sehr einseitige Sicht der Dinge in schwarz-weiß dargestellt wird. Eine weitgreifende Kritik möchte ich mir jedoch zu diesem Zeitpunkt noch vorbehalten. Mein Überblick der Geschehnisse ist nach wie vor etwas verschwommen, weshalb ich mir Zeit nehmen will, mich eindringlich damit zu beschäftigen, um dieser komplexen Problematik gerecht werden zu kömnnen.

Zum Abschluss des Seminars wurde am Abend des vierten März ein bunter Abend veranstaltet. Gemütlich am Strand der Unterkunft, von wo wir auch beide Bootsfahrten gestartet haben, wurde ein Lagerfeuer errichtet, Mais und Stockbrot gebrannt und verschiedene Getränke geteilt. Ein recht entspannter Abend. Für die Bier-Pong Runde habe ich mich dann jedoch ausgeklingt und beschlossen lieber ein wenig zu schreiben. Für mich steht ein aufregendes Wochenende an und nicht viel Zeit zur Vorbereitung. Aus diesem Grund muss ich meine treuen Leser am besten schon vorher mit dem nächsten Kapitel versorgen.

Am Mittwoch, dem Tag der Abreise, stand nicht mehr viel Programm an. Auf Wunsch eines Mitfreiwilligen wurde jedoch noch einmal das Thema "Umgang mit dem Tod" angesprochen, da einigie von uns sich bereits, insbesondere in beobachteten Unfallsituationen, damit konfrontiert gesehen hatten.
Nach einer Feedback Runde ging es dann ans Packen. Da ich damit bereits am Vortag begonnen hatte, hieß das für mich ein wenig mehr Freizeit, bevor wir nach dem Mittagessen alle die Heimreise antraten.

Nach Kibuye und von Kibuye waren für mich die ersten öffentlichen Busfahrten innerhalb Ruandas. Ich muss gestehen, dass das alles ein wenig chaotischer vonstatten geht als man es sich manchmal wünschen würde. Der Bus fährt erst los, wenn er voll ist, es kann relativ kuschelig werden und wenn man Pech hat, stoppt er an jedem Apfelbaum um Leute rein- oder rauszulassen. Andererseits muss man dazu sagen, dass die Deutsche Bahn nach meiner Erfahrung der letzten Jahre nicht pünktlicher war, in Bussen habe ich ohnehin immer Platzprobleme - dafür war es tatsächlich gar nichtmal so unbequem - und man hat gute Chancen, dass einem bei Stopps durch die Fenster diverse Snacks und Getränke von Händlern angeboten werden. Zudem sind viele Straßen, vor allem die Hauptverkehrswege, in Ruanda sehr gut ausgebaut. Alles in allem also nicht wirklich mehr oder weniger angenehm als eine Reise in Deutschland, dafür allerdings ein wenig preiswerter.

Weiter oben im Text hatte ich ja bereits erwähnt, dass ich noch einmal genauer auf das Thema der Medienkompetenz eingehen werde. Besonders in einer Welt der Fake News und Social Media, wird es immer wichtiger nicht nur darauf zu achten was man als Leser selber konsumiert, sondern auch was man mit der Öffentlichkeit teilt. Das bezieht sich auf Bilder, ebenso wie auf Texte.
Wir sind alle nur Menschen, daher kann es immer vorkommen, dass man sich versehentlich falsch ausdrückt, wodurch Missverständnisse und Fehlinterpretation an anderer Stelle ankommen. Zur Vermeidung einer fehlerhaften oder einseitigen Darstellung  der Begebenheiten sollte immer reflektiert werden was veröffentlicht wird. Jedoch soll man auch offen für Kritik sein und Rezipienten sollen offen dafür sein zu kritisieren. Ich mache mir immer viele Gedanken darüber, was ich wie in meinem Blog schreibe und möchte dir so wenig wie möglich vorenthalten. Dennoch beschäftige ich mich manchmal mit ernsten Themenbereichen bei denen ich mich auf einem schmalen Grad zwischen adequater Aufklärung und der Bestätigung rassistischer Stereotypen bewege.
Obwohl der Text für diesen Artikel bereits Dienstag Abend stand, habe ich auch Mittwoch und Donnerstag noch lange darüber gebrütet, wie und ob ich einige der auf dem Seminar behandelten Themen vermitteln soll. Ich habe zwei Texte mit unterschiedlichem Fokus und einer anderen Strukturierung erstellt, doch auch damit war ich nie 100-prozentig zufrieden. Ich habe mich letzten Endes für eine chronologische Herangehensweise an die Programmpunkte entschieden, da dies das Seminar aus meiner Sicht am besten wiederspiegelt: Schwere Themenbereiche durchbrochen von auflockernden Aktivitäten und Ausflügen, um die Tage ohne depressive Abstürze überstehen zu können.


Abschließend lässt sich sagen, dass mir das Zwischenseminar neue Blickwinkel auf einige Dinge des Lebens und Arbeitens in Ruanda eröffnet hat. Es tat gut, sich über kleine Alltagsschwierigkeiten auszutauschen und mit Leuten der eigenen Kultur über Herausforderungen eines Freiwilligendienstes zu sprechen. 
Natürlich gibt es immer Dinge, die ausbaufähig sind. So fehlte mir, aber auch vielen der anderen Freiwilligen, auf diesem Seminar eine intensivere und lösungsorientiertere Auseinandersetzung mit individuellen Problematiken. Dennoch bezeichne ich den Aufenthalt in Kibuye als erfolgreich und fühle mich, zumindest ein bisschen, optimistischer in meinem weiteren Vorgehen, besonders im Hinblick auf die Arbeit.

Ich möchte bitte jeden Leser und jede Leserin dazu auffordern, das Berichtete kritisch zu betrachten und gerne zu kommentieren, wenn Inhalte unpassend, unangebracht oder sogar faktisch falsch dargestellt werden. Für mich, wie für jeden anderen, ist das ein Prozess in dem Fehler passieren können und im Laufe der Zeit werde ich die Dinge besser oder zumindest anders verstehen. Bis dahin freue ich mich über Feedback und konstruktive Kritik.

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