Freiwilligendienste und interkulturelle Erfahrungen
Nun sind es bald schon zwei Monate, die ich in Ruanda verbracht habe.
Der Februar fühlte sich wesentlich kürzer an als der Januar. Das könnte
zum einen daran liegen, dass er schlicht weniger Tage hat. Zum anderen
habe ich jedoch das Gefühl, je länger ich hier bin, desto mehr nimmt die
Zeit an Fahrt auf und beginnt mit exponentiell steigender
Geschwindigkeit an mir vorbeizuziehen. Es stand nun die Woche für das
Zwischenseminar des Freiwilligendienstes an.
Am nächsten Tag begann dann das Programm richtig. Samstag Vormittag besprachen wir die emotionalen Erfahrungen, die wir bis zu desem Zeitpunkt in Ruanda gesammelt hatten. Sprich, jeder kreierte eine Stimmungskurve über dem Verlauf der Zeit und stellte diese dann anschließend der Gruppe vor. Im Vergleich zu meinen Mitfreiwilligen war meine Kurve selbstverständlich noch recht übersichtlich und ich hatte mich auf mehr Details konzentriert. Alle anderen waren hingegen bereits ein halbes Jahr früher gekommen und hatten vereinzelt wesentlich einschneidendere Erlebnisse zu teilen, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass ein paar von ihnen zur heißen Phase im Ost-Kongo-Konflikt ihre Einsatzstadt Gisenyi verlassen mussten. Dementsprechend war es faszinierend anhand der Stimmungskurven zu sehen, welche Ereignisse den Aufenthalt der anderen Freiwilligen geprägt haben. Dennoch gab es in ein paar Aspekten Parallelen zu meinen eigenen Erfahrungen. Ich scheine zum Beispiel nicht die Einzige zu sein, die ab und zu unter chronischer Unterarbeitung leidet. Das machte mich nachdenklich und ich fragte mich, nicht zum ersten mal, wie man einen Freiwilligendienst rechtfertigt, wenn so viele von uns oft nicht richtig arbeiten können.
Im Anschluss an eine kurze Session zu DOs und DON'Ts in Ruanda, wo bereits vorhandenes Wissen noch einmal aufgefrischt wurde, redeten wir am Nachmittag lange darüber, wie sich unsere Position in der ruandischen Gesellschaft anfühlt. Alle sollten sich anhand einiger Leitfragen überlegen, wie man sich in die Gesellschaft integriert fühlt. Auch hier gab es ein paar Dinge, in denen die meisten von uns ähnliche Unsicherheiten emfanden wenn es darum ging Freundschaften zu schließen, oder als Muzungu alleine durch die Straßen oder über den Markt zu laufen. Insbesondere die vermeintlich enorme Aufmerksamkeit ist etwas mit der einige von uns zeitweise etwas zu kämpfen haben. Doch hier stellt sich im Gespräch mit Menschen aus umliegenden afrikanischen Ländern heraus, dass dies eine spezielle, möglicherweise historisch bedingte, Eigenschaft der Ruander und Ruanderinnen zu sein scheint, alles und jeden sehr aufmerksam zu beobachten. So wichtig sind wir ja schließlich doch nicht.
Auf dem Hinweg stoppten wir kurz auf der Affeninsel wo uns ein kleiner Freund aufs Boot hüpfte, sobald er feststellte, dass wir mehr Bananen hatten. Leider konnte der kleine Kerl nicht mitkommen und wir mussten unsere Reise schweren Herzens ohne ihn fortsetzen. Auf dem Hut angekommen, erklommen wir seine Spitze, marschierten unterwegs durch Batmans Höhle voller Flughunde, jedoch ohne Höhle und meine Volunta Gruppe (Thomas, Helena und ich) und Bruno (ein anderer Freiwilliger) schaffte es erfolgreich sich davor zu drücken, ein Interview für unsere Einsatzstellen aufzumehmen. Ein professionelles Gruppenfoto, ein Abstieg, erneut durch die überirdiche Bat-Höhle und dann hatten wir uns eine längere Pause zum Schwimmen, essen und Entspannen verdient. Ich selbst hielt mich lieber vom Wasser fern und machte es mir in einer Baumkrone bequem. Bilharziose war dieser Tage mehr als einmal Gesprächsthema, unter anderem am Essenstisch, gewesen und ich konnte ganz gerne auf das Risiko einer solchen Wurminfektion verzichten.
Nach unserer Rückkehr, welche der Großteil der Gruppe dazu nutzte noch ein wenig zu dösen, wurden wir einer kurzen Einheit zu Medienkompetenz unterzogen. Da dies in Anbetracht meines Blogs für mich ein sehr wichtiges Thema ist, werde ich darauf später noch einmal eingehen.
Der Dienstag war ein etwas entspannterer Tag. Dies ist nicht zuletzt dadurch begründet, dass ein Großteil der Gruppe von den vergangenen Programmpunkten bereits ziemlich gerädert war. Morgens beschäftigten wir uns ein wenig mit unserer Rückkehr nach Deutschland zur Mitte des Jahres und Mittags wurde uns eine etwas längere Pause gegönnt, die ich nutzte, um meine Wäsche zu waschen. Wir beschäftigten uns Nachmittags mit den Hintergründen und dem Zweck des Weltwärts-Programms, das es uns allen ermöglicht in Ruanda unseren Freiwilligendienst zu führen. In Zweierteams bekamen wir Hüte unterschiedlicher Farben aufgesetzt und sollten uns, je nach Rolle, in einer inszenierten Diskussionsrunde verschiedene Argumente für und gegen das Weltwärts-Programm an den Kopf werfen.
Nach Kibuye und von Kibuye waren für mich die ersten öffentlichen Busfahrten innerhalb Ruandas. Ich muss gestehen, dass das alles ein wenig chaotischer vonstatten geht als man es sich manchmal wünschen würde. Der Bus fährt erst los, wenn er voll ist, es kann relativ kuschelig werden und wenn man Pech hat, stoppt er an jedem Apfelbaum um Leute rein- oder rauszulassen. Andererseits muss man dazu sagen, dass die Deutsche Bahn nach meiner Erfahrung der letzten Jahre nicht pünktlicher war, in Bussen habe ich ohnehin immer Platzprobleme - dafür war es tatsächlich gar nichtmal so unbequem - und man hat gute Chancen, dass einem bei Stopps durch die Fenster diverse Snacks und Getränke von Händlern angeboten werden. Zudem sind viele Straßen, vor allem die Hauptverkehrswege, in Ruanda sehr gut ausgebaut. Alles in allem also nicht wirklich mehr oder weniger angenehm als eine Reise in Deutschland, dafür allerdings ein wenig preiswerter.
Weiter oben im Text hatte ich ja bereits erwähnt, dass ich noch einmal genauer auf das Thema der Medienkompetenz eingehen werde. Besonders in einer Welt der Fake News und Social Media, wird es immer wichtiger nicht nur darauf zu achten was man als Leser selber konsumiert, sondern auch was man mit der Öffentlichkeit teilt. Das
bezieht sich auf Bilder, ebenso wie auf Texte.
Wir sind alle nur Menschen, daher kann es immer
vorkommen, dass man sich versehentlich falsch ausdrückt, wodurch
Missverständnisse und Fehlinterpretation an anderer Stelle ankommen. Zur
Vermeidung einer fehlerhaften oder einseitigen Darstellung der
Begebenheiten sollte immer reflektiert werden was veröffentlicht wird.
Jedoch soll man auch offen für Kritik sein und Rezipienten sollen offen
dafür sein zu kritisieren. Ich mache mir immer viele Gedanken darüber, was ich wie in
meinem Blog schreibe und möchte dir so wenig wie möglich vorenthalten. Dennoch beschäftige ich mich manchmal mit ernsten Themenbereichen bei denen ich mich auf einem schmalen Grad zwischen adequater
Aufklärung und der Bestätigung rassistischer Stereotypen bewege.
Obwohl der Text für diesen Artikel bereits Dienstag Abend stand, habe
ich auch Mittwoch und Donnerstag noch lange darüber gebrütet, wie und ob ich einige
der auf dem Seminar behandelten Themen vermitteln soll. Ich habe zwei Texte mit unterschiedlichem Fokus und einer anderen Strukturierung erstellt, doch auch damit war ich nie 100-prozentig zufrieden. Ich habe mich letzten Endes für eine chronologische Herangehensweise an die Programmpunkte entschieden, da dies das Seminar aus meiner Sicht am besten wiederspiegelt: Schwere Themenbereiche durchbrochen von auflockernden Aktivitäten und Ausflügen, um die Tage ohne depressive Abstürze überstehen zu können.
Abschließend lässt sich sagen, dass mir das Zwischenseminar neue Blickwinkel auf einige Dinge des Lebens und Arbeitens in Ruanda eröffnet hat. Es tat gut, sich über kleine Alltagsschwierigkeiten auszutauschen und mit Leuten der eigenen Kultur über Herausforderungen eines Freiwilligendienstes zu sprechen.









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